„Und dann wird man im Heim behandelt, als ob man ein gestörter Mensch wäre“

Pressemitteilung vom 13. Juli 2017

„Und dann wird man im Heim behandelt, als ob man ein gestörter Mensch wäre“

Das Wort „Heim“ ruft bei vielen immer noch Assoziationen wie ‚Besserungsanstalt‘ und ‚schwererziehbare‘ Kinder hervor. Doch wie viel von diesem „Anstaltsgeist“ ist tatsächlich noch in heutigen Kinder- und Jugendheimen zu finden? Peter Schallberger und Alfred Schwendener haben für Erziehungsanstalt oder Fördersetting? Kinder- und Jugendheime in der Schweiz heute Interviews mit verschiedenen Beteiligten geführt und zeichnen so ein detailreiches Bild der Situation in Heimen in der heutigen Schweiz.

Es gibt verschiedene Gründe, aus denen Kinder und Jugendliche in einem Heim untergebracht werden: Bei manchen ist auffälliges Verhalten, bei anderen sind die Lebensumstände ausschlaggebend. Oft werden sie durch die Unterbringung ‚gebrandmarkt‘, insbesondere wenn es sich um eine Anstalt handelt, die versucht, ihre Bewohner zu ’normalisieren‘. Wann ist es also nötig, den Kindern und Jugendlichen nicht nur ein Zuhause, sondern auch therapeutische Maßnahmen zu bieten? Peter Schallberger und Alfred Schwendener haben Kinder und Jugendliche sowie auch Heimleiter, Sozialpädagogen und Vertreter anderer Berufsgruppen, die in Heimen tätig sind, befragt, um herauszufinden, wie der Alltag in Schweizer Heimen heute aussieht. Hierbei untersuchten sie nicht nur, welche Methoden zur Unterstützung der individuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen angewendet werden, sondern auch auf welchen Wissensständen und auf welchen Vorstellungen von einem funktionierenden Zusammenleben diese basieren. Dabei stellt sich heraus: Wo die Grenze zwischen Normalität und Abweichung von dieser gezogen wird, hängt häufig mit der Kultur und dem Selbstverständnis der Einrichtung zusammen.

Dem Selbstverständnis der Heime wird daher nach einem Kapitel zu Hintergründen, Methodik und Fragestellung der Untersuchung ein eigenes Kapitel gewidmet. In diesem werden fünf Typen des organisationalen Selbstverständnisses von Kinder- und Jugendheimen vorgestellt: Das Heim als „christliche Ersatzfamilie“, „Stätte virtuoser Beziehungsgestaltung“, „Um- und Nacherziehungseinrichtung“, „Internatsschule“ und „klinische Bildungs- und Ausbildungsstätte“. Das dritte Kapitel beinhaltet vier soziologische Porträts von Kindern und Jugendlichen, die in einem Heim untergebracht sind und der vierte Teil widmet sich dem Einfluss religiöser Orientierungen auf die heutige Praxis der Heimerziehung.

AUTOREN / HERAUSGEBER

Peter Schallberger

Prof. Dr. Peter Schallberger, Jg. 1968, studierte Soziologie und Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern. Er promovierte 2002 mit einer fallrekonstruktiven Untersuchung zur „Transformation von Habitusformationen in der familialen Generationenfolge“. Nach einem einjährigen Aufenthalt als Gastforscher am Institut für Sozialforschung in Frankfurt war er zwischen 2003 und 2006 Oberassistent am Institut für Soziologie der Universität Bern. Seit 2006 ist er Professor an der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seine Lehrschwerpunkte liegen in den Bereichen Sozialisationstheorie, Professionssoziologie, Soziologische Gegenwartsdiagnosen, Soziale ...


Alfred Schwendener

Alfred Schwendener (lic.phil.hist.), Jg. 1980, studierte Sozialanthropologie, Geschichte und Soziologie an der Universität Bern. Seit 2016 ist er Dozent an der FHS St. Gallen (Fachbereich Soziale Arbeit), wo er u.a. zu Geschichte und Profession der Sozialen Arbeit sowie zu Gender- und Migrationsthemen lehrt. In seinen Forschungsarbeiten befasst er sich mit Fragen der Professionalität sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Handelns, wobei ein spezifischer Fokus auf der Perspektive der Klientel sozialarbeiterischer Interventionen liegt. Aktuell forscht er, neben seiner Tätigkeit an der FHS St. Gallen, ...