Noch eine Frage bitte, Herr Christian

Dr. Alexander Christian über "Piktogramme"

Noch eine Frage bitte, Herr Christian

Herr Dr. Christian, welchem Zweck dienen Piktogramme?

Als Verkehrszeichen der Globalisierung idealisiert, sollen Piktogramme Orientierung bieten in einer Welt, in der selbst alltägliche Gebrauchsgegenstände schon längst nicht mehr aus sich selbst heraus verständlich sind. Piktogramme sollen Informationen über Sprachgrenzen hinweg vermitteln und tauchen als Ge- oder Verbotszeichen, als Warnzeichen, als Rettungs- und Brandschutzzeichen oder allgemeine Hinweise auf.

Inwiefern sind Piktogramme im Onlinejournalismus wichtig, wie fällt ihre Verwendung in diesem Bereich aus?

Auf grafischen Benutzeroberflächen helfen Icons bei der Navigation durch Infografiken und interaktive Online-Inhalte. Facebook hat für die Interaktion mit den Nutzern beispielsweise vor ein paar Monaten seine Buttons um neue Emojis erweitert. Nutzer können ihre emotionalen Reaktionen auf journalistische Beiträge jetzt etwas differenzierter ausdrücken, als es mit dem Daumen nach oben möglich war.

Worin besteht die emotionale Ansprache eines Bildes/eines Piktogrammes?

Allgemein werden Piktogramme Bildern durch emotionalere Ansprache ähnlicher. Sie werden durch das Hinzufügen von Merkmalen der nonverbalen Kommunikation wie Gestik, Mimik und Positur emotionalisiert. Üblicherweise sind Gesichter bei genormten Piktogrammen ausgespart, weil sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und von der Bedeutung ablenken könnten.

Dienen Piktogramme dazu, in fotografischen Bildern zu erscheinen? Oder sollten die beiden Bildwelten getrennt voneinander betrachtet werden, um aussagekräftig zu sein?

In der letzten Zeit sind Piktogramme häufig aus ihren üblichen Verwendungszusammenhängen herausgenommen worden und beispielsweise auf Pressefotos oder in der Werbung wiederzufinden. Ein Beispiel ist das Verbotszeichen „Zutritt für Unbefugte verboten“, das dazu benutzt worden ist, um Artikel zu bebildern, die sich kritisch mit deutschen Großbaustellen auseinandersetzen. Solche Fotos erwecken beim Betrachter gleich zwei Verdachtsmomente: Erstens scheinen die Bauarbeiten zu langsam voranzuschreiten, und zweitens wird versucht, etwas zu verheimlichen, schließlich ist es nicht einmal den Pressefotografen gelungen, einen Blick hinter den Bauzaun zu werfen. Fotografien, in denen Schilder mit Piktogrammen auftauchen, stehen Journalisten in Archiven zur Verfügung – etwa wenn kein aktuelles Bildmaterial vorliegt oder wenn sich das Thema schwierig fotografisch wiedergeben lässt. Es handelt sich dabei meist nur scheinbar um illustrative Fotografien. Wir haben es hier mit einem spielerischen Umgang zu tun, der bewusst mehrdeutig angelegt sein kann: Bildjournalisten können damit einen versteckten Kommentar abgeben, wie er sonst eher in politischen Cartoons zu finden ist. Die Rezipienten müssen deshalb mit den Konventionen mehrerer Zeichensysteme vertraut sein.

 

 

Das Interview erschien am 4. Mai 2017 in textintern, Ausgabe 17/18, und wurde geführt von Annika Ahrens.