Alexis von Mirbach, Michael Meyen: Das Elend der Medien


Von Redaktion am 22. September 2021

Rezensiert von Siegfried Weischenberg

Das Buch, welches die beiden Münchner Kommunikationswissenschaftler Alexis von Mirbach und Michael Meyen in der Dreifach-Rolle als Interviewer, Autoren und Herausgeber vorlegen, kommt nicht nur mit einem Titel und Untertitel daher, der an Klarheit (scheinbar) nichts zu wünschen übrig lässt, sondern auch mit einem Anspruch, der auf eine fundamentale Gesellschaftsanalyse hinausläuft. Die orientiert sich theoretisch und im empirischen Zugriff an Pierre Bourdieu – was nicht weiter überrascht, denn bekanntlich ist die ‘Neue Münchner Schule’ dem französischen Soziologen in besonderem Maße verpflichtet. Hier gilt dies auch terminologisch, denn man sieht sich in der Tradition von Bourdieus berühmter Studie “Das Elend der Welt” (La misère du monde).

Das in elf Kapitel gegliederte Werk basiert auf Interviews mit Journalisten, Journalismus-Kritikern und ‘Medien-Konsumenten’ – wobei eine recht große Zahl von Gesprächspartnern anonymisiert erscheint, um sich selbst oder die jeweiligen Angehörigen zu schützen. Dass hier ein großes Rad gedreht werden soll, macht auch Mirbach in seinem durchaus anspruchsvollen, längeren Einführungstext deutlich (vgl. 12 ff.), in dem er, zunächst strikt an Bourdieu orientiert, selbst die Frage stellen muss: “Was hat das mit Medien zu tun?” Er kriegt dann die Kurve, indem er die Binse präsentiert, dass “die Krise der Demokratie auch eine Krise des Journalismus ist” (14 f.). Was gewiss auch umgekehrt gilt.

Das Buch zeige “viele Gesichter des Elends der Medien”, verspricht der Autor: “Wir sammeln schlechte Nachrichten für den Journalismus – gefunden bei Bürgern, Medienprofis am Rande des journalistischen Feldes und bei denen, die in der Nähe des Machtpools arbeiten und dennoch nicht nur Gutes zu sagen haben.” Medienkritik werde hier als Ursachenforschung betrieben: “Wo liegen die Wurzeln der Medien- und Demokratie-Malaise?” Antrieb für das Unternehmen sei “ein Reformgedanke” (16 f.) – der jedoch nicht weiter expliziert wird und hinsichtlich seiner Umsetzung im gesamten Buch eher vage bleibt.

Später präsentiert Mirbach, auf der Linie von “Verstehen mit Bourdieu” (26 ff.), eine “Doxa und vier Frames in der Kommunikationswissenschaft”, um mit Hilfe dieser Kategorisierung die ökonomischen und sozialen Bedingungen des journalistischen Feldes in der BRD zu skizzieren. Da gebe es den ‘Desinformations-Frame’, dem die westlichen Deutungs- und Wahrnehmungsmuster des Kalten Krieges zugrunde lägen und der um das Problem der Verschwörungsmythen im Netz kreise; gerade hier gibt es eine Reihe von Seitenhieben gegen die ‘orthodoxe’ Kommunikationswissenschaft (vgl. 18 ff.). Dann den ‘Kommerzialisierungs-Frame’ (heterodox), den ‘Mainstream-Frame’ (heterodox-häretisch) und schließlich den Frame ‘Dritter Weg’ (heterodox-häretisch), dessen Ursache die neoliberale Restauration sei und für den selbstredend Bourdieu steht. Es überrascht nicht, dass die danach präsentierten Gesprächspartner (mehr oder weniger eindeutig) in besonderem Maße auf diesen Frame ausgerichtet sind; zumindest für Bourdieu und Albrecht Müller (NachDenkSeiten) wurzele “das Elend der Medien im Neoliberalismus und in der Umkehrung des sozialdemokratischen Milieus” (41).

Für ihre Auswahl der Gesprächspartner nehmen die Herausgeber diverse salvatorische Klauseln in Anspruch (vgl. 46 ff.). So könne man gemäß Bourdieu alle Menschen befragen, die Interesse an den Einsätzen zeigten, um die in einem Feld gespielt werde: “Beim Thema Medien wäre das praktisch jeder” (47). Kurz: Man habe “Menschen gesucht, die mit dem Status Quo unzufrieden sind – und diese Kritik wollen wir verstehen” (48). Dabei sollten aber insbesondere die Ränder des journalistischen Feldes, also ‘die anderen’, abgebildet werden. Es gehe also nicht um den Anschein von Repräsentativität, und wolle auch nicht eine ‘Illusion der Neutralität’ vermitteln. Und weil das alles so sein soll, erscheinen die meisten Gespräche auch nicht im Frage-Antwort-Schema, sondern umgeformt als (autobiographische) Monologe. Am Ende des Buchs heißt es dann, dass “sich das Material gegen jede Zusammenfassung” sperre (347). Dies sind für den Rezensenten nicht gerade aufmunternde Worte.

Versuchen wir dennoch, auf begrenztem Raum die wichtigsten Themen und Tendenzen herauszuarbeiten, die sich, cum grano salis, auf die Formel ‘Ostalgie und Pandemie’ bringen lassen. Da geht es zunächst um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Hier kommt ein Medienpolitiker der Linkspartei aus Sachsen, seit 1997 Mitglied des MDR-Rundfunkrats, ausführlicher zu Wort; er beklagt, dass die Medienpolitik in keiner Partei einen hohen Stellenwert besitze. Zwar müsse man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ganz neu denken. Das System lehnt er aber offensichtlich nicht prinzipiell ab, denn seiner Meinung nach brauchen wir “öffentlich-rechtliche Medien auf jeder Ebene: Presse, Radio, Fernsehen, Blogs, soziale Netzwerke” (55 ff.). Auch die Kritik der anderen Befragten (incl. Carmen Thomas, die noch mal für den ‘Mitmach-Journalismus’ werben darf) fällt hier nicht so fundamental aus, dass der Terminus ‘Elend’ gerechtfertigt wäre.

Dasselbe gilt für das Kapitel über die “Regionalpresse, mit DDR-Erfahrung von innen gesehen”. Hier gibt es Maria und Jana, die “nicht mit ihrem Namen für das stehen [wollten], was sie zu erzählen haben” (91). Weltbewegend ist das aber nicht, was sie zum Thema beitragen. Und dann gibt es zwei leitende Redakteure ostdeutscher Zeitungen mit ihren Berichten über die gewiss schwierigen (ökonomischen) Bedingungen in ihrer Branche. Im einen Fall kann der Rezensent aufgrund eigener Erfahrungen und Beobachtungen berichten, dass der Protagonist da sein Wirken (à la Annalena Baerbock) ein wenig geschönt hat – aber dazu verführt dieses methodische Vorgehen natürlich.

Wirklich am Rand des journalistischen Feldes sind sieben Gesprächspartner angesiedelt, auf deren Erfahrungen etwas kryptisch mit Hilfe von Bourdieu (Mittelschicht-Habitus) und Claas Relotius (Spiegel-Fälschungen) hingeleitet wird (vgl. 123 ff.). Doch auch von diesen Rändern gibt es – anders, als es der Untertitel verspricht – im Grunde keine ‘schlechten Nachrichten für den  Journalismus’. Das Elend sind hier nicht die Medien an sich, sondern das fehlende Geld. Klar, man hat – wie die ‘systemkonformen’ Medienkritiker – auch Wünsche und Forderungen an den real existierenden Journalismus (insbesondere: mehr Diversität), aber vor allem geht es allen darum, darauf aufmerksam zu machen, dass die Finanzierung der eigenen beruflichen Existenz prekär ist.

In der Mitte des Buches findet man 45 Seiten über das ‘andere’ journalistische Feld. Hier kommen vier Journalisten zu Wort (Rötzer, Klöckner, Wernicke, Schreyer), die es in der alternativen Medienszene zu einer gewissen Prominenz gebracht haben (vgl. 150 ff.). Weitere Kapitel beschäftigen sich dann mit Personen, die Journalismus als Nebenprodukt betreiben, weil sie eher als (linke) Aktivisten unterwegs sind bzw. waren (inzwischen z. B. Umschulung zum Baumpfleger), und solchen, die eher als Quereinsteiger bei der Medienkritik gelandet sind (vgl. 196 ff., 211 ff.); zum Teil kennt man sie schon aus anderen einschlägigen Publikationen.

Die folgenden “Corona-Gespräche in München und Oberbayern”, auf die besonders ausführlich vorbereitet wird (vgl. 236 ff.), holen u a. einen ziemlich gewöhnungsbedürftigen Filmproduzenten an die Rampe, der am Ammersee lebt und noch nie gewählt hat (vgl. 260 ff.), sowie den Mundart-Liedermacher Hans Söllner aus Bad Reichenhall, der kein Blatt vor den Mund nimmt und seinem Ruf als bekennender Kiffer voll gerecht wird (vgl. 267 ff.). Der (eigentlich linke) Kritiker der Corona-Maßnahmen – Journalisten nennt er “Feiglinge und Hosenscheißer” (271) – wurde wohl unfreiwillig zum Darling der Rechten, als er im Frühsommer 2020 die Covid-Maßnahmen mit dem Nationalsozialismus verglich. Zu den wilden Tiraden, die er hier loslässt, gehört der Satz: “Ich bin überzeugt, dass ich in ein paar Jahren eine Armbinde habe, wenn sie diese Impfpflicht einführen. Die ist dann nicht gelb mit einem Stern, sondern rot” (272). Muss man solchem eine Bühne bieten?

Die weiteren, per Tonband mitgeschnittenen ‘Corona-Gespräche’, die drei Mütter (Jahrgänge 1977/78) nachts um vier Uhr am Lagerfeuer geführt haben und bei denen es auch ein bisschen um Journalismus geht, könnte man eigentlich getrost übergehen. Da sagt z. B. eine gewisse Nelly über die Pandemie: “Das ist eine fucking Grippe. Es gibt viel wichtigere Probleme auf der Welt.” Überhaupt findet sie: “Nichts ist mehr einfach, alles ist kontrovers. Und nicht mal auf Like-Dislike kannst du dich verlassen” (276 ff.).

Anschließend gibt es noch zwei Kapitel zum Thema ‘DDR’, das neben der Pandemie allein auf Grund der ausgewählten Gesprächs-PartnerInnen den zweiten großen Schwerpunkt des Buches bildet. Das Highlight setzt hier ein gewisser Attila Projahn, denn er ist Bürgermeister eines Ortes in Sachsen-Anhalt, der tatsächlich ‘Elend’ heißt. Karl Eduard von Schnitzler (Der rote Kanal) hat einst darüber eine Reportage gedreht, die ‘Zwischen Elend und Sorge’ hieß. Die Beschreibung einer Medien-Apokalypse will sich aber auch hier nicht einstellen, denn der Politiker nölt – wie wir alle – über dieses und jenes, wenn es um den Journalismus und insbesondere die öffentlich-rechtlichen Medien geht. Aber er sagt dann auch: “Eigentlich ist der Journalismus ja mit der Mischung, die wir haben, gar nicht so schlecht. Man darf nur nicht alles glauben” (295).

Eine Gesprächspartnerin ist freilich ganz anders unterwegs – auch beim Thema ‘Corona’: “Was wir von Ken Jebsen halten? Wir halten ihn für sehr glaubwürdig und bewundern, wie tief er bei seinen Interviews geht sowie die Breite bei der Auswahl seiner Interviewten” (302). Und ein Dritter, der sich in der DDR einst wohlgefühlt hat und sogar Bourdieus Elend-Buch kennt, schwärmt geradezu von den erwähnten ‘alternativen Medien’. Sie zeigten, “dass der ideale Journalismus möglich ist” (303).

Den Schlusspunkt der Gespräche setzt ein Besuch im südthüringischen Hildburghausen, gleichermaßen Covid- und AfD-Hotspot. So richtig fündig wird man in Sachen ‘Elend der Medien’ aber auch hier nicht; ein Teil der Befragten reagiert – auch beim Thema Covid-19 – durchaus differenziert. Und ganz am Ende kommt dann (das Gespräch dauerte nur sechs Minuten) noch Uwe (Jahrgang 1980, Frührentner) zu Wort. Frage: “Stört dich etwas an den Medien?” Antwort: “Ich gucke ja keine” (345).

Schon die Einleitung zu Das Elend der Medien hatte im Grunde einen erstaunlich milden Ton angeschlagen. In dem Buch gehe es, hieß es da,

“nicht darum, das spezifische Elend der Medien zu untersuchen […], sondern um die vielen kleinen Nöte mit den Medien, die mit einer bestimmten Position im sozialen Raum einhergehen: als Ostdeutscher in einer westdeutschen Redaktion, als bayrischer Liedermacher im öffentlichen Kreuzfeuer, als Afrodeutsche ohne Chance, je die Tagesschau zu sprechen, als Mensch, den manche als Wutbürger bezeichnen würden, oder als westdeutscher Großbürger, der jede illusio in Sachen Medien verloren hat” (28).

Wir in Sachen Medien und Journalismus desillusionierten Großbürger (in West-, aber auch Ostdeutschland), die wir alle keine Chance haben, vor laufender Kamera die Worte “Guten Abend meine Damen und Herren [sic!], ich begrüße Sie zur Tagessschau” zu sprechen, bringen für solche ‘kleinen Nöte mit den Medien’ gewiss viel Verständnis auf. Deshalb ein Werk mit einem derartig starken Titel und der kategorischen Ankündigung schlechter Nachrichten für den Journalismus auf den Weg zu bringen, hätten wir uns aber wohl verkniffen.

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