Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft – über die ›Kritische Kommunikationsforschung‹

Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft – über die ›Kritische Kommunikationsforschung‹

Inspiriert von der Frankfurter Schule und marxistischen Ansätzen versuchten unterschiedliche Akteure ab Ende der 1960er-Jahre eine ›Kritische Kommunikationsforschung‹ im Feld der deutschen Kommunikationswissenschaft zu etablieren. Mit dieser wollte man zum einen die geisteswissenschaftliche Fachtradition, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen wurde, überwinden, und zum anderen einen Gegenpol zur empirisch-sozialwissenschaftlichen Perspektive schaffen.

Die empirisch-sozialwissenschaftliche Kommunikationswissenschaft sah und sieht sich in der Tradition Paul Felix Lazarsfelds und Karl Poppers und ist dem Ideal der Werturteilsfreiheit verpflichtet. ›Kritische Kommunikationsforschung‹ hingegen steht in der Tradition Theodor W. Adornos und sieht sich in der Pflicht, Gesellschaft, Medien und Wissenschaft auf theoretischer Basis herrschaftskritisch zu hinterfragen, normativ zu beurteilen und so aktiv an der Verbesserung gesellschaftlicher Strukturen mitzuwirken. Die Deutungshoheit im Feld der deutschen Kommunikationswissenschaft haben jedoch die empirisch-sozialwissenschaftlichen Akteure behalten. Bis heute versteht sich die große Mehrheit der Kommunikationswissenschaftler in Deutschland als empirische Sozialwissenschaftler. ›Kritische‹ Perspektiven in der Tradition Adornos sind kaum noch präsent und finden, mit wenigen Ausnahmen, auch in kommunikationswissenschaftlichen Lehrbüchern und fachgeschichtlichen Arbeiten keinen Platz mehr.

Warum werden bestimmte Theorien in den wissenschaftlichen Diskurs integriert und andere abgelehnt? Liegt das an der Qualität der Ansätze? An Versäumnissen aufseiten der Akteure? Oder sind die ›Erben Adornos‹ aus dem Feld der deutschen Kommunikationswissenschaft verdrängt worden? Kann diese Entwicklung – wie einige Fachvertreter meinen – darüber hinaus vielleicht sogar als Indiz für einen Mangel an Pluralismus innerhalb der deutschen Kommunikationswissenschaft gelten?

Antworten auf diese Fragen entwickelt der Kommunikationswissenschaftler Andreas M. Scheu im Buch Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft. Eine Verdrängung? Der Band erscheint in der Reihe Theorie und Geschichte der Kommunikationswissenschaft, herausgegeben von Prof. Dr. Michael Meyen.

AUTOREN / HERAUSGEBER

Andreas M. Scheu

Andreas M. Scheu wurde 1979 in Tübingen geboren. Er studierte Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 2007 bis 2010 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München. Seit August 2010 ist Andreas Scheu wissenschaftlicher Mitarbeiter im BMBF-Projekt „Von der Beobachtung zur Beeinflussung. Medialisierte Konstellationen von Wissenschaft, Medien und Politik in Bezug auf wissenschaftliche Fachkulturen“ am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. ...