Die gehetzte Politik

Pressemitteilung vom 15. Januar 2013


Von Herbert von Halem am 15. Januar 2013

Die gehetzte Politik

Tübinger Studierende interviewen Spitzenpolitiker, einflussreiche Journalisten und kritische Intellektuelle für ein Buch über die Krise der Republik

Ein Verdacht geht um in Europa. Es ist der Verdacht, dass der Parlamentarismus alten Stils am Ende ist. Der Takt der internationalen Finanzmärkte diktiert gewählten Regierungen die Agenda. Lobbys und Seilschaften infiltrieren die Büros von Abgeordneten und Beamten. Affären und Rücktritte bringen den Beruf des Politikers in Misskredit. Gleichzeitig gewinnt der Kampf um Aufmerksamkeit an Schärfe, wird der Ton öffentlicher Debatten rauer, regiert eine spürbare Lust am Spektakel. Bedroht von der Konkurrenz des Internets untergraben klassische Medien im Wettlauf um Quoten und Auflagen die eigene Legitimation durch die Skandalisierung von Politikern und die Trivialisierung der Politik. Was ist die Ursache, die all diese Symptome auslöst? Läuft die Maschinerie der Repräsentation und der Gewaltenteilung unter den neuen Belastungen heiß? Steuern wir auf ein postdemokratisches Zeitalter zu? Oder erwächst aus den anonymen Schwärmen des Internets die Polis von morgen?

Mit prominenten Politikern, mächtigen Journalisten, einflussreichen Intellektuellen und Lobbyisten sprachen Studierende der Universität Tübingen über die neue Macht der Medien und Märkte – und machten daraus ein Buch. Ihr Ziel: herauszufinden, wie die mediale Dauerbeobachtung, der Turbo-Journalismus der Gegenwart und die monströsen Krisendiagnosen aus der Finanzwelt die Politik und die Politiker verändern.

Unter der Projektleitung von Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, und Wolfgang Krischke, Journalist und Sprachwissenschaftler, trafen sie sich mit Netzoptimisten und -pessimisten, recherchierten Skandale und Affären, befragten aktive, zurückgetretene und gescheiterte Politiker, diskutierten mit PR-Profis und Philosophen, Lobbyisten und Kapitalismuskritikern.

„Die gehetzte Politik“: © Christoph Püschner / Zeitenspiegel

Zu Wort kommen: Finanzminister Wolfgang Schäuble, der Bestellerautor Thilo Sarrazin, der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, der Empört-Euch-Aktivist Stéphane Hessel, die Merkel-Kritikerin Gertrud Höhler, die Linke Sahra Wagenknecht, der Alt-Kommunarde Rainer Langhans, die Piraten-Politikerin Marina Weisband, der Philosoph Richard David Precht, der Ministerpräsident Winfried Kretschmann, die Fernsehjournalisten Marietta Slomka und Ulrich Deppendorf, der Unternehmer Carsten Maschmeyer. Weitere Gesprächspartner sind Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der die herrschende Politikerverachtung analysiert, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, der die Macht politischer Intrigen beschreibt und der einst als zukünftiger Ministerpräsident von Schleswig-Holstein gehandelte CDU-Politiker Christian von Boetticher: Er berichtet in einem schmerzhaft-offenen Interview von der Sensationsgier des Boulevards und den Feinden in der eigenen Partei. In einem Disput mit Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung, werden die Affären um Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff beleuchtet – und die Rolle, die das Blatt in beiden Fällen spielte.

Deutlich wird: Politik findet heute in einem Zustand der Überhitzung statt; oft fehlen die Ruhezonen der Konzeptentwicklung, in denen Ideen – ohne sofort durchgestochen und attackiert zu werden – einmal ausprobiert werden können. Man hetzt voran und lässt sich hetzen. Schon die Beschleunigung des medialen Informationsausstoßes, die Hektik der „Live-Ticker“ in den miteinander konkurrierenden Redaktionen suggeriert ein Tempo politischer Entscheidungen, das es nicht geben kann, ohne dem demokratischen Charakter der Politik ernsten Schaden zuzufügen.

Die 27 Gespräche mit mächtigen Politikern und prominenten Stichwortgebern aktueller Debatten spiegeln sehr persönliche Erfahrungen, Beobachtungen und Analysen. Es sind allesamt tiefenscharfe Momentaufnahmen, die sich wie in einem Kaleidoskop zu einem facettenreichen Bild der gehetzten Politik zusammenfügen: oft streitbar, manchmal berührend und immer erhellend.