9. Oktober 2008

Bis zum Bug oder weiter?

Bis zum Bug oder weiter?

Zwischen den Städten Dortmund und Rostov am Don, speziell ihren Universitäten und noch spezieller deren Fakultäten für philologische Fächer und Journalistik, besteht seit Anfang der 1990er Jahre eine gelebte Partnerschaft. Fährt man mit der Eisenbahn, dauert es drei Tage und zwei Nächte. Auf der Hinfahrt wurde mir die Welt draußen bereits fremd, nachdem wir bei Frankfurt die Oder passiert hatten. Auf der Rückfahrt, nachdem ich in Brest, wo die Spurweite wieder auf das mitteleuropäische Maß reduziert wird, nachts wegen eines ungültig gewordenen Transitvisums aus dem Zug geholt worden war und mir einen ganzen Tag lang das Foto Präsident Lukaschenkos in weißrussischen Amtsstuben angeschaut...

„Keine Schnecke, sondern die Maus“

„Keine Schnecke, sondern die Maus“

Zwei Jahrzehnte europäische Journalistik Von Gerd G. Kopper Jemand, der nicht unmittelbar beteiligt war, wird aus heutiger Sicht die Aufbruchstimmung nicht nachvollziehen können, die mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall von Mauer und Stacheldraht zwischen 1989 und 1991 den Journalismus im gesamten Europa durchzog. Ein Europa gemeinsamer Perspektiven, Ziele und Interessen schien zum Greifen nah. Es musste nur noch ins Leben gerufen werden. So wurden länderübergreifende Kooperationen aktiviert. „El Paìs“ in Madrid, die „Süddeutsche Zeitung“ und „The Independent“, London, erlaubten Zugriff und Nutzung des gesamten redaktionellen Tagesinhalts aller angeschlossenen Partner-Redaktionen....

Segmentierte Transnationalisierung

Segmentierte Transnationalisierung

Forschungsprojekt zum Wandel der EU-Öffentlichkeit Von Andreas Hepp, Michael Brüggemann, Katharina Kleinen-von Königslöw, Swantje Lingenberg & Johanna Möller Gibt es so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit? Und wenn ja, wie ist diese gestaltet? Diese beiden Fragen beschäftigen seit längerem die Forschung im Bereich der politischen Kommunikation mit durchaus normativen Erwägungen. So wird in verschiedenen Demokratietheorien die (massen)­medial vermittelte „Öffentlichkeit“ als zentral angesehen für das Funktionieren von Staaten bzw. die Legitimation von Regierungen. Die Folgerung ist, dass mit dem politischen und wirtschaftlichen Relevanzgewinn der EU auch die Notwendigkeit...

Alles geht. Oder?

Alles geht. Oder?

Tabus im europäischen Journalismus Von Andrea Czepek Auf den Titelseiten prangen nackte Frauen, im Innern der Boulevardpresse und (nicht nur) der bunten Zeitschriften wird das Privatleben der Politiker minutiös beleuchtet, wir lesen die SMS des finnischen Außenministers an eine Prostituierte mit oder schauen einem deutschen Minis­ter beim Planschen im Pool mit der Geliebten zu. Ungezügelter Sex, rohe Gewalt und aufgeschlitzte Körper beleben jede durchschnittliche Arztserie. Wenn man da noch auffallen will, muss man schon ein Buch über weibliche Körperöffnungen schreiben (als Frau). Grenzen scheint es nicht zu geben in europäischen Medien, alles geht, je härter, desto besser, kein Thema...

Braucht Europa einen Presserat?

Braucht Europa einen Presserat?

Optionen einer supranationalen Selbstkontrolle Von Horst Pöttker Unter den nationalen Presseräten herrschte bisher die Meinung, ein europäischer Presserat sei überflüssig, weil sich alle berufsethischen Fragen des Journalismus genauso gut auf Länderebene regeln ließen. Im Gegensatz soll dazu hier die Position begründet werden, dass die europäische Integration eine supranationale Instanz erfordert, die sich jenseits nationaler Institutionen damit befasst, was Journalist(inn)en in Europa tun und lassen sollen. Das erste Argument greift auf etwas zurück, das heute über Alltagsproblemen ziemlich in Vergessenheit geraten ist: die Idee der europäischen Integration. Nachdem sich die Europäer...

Dschungel wäre keine schlechte Bezeichnung

Dschungel wäre keine schlechte Bezeichnung

Erfahrungen eines Brüssel-Korrespondenten Von Michael Grytz REACH. Noch so eine Abkürzung. Genauer: Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 18. Dezember 2006 zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH)… Der Titel ist deutlich länger, seine Geschichte auch, sein Inhalt erst recht. Die Chemiegesetzgebung. Beim Blick in die Verordnungsbestimmungen zieht sich dem Leser der Magen zusammen, kein Thema, das irgend einen hinter dem Ofen hervor lockt – und das obwohl es sich um eines der größten Projekte in der Geschichte der EU handelt. Industrie, Verbände, Europapolitiker und Mitgliedsländer beschäftigt es dagegen...

Die große Unbekannte

Journalisten wissen nur wenig über die EU Von Julia Lönnendonker Die Ablehnung der EU-Verfassung in einem Referendum in Irland gibt einer Klage neue Nahrung, die seit Jahren immer wieder zu hören ist: Die Bürger seien nur mangelhaft über die Europäische Union informiert, die Berichterstattung sei zu negativ und unzureichend. Wie soll sich, so der Vorwurf, eine europäische Diskus­sionssphäre oder gar Öffentlichkeit bilden, wenn die Medien kein geeignetes Forum bieten? In der Tat ist die EU-Berichterstattung oftmals nur punktuell, lückenhaft, wenig hintergründig und außerdem fremdbestimmt durch den Terminkalender der Brüsseler Institutionen. Das bestätigen Forscher aus elf Ländern...

Call for Papers: Europäische Öffentlichkeit und journalistische Verantwortung

Expertentagung, 26.-28. Februar 2009, Wien Die gegenwärtige Krise der Europäischen Union hat nicht zuletzt mit einem Mangel an europäischer Öffentlichkeit zu tun. Mehr europäische Öffentlichkeit wäre notwendig, damit die Bürger einen Informationsstand zu europäischen Fragen erreichen, der europafeindlichen Kampagnen widerstehen kann. Und mehr europäische Öffentlichkeit wäre als Kontrollmechanismus notwendig, damit sich in Brüssel nicht zuviel Eigendynamik der europäischen Institutionen entwickelt. Zu Öffentlichkeit, die diesen Namen verdient, gehört publizistische Selbstkontrolle. Zu europäischer Öffentlichkeit gehört publizistische Selbstkontrolle auf europäischer Ebene....

Der Mythos der Amerikanisierung

Der Mythos der Amerikanisierung

Neue Studie zur Wahlkampfberichterstattung Von Frank Siebel Der Bundestagswahlkampf 2009 wirft seine Schatten voraus. Und so sicher wie der politische Streit am Wahlabend wird wieder ein Schlagwort durch die Medien geistern: Amerikanisierung. Schon seit über 50 Jahren sind es nicht zuletzt die großen (Qualitäts-)Zeitungen, die mit negativem Zungenschlag im deutschen Wahlkampf immer stärker eine (billige) Kopie des angeblich inhaltsarmen US-Wahlkampfs sehen. Ihre bisher letzten Höhepunkte erreichte die „Amerikanisierungsdebatte“ 1998 und 2002. Angestachelt vom scheinbar innovativen SPD-Wahlkampf inklusive sagenumwobener Hexenmeister der Kommunikationsmagie („Spin Doctors“) sowie den...

Renaissance der Gegenöffentlichkeit?

Renaissance der Gegenöffentlichkeit?

Potenziale des partizipativen Internet-Journalismus Von Sven Engesser & Jeffrey Wimmer Gerade unter dem Eindruck der raschen gesellschaftlichen Aneignung neuer Medien wird vielfach eine Renaissance der Gegenöffentlichkeit und eine digitale Fortführung alternativer Kommunikation postuliert (vgl. Wimmer 2007). Neben den unzähligen Diskussionsforen, virtuellen Archiven, Mailinglisten etc. bietet aktuell insbesondere der partizipative Journalismus im Internet anscheinend eine Plattform grenzenloser Meinungsäußerung. Trotz reger Forschung liegen allerdings so gut wie keine empirischen Befunde darüber vor, in welchem Ausmaß sich hier gegenöffentliche Foren konstituieren können. Die Formen...