Rebecca Venema

Bilder – Normen – Diskurse. Theoretisch-konzeptionelle Grundlagen für die Analyse von Normen in Debatten über visuelle Alltagspraktiken

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Veränderte visuelle Alltagspraktiken wurden in den vergangenen Jahren nicht nur zunehmend wissenschaftlich aufgearbeitet, sondern auch in der Medienberichterstattung kontrovers diskutiert. In den Mittelpunkt rückten dabei immer wieder normative Fragen akzeptabler und verantwortungsvoller Bild- und Veröffentlichungspraxis. Untersucht wurden die Auseinandersetzungen darüber, wie Bilder in digital vernetzten und visualisierten Gesellschaften gemacht, geteilt und verwendet werden sollten, bislang kaum. Für die empirische Analyse von Normen will dieser Beitrag theoretisch-konzeptionelle Grundlagen liefern. Die Vielzahl von Norm-Definitionen in der sozialwissenschaftlichen Forschungsliteratur synthetisierend, werden Normen dafür zunächst als kontextspezifische, individuelle und kollektive Soll-Vorstellungen von angemessenem oder wünschenswertem Handeln charakterisiert, die in medienvermittelten öffentlichen Debatten thematisiert und ausgehandelt werden. Der Beitrag diskutiert bisherige Ansätze zur empirischen Erfassung von Normen und schlägt ein Verfahren für die Codierung von Normen in Akteursaussagen vor, das Bewertungen als Ausgangspunkt nutzt und Sollvorstellungen anhand spezifischer Aussagenelemente – Akteur, bewerteter Akteur, Gegenstand der Bewertung, wünschenswerte/nicht-wünschenswerte Handlung sowie Adressat der Handlungsempfehlung – erfasst. Das vorgeschlagene Vorgehen wird exemplarisch anhand von Beispielen aus der Berichterstattung deutschsprachiger Print- und Online-Medien zu visuellen Alltagspraktiken erläutert. Mittels dieser Beispiele werden auch Diskursstränge in Debatten über visuelle Alltagspraktiken sowie teil- und zeigbare Bilder aufgezeigt. Abschließend werden Ansatzpunkte für weitere Forschung zu Normvorstellungen und -konstruktionen in medial vermittelten öffentlichen Diskursen diskutiert. Dabei wird insbesondere die Notwendigkeit betont, die Rolle von Bildern sowie Text-Bildinteraktionen in multimodalen Medientexten für den Ausdruck von Vorstellungen wünschenswerter oder problematischer Praktiken zu berücksichtigen.

[Images – Norms – Discourses. A theoretical and conceptual framework for the analysis of norms in debates about visual everyday practices]

Changing visual practices in everyday communication have not only stimulated scientific research, in recent years, they have also provoked controversial debates in media coverage. Questions of acceptable and responsible visual practices emerge. As everyday life worlds and interactions are increasingly saturated with visuals, these public debates on how images should be taken, shared and used in digitally networked societies are highly important. However, until now these normative debates have rarely been studied. The present contribution aims at providing a theoretical and conceptual framework for these analyses. Synthesizing the multitude of definitions of norms in research literature, norms are characterized as context-specific, individual and collective notions of appropriate or desirable action, that are negotiated in mediated public debates. Based on a discussion of previous empirical approaches, a research design that uses evaluations in actor statements as a starting point for coding norms is proposed. The further examination of norms is based on specific propositional elements – actor, evaluated actor, object of evaluation, desirable/unwanted action, addressee of recommendation for action. Examples taken from German and Swiss news media coverage illustrate the coding procedure and show central issues in discourses on everyday visual practices. Concluding, the paper draws implications for future research on norms and their constructions in mediated public discourses. It particularly emphasizes the need to consider images as well as text-image interactions in multimodal media texts, and to analyze their role for evaluations and expressing ideas about desirable or problematic practices.