Patrick Rössler

»Das Recht auf den eigenen Körper«?

Weibliche Aktdarstellungen in der Illustriertenpresse der Weimarer Republik

Abstract (deutsch)

Der Emanzipationsdiskurs in der Weimarer Republik befindet sich hinsichtlich der medialen Bildkommunikation in einem Spannungsfeld: Betrachterinnen und Betrachter können in einer Aktaufnahme das mutige Aufbegehren gegen eine patriarchalische Ordnung sehen, der am weiblichen Lustgewinn nichts gelegen war, aber in denselben Bildern genauso die stereotypen Unterwerfungs- und Verfügbarkeitsgesten, Sexualisierungen oder Rassismen erkennen, die dieselbe Ordnung stabilisierten. Der Beitrag zeigt anhand von prägnanten Fallbeispielen aus der damaligen Bildpresse und einer systematischen visuellen Inhaltsanalyse von deren Aktdarstellungen, mit welchen Visualisierungen des weiblichen Körpers die Publika jener Epoche konfrontiert waren. Vor dem Hintergrund des Konzepts der „Neuen Frau“ als Form des Visual Framing durch die Illustriertenpresse werden dort Repräsentationen der Diva, des Girls, der Kindfrau, der berufstätigen und der „fremden“ Frau identifiziert. Diese lassen sich in unterschiedlichen Typen publizierter Aktfotos wiederfinden, von der klassischen Atelier-Inszenierung über die Ausdrucks- und Bewegungsstudien des Art Déco, die Freilichtakte der Lebensreform- und Freikörperkulturbewegung, die journalistischen Reportagefotos aus dem Milieu der Revuen und Vergnügungsstätten bis hin zu den Aufnahmen unbekleideter UreinwohnerInnen im Rahmen von ethnografisch begründeten Dokumentationen. Die empirischen Befunde belegen, dass Aktfotografien zwar nur einen kleinen Teil der Berichterstattung ausmachten, aber dennoch in großer Regelmäßigkeit präsent waren. Die Bildredakteure versprachen sich davon vermutlich nicht nur eine voyeuristische Anziehungskraft auf das männliche Publikum; Frauen als die Haupt-Zielgruppe der Magazine konnten diesen Darstellungen ebenfalls entnehmen, welches Schönheitsideal gerade vermeintlich gefragt war. Sie besitzen meist keinen journalistischen Charakter, sondern werden oft als seitenfüllende Solobilder eingesetzt – als selbstbewusstes Statement einer Illustrationspraxis, die weibliche Idealkörper ohne inhaltliche Kontextualisierung, sondern lediglich als visuellen Oberflächenreiz präsentierte.

Abstract (englisch)

With regard to visual communication in the popular media, the discourse on women’s liberation during the Weimar Republic faces a certain ambiguity. On the one hand, viewers may perceive a figure study as a revolt against a patriarchy which was not open for the idea of female lust; on the other hand, the same pictures may have perpetuated the old stereotypes of subordination, disposability or even racism that fostered the traditional gender order. On telling examples from the illustrated press as well as based on a systematic content analysis, this article conveys an impression of the body images the audiences were confronted with in those days. Against the backdrop of the concept of the „New Woman“ as a pattern of Visual Framing by the illustrated press, representations of the diva, the flapper, the working girl, the nymphet, and the ‚exotic‘ woman are identified. These roles can be found in different types of figure studies, among them the traditional studio portrait, the movement studies from the Art Déco age, the outdoor snapshots from the nudist scene, investigative photography in the environment of the dance halls, and pseudo-ethnographic documentations of native people. Empirical data suggests that nude photography accounts only for a small portion of visual coverage, but were present with great regularity in the picture magazines of the period. Editors did not only aim at stimulating their male audience, but also conveyed to their female readers what the current ideal of beauty was. These photos were not journalistic in nature but used often as full-page illustrations – representing a self-confident statement of a media practice that showed the female body without context but as superficial visual allurement.

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