Wolf Schneider: Hottentottenstottertrottel. Mein langes, wunderliches Leben


Von Redaktion am 26. Januar 2017

Rezensiert von Kristina Wied

„Hottentottenstottertrottelmutterattentäterlattengitterwetter-kotterbeutelrattenfangprämie“ (S. 314) – mit diesem Zungenbrecher hat sich Wolf Schneider als Zehnjähriger die Macht der Sprache erschlossen. Am Lagerfeuer der Hitlerjugend verschaffte er sich Gehör, indem er den Wortbandwurm schneller fehlerfrei runterrasseln konnte als die sonst wortmächtigen Vierzehnjährigen. „Den Gewinn dieser kühnen Tat streiche ich seit achtzig Jahren ein. Mit dem Wortbandwurm (…) habe ich mir die Zunge geschmiert mein Leben lang – vor jedem Fernsehauftritt, jedem Vortrag, jedem Seminar. Hören sollte das keiner, manchmal also auf der Herrentoilette“ (S. 7), verrät Schneider in seiner Autobiographie. In dem Buch beschreibt der inzwischen 91-Jährige seinen Werdegang vom stotternden Jungen zum bekannten Sprachkritiker, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Dabei hält der Untertitel, was er verspricht: Schneiders Leben nahm viele überraschende Wendungen, die er minutiös rekonstruiert – dank seiner privaten Archive, die er anscheinend fast pedantisch zu verschiedensten Themen angelegt hat, wie er an mehreren Stellen durchblicken lässt (u.a. S. 80, 151, 253).

Nebenbei liefert er in seinen bei Rowohlt erschienenen Erinnerungen Einblicke in die deutsche Pressegeschichte und Entwicklung der Medienlandschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch Privates spart er nicht aus, insbesondere wenn er nach dem chronologischen Block, der 1945 startet und 2013 endet, Schlaglichter auf seine Kindheit und Jugendzeit wirft und anschließend nochmals gesondert über seinen Vater, seine Schwestern, seine vier Kinder und zwei Frauen schreibt. Ein ungewöhnlicher Aufbau, der bis zum Schluss ein wenig seltsam anmutet und zahlreiche Bezüge notwendig macht, die den Leser zum Hin-und-Her-Blättern zwischen den Kapiteln zwingen.

Fast 70 Jahre lang hat Wolf Schneider den Journalismus in Deutschland mitgeprägt – als Journalist und Journalistenausbilder. Seine erste Station war 1947 die Neue Zeitung in München. Dort fing Schneider als „Übersetzer aus dem Englischen“ (S. 37) an. 1949 stieg er zum politischen Redakteur auf und machte erste Schritte auf seinem – wie er schreibt – mühsamen Weg zu lesbarem Deutsch (vgl. S. 396ff.). „Mein erster Artikel erschien in seiner siebenten Fassung – sechsmal hatte der Redakteur Hans-Joachim Netzer etwas an ihm auszusetzen, und bis heute gilt ihm meine Dankbarkeit: Ja, so arbeitet man“ (S. 42).

1950 wechselte Schneider zur Associated Press (AP). Seine Zeit bei der Nachrichtenagentur bezeichnet er als „eine königliche Lehre“ (S. 53), insbesondere wegen der klaren Sprachvorgaben, die die Agentur forderte (vgl. S. 399). 1956 übernahm er die Leitung der Nachrichtenredaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ), bei der er sich weitere Arbeitsfelder erschloss, darunter die Glosse Das Streiflicht, das Wilhelm Emanuel Süskind betreute. Schneider hebt hervor, dass er Süskind „eine unvergleichliche Erziehung zu klarem und farbigem, pfiffigem und knisterndem Deutsch“ (S. 58) verdanke und resümiert: „Es gehört zu den Genugtuungen meines Lebens, dass ich von 1960 bis 1964 einer der (meist vier oder fünf) Standard-Autoren des Streiflichts war – in diesen fünf Jahren 167-mal gedruckt, bis zu sieben Mal im Monat“ (ebd.).

Parallel zu seiner Arbeit für die SZ schrieb er zwischen 1959 und 1964 mehrere Sachbücher. „[D]as summierte sich auf eine 45-Stunden-Woche am Buch neben der 35-Stunden-Woche in der Redaktion“ (S. 69). Dies sei bei zwei, dann drei Kindern nicht leicht gewesen – und nur mit entsprechender Einstellung möglich, die er später an Journalistenschulen weitergegeben habe: „Setze eine klare Priorität! Das Buch hat Vorrang. Du hast Kopfschmerzen? Schreibe! Zwei Kinder plärren? Schreibe! Du willst ein Buch lesen? Unbedingt! Falls du Indizien hast, dass du es ausbeuten kannst für dein Projekt“ (ebd.).

Wolf Schneider hat stets in diesem Maße gearbeitet – nicht nur unter Verzicht, sondern auch mit gesundheitlichen Folgen (S. 293). Eine Erklärung dafür liefert er gleich mit: „Ich habe nie von Ruhe geträumt (…)“ (S. 295), schreibt er und: „Ich möchte am liebsten bei der Arbeit tot umfallen (…).“ An anderen Stellen im Buch schimmert aber noch eine andere Antwort durch: Es ging ihm auch um die Finanzierung seines Lebensstils (u.a. S. 70, 268f., 282, 290). Die Motivation für seine Autobiographie liege hingegen im „Erzählen am Abend eines langen Lebens“, auch mit Blick auf die Wissbegier seiner Enkel, wie er im Vorwort betont (S. 7).

1966 wechselte Schneider von der SZ zur politischen Illustrierten Stern. Chefredakteur war seinerzeit Henri Nannen, den er als Vorbild ansieht. Nannen habe über eine „erstaunliche Witterung“ (S. 104) verfügt, was die Menschen lesen wollten und wie sie es lesen wollten. „Zu solchem Erschnuppern und Erahnen kam brillantes Handwerk (da habe ich von ihm so viel gelernt wie von keinem sonst) und die berserkerhafte Entschlossenheit, dies permanent von allen Redakteuren zu erzwingen“ (S. 105). Nach Stationen als Chef vom Dienst, Verlagsleiter und stellvertretender Chefredakteur des Stern unterzeichnete er einen Vertrag bei Axel Springer, wo er u.a. ein Konzept für ein Nachrichtenmagazin als Gegenpart zum Spiegel entwickeln sollte. Auf den Markt kam der ,Anti-Spiegel‘ nie. Schneiders Zeit bei Springer war nach seinen Worten durch mehrere Schläge gekennzeichnet, bis er 1974 „ziemlich unzeremoniell abgemeiert“ (S. 151) worden sei.

Damals begann er, sein erstes Buch über Sprache zu erstellen, das 1976 unter dem Titel Wörter machen Leute bei Piper erschien. Bereits als kurzzeitiger Chefredakteur der Welt hatte er den Redakteuren eine Handreichung „für klares, kraftvolles Deutsch aufgenötigt – ‘Schneider-Bibel‘ wurde sie genannt“ (S. 160).

1978 erhielt er einen Anruf von Nannen, ob er Lust habe, die neue Journalistenschule von Gruner+Jahr zu leiten. Obwohl Schneider die Betreuung des ersten Jahrgangs als die „schwierigste und ärgerlichste Phase seines Berufslebens“ (S. 173) bezeichnet, blieb er 16 Jahre lang Leiter der Hamburger Journalistenschule. Dabei achtete er stark auf Disziplin: „Disziplin in der Sprache, keine falschen Kommas, nie ein falscher Konjunktiv. Keine hohlen Wörter, keine verschachtelten Sätze. Wen ich dabei ertappte, dass er einen bereits gerügten Fehler wiederholte, dem schrieb ich an den Rand: ‚Schade! An dieser Stelle haben Sie Ihren einzigen Leser verloren‘“ (S. 213). Auch legte er Wert auf Pünktlichkeit: „Wer die Tagesschau sieht, will, dass sie um 20 Uhr beginnt – nicht, dass er Gründe hört, warum sie heute erst um 20.03 Uhr beginnen könne. Motive sind Luxus und Gründe sind die Pest!“ (S. 214).

Auch nachdem er 1995 die Leitung der Henri-Nannen-Journalistenschule abgab, blieb er journalistisch tätig, bildete in anderen Journalistenschulen weiter aus und ging Sprachsünden nach, u.a. von 2009 bis 2011 in dem Videoblog ‚Speak Schneider‘ auf sueddeutsche.de.

Hottentrottenstottertrottel enthält viele interessante Details aus Wolf Schneiders Berufs- und Privatleben – ergänzt um Beispiele seines Schaffens. Er zeichnet von sich ein Bild eines ehrgeizigen, stets disziplinierten Journalisten und Journalistenausbilders sowie eines Verfechters der deutschen Sprache, der keine Auseinandersetzung scheut. Dabei pflegt Schneider einen peinlich genauen Stil, der mitunter etwas besserwisserisch wirkt. Die vielen inbegriffenen Bezüge zur deutschen Pressegeschichte und Entwicklung der Medienlandschaft sowie die Tipps für guten Journalismus machen das Buch wiederum für angehende Journalisten zu einer lohnenswerten Lektüre.

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