Sascha Trültzsch-Wijnen, Alessandro Barberi, Thomas Ballhausen (Hrsg.): Geschichte(n), Repräsentationen, Fiktionen

Rezensiert von Kathrin Dreckmann

Die Ordnung der Archive hat sich mit dem Beginn des Zeitalters technischer Medien grundlegend geändert. Es bestehen mediale Gesetzmäßigkeiten, die nicht mehr vom Menschen ausgehen, aber von ihm erkannt werden können – ein Ansatz, der durch die Arbeiten Friedrich Kittlers in den Memoria-Diskurs eingegangen ist.

Ausgehend von der Medientechnik bilden sich nunmehr Mediendispositive aus, die Medien-Ordnungen entstehen lassen, die den kulturellen Archiv- und Gedächtnisdiskurs neu strukturieren. Innerhalb dieser Ordnungen werden Medien von Menschen erinnert und rezipiert. Dies setzt voraus, dass Medien dokumentiert, gespeichert und archiviert wurden. So ist die Wahrnehmung audiovisueller wie auch akustischer Medien einerseits von einer öffentlichen oder privaten Archivinstitution abhängig, andererseits jedoch auch von dem Gebrauch und der Aufbereitung sowie von dem Zugang zu solchen Medien-Archiven. Die Frage nach der epistemologischen Ordnung dieser Archive gibt (neben einer Reihe von anderen Faktoren) schließlich vor, wie innerhalb einer Gesellschaft bestimmte audio(-visuelle) Medienformate (nochmals) erinnert werden.

Die Ordnung der (Medien-)Archive ist damit heute eine andere als vor hundert Jahren: Nicht mehr nur visuell geprägte Diskursordnungen der Schrift- und Bildarchive bilden das materiale Gedächtnis einer Kultur. Im Zeitalter technischer Medien folgt die Archivierung und Dokumentation des “Gestern im Heute“ (Jan und Aleida Assmann) anderen Bedingungen: Diese sind geprägt von der Medientechnik selbst, der spezifischen Medialität sowie von den Fragen der Rezeption und Distribution des Mediums und seiner spezifischen medialen Speicherformation.

Geschichte(n), Repräsentationen, Fiktionen. Medienarchive als Gedächtnis- und Erinnerungsorte unternimmt den Versuch, real existierende Medienarchive als Gedächtnis- und Erinnerungsorte theoretisch zu reflektieren. Die 16 Beiträge des Sammelbandes gehen auf Vorträge bei der 45. Jahrestagung des Studienkreises Rundfunk und Geschichte zurück, die im Mai 2015 in Kooperation mit der Zeitschrift Medienimpulse stattfand.

Im ersten Abschnitt des Sammelbandes geht es um theoretische Perspektiven einer Medien-Archivierung. Der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Leif Kramp setzt sich kritisch mit den Nutzungsbedingungen und Konstellationen der Medienarchive auseinander und fragt nach den gesetzlichen (Un-)Eindeutigkeiten, die eine Zugänglichkeit der Medienarchive für die Wissenschaft erschweren. Ihm geht es in seinem Beitrag “Das Medienarchiv unter dem Eindruck medienpolitischer Vernachlässigung: Konsequenzen für die Forschung am Beispiel des Fernseherbes“ um die Öffnung audiovisueller Senderarchive für die Wissenschaft, da sie in der Verantwortung stünden, eine “mediengeprägte Konstruktion sozialer Wirklichkeit“ ernst zu nehmen, um “für die allgemeine Öffentlichkeit auch den Zugang zum Rundfunkerbe zu ebnen“ (33). Angesichts der Beschränkungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter und die Ausrichtung zeitgenössischer Medienpolitik auf aktuelle Belange eine wichtige und sinnvolle Forderung für die Aufarbeitung der fast 60-jährigen Film- und Fernsehgeschichte Deutschlands.

Edgar Lersch, Rundfunkhistoriker und Autor einer zum Standardwerk gewordenen Programmgeschichte des Südwestrundfunks, berichtet aus der Perspektive des Rundfunkarchivs vom “State of the Art for Media Archivist“. Damit plädiert Lersch vor allem für eine wertvolle und wichtige “Registratur bzw. Aktei“, die die Gebrauchsfunkton einer im Medienarchiv gelagerten Archivalie kenntlich machen soll. Dadurch erhielten die Archivalien in Medienarchiven Gebrauchswert und würden nicht vernichtet (vgl. 41). Der Gebrauch der Archivalie rette sie so vor der Zerstörung, denn um sie zu bewahren, sei es wichtig, sie zu benutzen. Die Kontextüberlieferung der Produktion sei dabei unabdingbar, um das Medium einzuordnen. Die Interpretation eines Mediums ohne Kenntnis darüber, mit welchem Auftrag es wann produziert und in welchem Zusammenhang gesendet wurde, ist nicht aussagekräftig.

Gabriele Förschl, Archivarin der Österreichischen Mediathek des Technischen Museums Wien, hebt in ihrem Beitrag hervor, dass die Aufarbeitung der Sammlungsstrategien audiovisueller Archive zentral für das Profil der Institutionen sei, die sich für Dokumentation und Archivierung einsetzten. Susanne Hennings, Mitarbeiterin des Deutschen Rundfunkarchivs, berichtet aus ihren Erfahrungen mit der Dokumentation von Tonquellen und bezieht sie auf die Begriffe des Speicher- und Funktionsgedächtnisses, die von Aleida Assmann formuliert worden sind. In ihrer Darstellung unterschiedlicher Tonarchive verweist sie auf die Notwendigkeit einer Methode zur historischen Tonquellenbeschreibung.

Johannes Müske, der sich im Rahmen des Projektes Broadcasting Swissness mit der schweizerischen Radiogeschichte im Kontext der Sammlung des Basler Musikwissenschaftlers Fritz Dürr (1920-1990) auseinandergesetzt hat, berichtet von den Ergebnissen des Forschungsprojektes. Dies bestand vor allem darin, Eigenaufnahmen aus den Radiostudios der ehemaligen schweizerischen Rundspruchgesellschaft zu erschließen. Ein besonders bemerkenswertes Ergebnis dieser Forschungen ist es, dass einige Aufnahmen digitalisiert wurden, sodass dieses Rundfunkerbe wieder im Schweizer Radioprogramm gesendet werden kann.

Theoretisch schließt dieser Beitrag an die Frage an, wie sich das Spannungsverhältnis zwischen Medialität von Alltag und kulturellem Erbe archivpraktisch aufarbeiten lässt. Dies konkretisiert Müske, indem er die Sammlungsgeschichte der Sammlung Dürr erläutert und im Anschluss daran praktisch die institutionelle Beteiligung audiovisueller Gedächtnisarbeit diskutiert.

Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Reinhold Viehoff unternimmt den “Versuch, auf einige Probleme hinzuweisen, die durch mediale Repräsentationen von ‘Geschichte(n)‘ neuerdings verstärkt entstehen“ (86). Viehoff betont, dass materialisiertes Wissen, dem immer auch Wahrnehmung und Kommunikation vorausgehen, “Gegenstand und Feld einer Kultur des Erinnerns und damit von Geschichte“ sei (87). Zentral für seine Perspektive medienarchivischen Denkens ist es, die “Interessen der Geschichtsschreiber“ zu reflektieren. Einerseits seien es schließlich die Institutionen, die eine Überlieferungsleistung erbringen würden, anderseits sei es zugleich auch die Perspektive derjenigen, die die Geschichten darüber verfassten. “Archivieren und Wiederverwenden sind deshalb die beiden Seite einer sozialen Handlung“ (88).

So sei auch immer die Medienlogik zu berücksichtigen, die bei der Produktion von (Fernseh-)Medien eine “Aufmerksamkeitspolitik“ verfolge, die “auf Quoten- und Ertragslage, die professionale Ritualisierung der Informationsflüsse, die zunehmende Skandalisierung und weitere, an Unterhaltung ausgerichtete strukturbildende Parameter des Mediensystems“ Rücksicht nimmt (90). Inwieweit sich angesichts dieser Voraussetzungen Erinnerung am Beispiel von Fernsehproduktionen individuell und kanonisch herstellen lässt und inwieweit die Herstellung von Geschichtsbildern von diesen Parametern abhängt, problematisiert er vor allem im Hinblick auf die Digitalisierung der Medien und die damit einhergehende verschwindende Materialität des Referenzbereiches (vgl. 92-96).

Dass Narrative auch immer bestimmten zeitbezogenen sozialen Vorstellungen von Moral und Geschlecht folgen, zeigt die Betrachtung von zeitgenössischen und früheren Vorstellungen der Vergangenheit. Dies zeigt die Bremer Medienwissenschaftlerin Yvonne Robel am Beispiel “crossmedialer“ Geschichtsverarbeitungsprozesse im Unterhaltungssektor am Beispiel des Romans Suchkind 312, der jeweils in den Jahren 1955 und 2007 verfilmt wurde.

Die Germanistin Sandra Nuy widmet sich ebenfalls dem medialisierten Erinnern und nimmt die durch Medien bedingte Mythenbildung am Beispiel der RAF im Film Die bleierne Zeit (1981) von Margarethe von Trotta in den Blick. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Thomas Wilke widmet sich in seinem Beitrag der Frage nach dem Spannungsfeld von Geschichtskonstruktion und Fiktion in der Quality-TV-Produktion Rome und kommt zu dem Schluss, dass, obwohl die medialen Inszenierungen dieser Epoche aus Konstruktionen und Simulationen bestünden, “die Materialität der Fiktion […] neue Fakten“ schaffe (133). Weiter heißt es: “Denn Geschichte als ein sich selbst fortschreitender Prozess, der verschiedenen Gelingensbedingungen unterliegt, bei dem minimale Verschiebungen zu heterogenen Setzungen werden, […] wird in der Serie zu einer vom Ende her gedachten Kausalität“ (133f.).

Der Historiker Jean Christophe Meyer analysiert die deutsch-französische Fernsehsendung Histoire paralléle/Die Woche vor 50 Jahren, die im Jahre 2001 nach 630 Folgen eingestellt wurde. Der Autor identifiziert die Geschichtssendung als einen medialen europäischen Erinnerungsort, da geschichtliche Diskurse beider Länder in ein erfolgreiches Fernsehformat überführt werden konnten. Kriegsereignisse konnten mit einer “nahen Vergangenheit“ (144) verbunden und diskursiv ausgehandelt werden. Die Übersetzerin und Lateinamerikanistin Christiane Quandt erörtert argentinische Radiosounds als fiktionale und dokumentarische Orte der Erinnerung in der Novelle Cómo me hice monja (dt: Wie ich Nonne wurde) des argentinischen Avantgarde-Schriftstellers Cèsar Aira.

Fragen nach curricularen Wissensprozessen und der Vermittlung von historischen Ereignissen in Schulen stellt May Jehle, indem sie in Videos gezeigte Handlungen als Repräsentationen des Historischen interpretiert. Im Vergleich werden Unterrichtsaufzeichnungen aus der ehemaligen DDR und aus der Bundesrepublik einander gegenübergestellt. Ebenfalls in diesem Zusammenhang untersucht Lars Müller “Schulbücher zwischen Verlagsarchiv und Erinnerungsort“, um sie einer Medienanalyse als Gegenstand zugänglich zu machen. Der Medienwissenschaftlicher Clemens Schwender und der freie Historiker und Publizist Jens Ebert widmen sich in ihrem Beitrag der Alltagskommunikation über Medienereignisse in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Für die Rekonstruktion der Medienwahrnehmung um diese Zeit nutzen sie eine Sammlung von Feldpost-Dokumenten aus dem Feldpost-Archiv im Museum für Kommunikation Berlin. Yulia Yurtaeva setzt sich mit privaten Internetplattformen als Medienarchiven und durchaus fruchtbaren Forschungsräumen auseinander, die bisher nur eine geringe Aufmerksamkeit in der Forschung zur Gedächtnisgeschichte und Geschichtskonstruktion erfahren haben.

Der anregende Sammelband deckt bei aller Heterogenität, die für Tagungsdokumentationen charakteristisch ist, einen Großteil der aktuellen Mediendiskurse ab. Besonders produktiv ist hierbei, dass in den unterschiedlichen Beiträgen auf verschiedene Medienformate eingegangen wird, wodurch sich jeweils spezifische Aufgabenstellungen herausarbeiten lassen. Dieses Vorgehen ist deshalb besonders weiterführend, weil die Fernsehserie und der Fernsehfilm unter ganz anderen epistemologischen Fragezusammenhängen zu betrachten sind als historische Rundfunkbeiträge, Tonarchivalien oder curriculare Lernvideos aus der Schule.

Besonders bemerkenswert ist es, dass das Medienarchiv als Gegenstand einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung sowohl inhaltlich als auch methodisch ein recht junger Diskurs ist und bisher sehr wenige Publikationen zu konkreten Medienarchivbeständen entstanden sind. Dies ist sicherlich einerseits der Beschränkung des Zugangs geschuldet, andererseits jedoch fehlen methodische Zugänge zum Thema, da die Arbeit am und im Medienarchiv immer auch interdisziplinär angelegt sein muss: Sie changiert mindestens zwischen Medien(kultur)wissenschaft und Geschichtswissenschaft. Umso erfreulicher ist es, dass an den Beiträgen konkret deutlich wird, wie eine inhaltliche und methodische Auseinandersetzung denkbar ist und andererseits theoretisch der Gegenstand selbst erfolgreich problematisiert werden konnte.

Der Band zeigt außerdem in einer übergeordneten forschungspolitischen Perspektive an, dass die von Aleida Assmann entwickelte Begrifflichkeit des Speicher- und Funktionsgedächtnisses im Zusammenhang mit konkreter Archivarbeit in gewisser Weise kanonisch geworden zu sein scheint und von vielen Beiträgern zitiert oder angewendet wird. Dagegen wäre prinzipiell nichts einzuwenden. Es stellt sich jedoch die Frage, ob für die vielgestaltigen Diskursformationen nicht auch eine Weiterentwicklung der Begrifflichkeit für die jeweiligen Fragestellungen hilfreich wäre, um die Medienlogiken, die zwischen Speicherung (als Medium und als Ablage im Archiv), Übertragung und Distribution operieren, differenzierter zu fassen.

Die Spezifität der jeweiligen Medienordnungen, die diesseits oder jenseits des Archivs kulturell etabliert sind, müssten auch vor diesem Hintergrund reflektiert werden. So realisiert sich die Speicherung, Übertragung und Distribution audiovisueller Bildmedien sicher unter anderen technisch-medialen Bedingungen als rein akustische Medien. Auch die Ordnungsdiskurse bilden sich im Falle einer Quality-TV-Serie, einer deutschen Fernsehproduktion oder eines Tonmediums unterschiedlich aus. Rezeption, Speicherung und Verbreitung sind dabei vollkommen anders strukturiert, und Fragen kollektiver Gedächtnisbildung, die zwischen Geschichtsbildung, Speichergedächtnis und Funktionsgedächtnis verortet sind, hätten an dieser Stelle sicher auch ihren Platz verdient gehabt. Bemerkenswert ist aber der hohe Anteil an konkreter Auseinandersetzung mit bestehenden Sammlungen. So sind hier auf eine Weise beispielhaft auch eigene methodologische Ansätze beschrieben, die nicht nur einen wissenschaftlichen Zugang zu den jeweiligen Medienarchiven ermöglichen, sondern auch einen methodischen.

Ein besonderes Verdienst des Sammelbandes ist es, die spezifische Medialität deutlich herausgearbeitet und damit implizit auch Begrenzungen des Assmann’schen Konzepts überschritten zu haben. Insofern kann dieser Sammelband als ein wichtiger und innovativer Beitrag im Rahmen der noch recht jungen Medienarchivforschung betrachtet werden. Gleichzeitig weisen die konkreten medialen Fallanalysen in gewisser Weise auch darauf hin, in welche Richtung eine künftige Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Medien und Archiv gehen kann. Insofern kann dieser Band, ohne dass dies sein eigener Anspruch gewesen wäre, als programmatisch für eine künftige Medienarchivforschung betrachtet werden.

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