Alexander Lindau / Steffen Lepa

Das Unbeobachtbare beobachtbar machen: Dynamische Binauralsynthese als Verfahren zur Untersuchung audiotechnologiebezogener Hypothesen im Rahmen medienpsychologischer Rezeptionsexperimente

Dass das Medium „die Botschaft“ sei, also empirische Kommunikations- und Medienforschung sich nicht nur mit medial übertragenen Inhalten, sondern auch mit den Auswirkungen materieller Medientechnologien auf die Rezeption und Aneignung von Medieninhalten beschäftigen sollte, ist eine alte theoretische Forderung, die jedoch aus verschiedenen Gründen bisher nur selten praktisch-empirisch operationalisiert werden konnte. Mit der Diskussion um Digitalisierung und Mediatisierung der Gesellschaft im 21. Jahrhundert wird die Frage nach möglichen Moderator- oder Mediatorwirkungen von Medientechnologien jedoch erneut virulent. Es ist mithin für digitale Medien konstitutiv, dass derselbe digitale Content mit ganz unterschiedlicher Hard- und Software abgerufen, übertragen und dargestellt werden kann. Welchen Unterschied aber machen die je dabei verwendeten Medientechnologien für die Wahrnehmung, Verarbeitung und Wirkung der Medieninhalte? Zumindest für auditive Medienangebote bietet sich durch den heutigen Entwicklungsstand des Verfahrens der Dynamischen Binauralsynthese zur Untersuchung solcher Fragestellungen ein neues Werkzeug: Mit ihrer Hilfe lassen sich die Wiedergabeeigenschaften von beliebigen Musikabspieltechnologien in beliebigen räumlichen Anordnungen und Hörpositionen so plausibel simulieren, dass auf akustischer Ebene von Laien keine Unterschiede mehr zu den simulierten, räumlich-medialen Dispositiven wahrgenommen werden können. Der Artikel stellt zunächst die technischen Grundlagen des Verfahrens und praktischen Voraussetzungen seiner Realisierung vor, um anschließend damit verbundene Chancen, Grenzen und Herausforderungen für die medienpsychologische Erkenntnisproduktion am Beispiel eines empirischen Forschungsprojekts zu diskutieren, welches sich experimentell mit der Frage der Bedeutung der medialen Wiedergabetechnologien für die Empfindung des emotionalen Ausdrucks von Musik beschäftigte.