Die Lust an der Tragödie

Pressemitteilung vom 14. Juli 2011

Warum nutzen Menschen freiwillig Unterhaltungsangebote, die bei ihnen Traurigkeit auslösen – eine Emotion, die man im alltäglichen Leben eigentlich vermeiden möchte? Dieser Frage geht eine neue kommunikationswissenschaftliche Publikation theoretisch und empirisch nach. Speziell wurde untersucht, welche Bedeutung sogenannte ›Metaemotionen‹ für die Selektion trauriger Filme haben.

Wie lässt sich die Annahme, dass Menschen ein positives Erleben anstreben, mit der Beobachtung vereinbaren, dass sie auch freiwillig und bewusst auf solche medialen Unterhaltungsangebote zurückgreifen, die Angst, Wut oder Traurigkeit auslösen können?

Vor einigen Jahren wurde die These von der Spaßgesellschaft populär. Die Mediennutzer würden sich von Politik und anderen Hirn und Geist beanspruchenden Dingen des Lebens abwenden und ihre Zeit mit belangloser Unterhaltung verbringen. Verantwortlich dafür seien unter anderem die Medien – und dabei neben den sogenannten ›Neuen Medien‹ wie Internet und Computerspielen vor allem Film und Fernsehen. Gerade der Blick auf das Fernsehen scheint diese These zu stützen. Der Mediennutzer wolle sich in erster Linie vergnügen und finde dazu mittlerweile rund um die Uhr eine vielfältige Auswahl an Unterhaltungsangeboten. Diese Ansicht ist diskussionswürdig, denn Medien bieten eben nicht nur vergnügliche und leicht verdauliche Inhalte.
Es gibt Unmengen an Beispielen dafür, dass auch mediale Unterhaltung für die Rezipienten nicht nur rein vergnügliche Angebote bereithält: Sympathische Spielshow-Kandidaten scheitern kurz vor dem großen Gewinn, der Lieblingsfußballverein verliert überraschend, in Krimis und Horrorfilmen werden Menschen brutaler Gewalt ausgesetzt oder getötet.

Die Frage, warum Rezipienten mediale Unterhaltungsangebote nutzen, die sie traurig machen – und sich bei der Betrachtung des Leides anderer Menschen trotzdem gut unterhalten fühlen –, steht im Fokus des im Herbert von Halem Verlag erschienenen Buchs Unterhaltung durch traurige Filme des Kommunikationswissenschaftlers Marco Dohle. 
Es soll einen Beitrag dazu liefern, die Erfolge vieler tragischer Filme zu erklären – also das scheinbare Paradoxon ihrer Nutzung trotz der von ihnen verbreiteten Stimmung aufzulösen. Die zugrunde liegenden Fragestellungen werden aus einer empirisch sozialwissenschaftlichen Perspektive heraus analysiert, die Annahmen und Fragen aus der theoretischen Analyse empirisch überprüft. Aufbauend auf Erkenntnissen der Rezeptions- und Unterhaltungsforschung sowie der Emotionspsychologie werden verschiedene Dimensionen von Metaemotionen differenziert – basierend auf der Annahme, dass für die positive Bewertung erlebter Traurigkeit verschiedene Gründe vorliegen können.

AUTOREN / HERAUSGEBER

Marco Dohle

Marco Dohle, Dr., 1996 bis 2001 Studium Medienmanagement (Angewandte Medienwissenschaft) mit Nebenfach Psychologie am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Seit 2002 Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kommunikations- und Medienwissenschaft I der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, seit 2010 als Akademischer Rat. Promotion mit einer Dissertation zur Bedeutung von Metaemotionen für die Rezeption trauriger Filme. Hauptarbeitsgebiete: Rezeptionsforschung, politische Kommunikation, Unterhaltungsforschung. ...