Totschweigen und Skandalisieren – Journalisten zwischen Pressefrust und Legitimationskrise

Totschweigen und Skandalisieren – Journalisten zwischen Pressefrust und Legitimationskrise

Fast die Hälfte der Bevölkerung bezweifelt, dass die Medien über kontroverse Themen objektiv und sachgerecht berichten. Weil sie unangenehme Fakten und unwillkommene Meinungen totschweigen und weil sie Personen, Organisationen und Techniken maßlos skandalisieren. Wie sehen das Journalisten selbst? Auskunft darüber gibt eine repräsentative Befragung von Journalisten an deutschen Tageszeitungen zu acht konkreten Fällen.

Deutschland hat eines der weltweit besten Mediensysteme. Kein anderes Land hat so viele Qualitätszeitungen, kein duales Rundfunksystem hat einen höheren Qualitätsstandard und bei den Ländern mit der höchsten Pressefreiheit nimmt Deutschland seit Beginn der Erhebungen einen Platz in der Spitzengruppe ein. Doch trotz ihrer im internationalen Vergleich bemerkenswerten Qualität befinden sich deutsche JournalistInnen und Medien in ihrer bisher größten Legitimationskrise. Ende 2014 ergab eine Umfrage von Infratest Dimap, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung überzeugt ist, dass die Medien die Wirklichkeit falsch darstellen. Die Umfrageergebnisse und die Anprangerung der Medien als „Lügenpresse“ trafen die JournalistInnen unvorbereitet und lösten eine Schockwelle von Empörung und Zerknirschung aus.

Wie konnte es zu diesem Vertrauensverlust kommen? Wie äußern sich die Journalistinnen und Journalisten selbst zu den Vorwürfen?

Der emeritierte Mainzer Publizistikprofessor Hans Mathias Kepplinger hat über 300 Journalisten aus den Redaktionen deutscher Tageszeitungen in einer repräsentativen Studie zu acht konkreten Verstößen gegen journalistische Berufsnormen befragt, u.a. zur Skandalisierung der Risiken der Kernenergie nach Fukushima und zum Verschweigen der einstweiligen Verfügung gegen die Axel Springer AG, Anschuldigungen gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff zu unterlassen. Auch Wulffs Kritik an den Medien stieß auf wenig Resonanz bei diesen.

Am 29. Juni erscheint die Studie unter dem Titel Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken. Ihre Ergebnisse zeigen: Die meisten Journalisten lehnen das Verschweigen von Informationen und Skandalisierungen generell ab. Eine kleine Minderheit jedoch akzeptiert fragwürdige Praktiken, rechtfertigt sie mit Argumenten und verteidigt sie gegen Einwände. Mit ihren Stellungnahmen beanspruchen diese Journalisten die Deutungshoheit über das Geschehen und lehnen eine Bringschuld ab: sie sind niemandem etwas schuldig — weder den Akteuren, über die sie berichten, noch dem Publikum, für das sie berichten.

Die Ansichten der Journalistenbefragung zu den acht konkreten Verstößen gegen journalistische Berufsnormen zeigen, dass die weit verbreiteten Zweifel an der Zuverlässigkeit der journalistischen Berichterstattung über kontroverse Themen nicht unbegründet sind.

AUTOREN / HERAUSGEBER

Hans Mathias Kepplinger

Hans Mathias Kepplinger, Prof. Dr., geb. 1943, hat in Mainz, München und Berlin Politikwissenschaft, Geschichte und Publizistikwissenschaft studiert, 1970 im Fach Politikwissenschaft promoviert und sich 1977 mit der venia legendi für Publizistikwissenschaft habilitiert. Er war von 1982 bis 2011 Professor für Empirische Kommunikationsforschung an der Universität Mainz, Leiter des Instituts für Publizistik, Dekan und Mitglied des Senats. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Verhältnis von erkennbarer Realität, medialer Realitätsdarstellung und Realitätswahrnehmung der Bevölkerung; das Selbstverständnis und die Arbeitsweise von Journalisten; die Kommunikation in ...