Noch eine Frage bitte, Frau Geber

Dr. Sarah Geber über "Wie Meinungsführer Meinung kommunizieren"

Noch eine Frage bitte, Frau Geber

Was zeichnet Meinungsführer aus und welche Ziele verfolgen sie?

Die Kernidee des Meinungsführerkonzepts ist, dass Meinungsführer die Meinungsaushandlung in ihrem sozialen Umfeld anführen. Auf Basis der über 70-jährigen Meinungsführerforschung wissen wir heute, dass politische Meinungsführer medienübergreifend gezielt politische Inhalte nutzen, über eine gewisse politische Expertise verfügen, eine starke Persönlichkeit haben, sich sozial und politisch engagieren und zentrale Positionen in ihren Netzwerken einnehmen. Weitestgehend unklar war bisher jedoch, wie sich Meinungsführerschaft in der politischen Alltagskommunikation, also in Gesprächen zwischen Freunden und Bekannten, zeigt. Um Licht in diese „Black-Box“ der Alltagskommunikation zu werfen, habe ich ein Meinungsführerkonzept entwickelt, das sich auf politische Alltagsgespräche übertragen lässt. Danach gibt es in jeder Kommunikationsbeziehung und in jeder Gesprächssituation eine Person, die eher Meinungsführer, und eine Person, die eher Meinungsfolger ist. Die Ergebnisse zeigen, dass Meinungsführer in politischen Alltagsgesprächen stärker als ihre Gesprächspartner das Ziel verfolgen, den anderen zu beeinflussen. Zudem ist es ihnen wichtiger, sich als kompetent und meinungsstark darzustellen. Diese Zielsetzung zeigt sich in den Gesprächen in einer elaborierten, das heißt argumentativ begründeten Meinungskommunikation und geht mit sozialer Anerkennung der Meinungsführerschaft seitens der Gesprächspartner einher.

Wie ist die Beziehung zwischen Meinungsführer und Meinungsfolger zu charakterisieren?

Meinungsführerschaft ist relational. Es bedarf eines Akteurs, der die Meinungen anführen möchte, aber auch eines Akteurs, der bereit ist, einer Meinung zu folgen. Bei den Beziehungen zwischen Meinungsführer und -folger handelt es sich um die alltäglichen, informellen, eher engen Kontakte − wie Familienmitglieder, Partner oder Freunde und Bekannte. Meinungsführer sind also keine sozio-ökonomisch höher Gestellten oder durch formale Rollen definierten „Anführer“; Meinungsführerschaft findet sich − mal stärker, mal schwächer − in jeder Beziehung wieder.

Für Ihre Studie haben Sie politische Gespräche von verschiedenen Freundschafts- und Bekanntschaftspaaren beobachtet. Wie liefen diese Gespräche ab?

Politische Gespräche sind soziale Situationen und damit nicht frei von Eigenschaften des sozialen Miteinanders. Sie werden vor allem mit engen sozialen Kontakten geführt und finden damit unter Gleichgesinnten statt, die sich hinsichtlich politischer Einstellungen ähneln. Entsprechend sind Motive und Ziele in politischen Alltagsgesprächen auch in diesen Beziehungen begründet und damit nicht nur politischer, sondern auch sozialer Natur, weshalb diese Gespräche vor allem harmonisch verlaufen. Die Aushandlung politischer Meinungen wird vom Wunsch nach Übereinstimmung und Konsens angeleitet. Es werden nur selten Ablehnungen artikuliert; Zustimmung und Bestärkung dominieren den politischen Austausch zwischen den Freunden und Bekannten. In der Regel ist das Ergebnis dieser Gespräche Konsens.

Welche politische Relevanz haben private Alltagsgespräche?

Politische Alltagsgespräche, die in der Familie oder mit Freunden und Bekannten im privaten Kontext geführt werden, sind demokratietheoretisch relevant. Sie sind ein integrativer Bestandteil des Alltags, und die Willensbildung in diesen Gesprächen kann als eine Vorstufe der öffentlichen Meinungsbildung verstanden werden kann. Dieser gesellschaftliche Nutzen politischer Gespräche wird jedoch dadurch eingeschränkt, dass es zwischen den
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Gesprächspartnern kaum zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Greift man die Idee von politischen Gesprächen als Brücke zwischen Alltagsleben und politischer Welt auf, wird das Problem eines Defizits an Meinungsverschiedenheiten deutlich: In einer pluralistischen Gesellschaft, die sich durch die Koexistenz divergierender Präferenzen, Überzeugungen und Ideale auszeichnet, sind Meinungsverschiedenheiten eine Voraussetzung für deliberative Demokratie. Nur durch einen offenen, rationalen und herrschaftsfreien Austausch verschiedener Überzeugungen können vernünftige und legitimierte Lösungen für gesellschaftliche Probleme gefunden werden. Politische Alltagsgespräche sind also von großer Bedeutung; ihre Relevanz könnte jedoch durch ein Mehr an offen diskutierten, heterogenen Ansichten erhöht werden.

Welche Erkenntnisse können aus Ihrer Studie gezogen werden?

Meinungsführerschaft ist ein inhaltlich und sozial relevantes Phänomen in der politischen Alltagskommunikation. Zwar kann nicht von starken Persuasionseffekten auf die Meinung der Gesprächspartner und damit einer Beeinflussung im klassischen Sinne gesprochen werden, dennoch zeigt sich Meinungsführerschaft in inhaltlich elaborierter Meinungskommunikation und wird von beiden Gesprächspartnern wahrgenommen. Klassisches Meinungsführer/-folger-Verhalten zeigt sich vor allem in asymmetrischen Einflussbeziehungen. In diesen Beziehungen findet sich die Dichotomie aus „Meinungen geben“ seitens der Meinungsführer und „Meinungen erfragen“ bei den Meinungsfolgern wieder. In symmetrischen Beziehungen hingegen ist der Meinungsaushandlungsprozess eher als ein Austausch zu verstehen, in den beide Gesprächspartner gleichermaßen Meinungen einbringen. Insgesamt sprechen die Befunde dafür, dass Meinungsführerschaft eine eher unauffällige Form sozialer Einflussnahme ist. Das macht Meinungsführerschaft zu einem integralen Bestandteil politischer Alltagskommunikation; gesellschaftliche Veränderungen können durch das Konzept jedoch nicht hinreichend erklärt werden.

Was kann bzw. sollte in Zukunft noch zur Meinungsführer-Forschung beigetragen werden?

Politische Meinungen werden nicht nur in Face-to-Face-Gesprächen, sondern vermehrt auch online ausgehandelt, weshalb zukünftige Forschung sich der Untersuchung von Meinungsführerkommunikation in Online-Netzwerken und Online-Diskussionsforen widmen sollte. Der zentrale Vorteil der Untersuchung von Meinungsführerkommunikation online gegenüber der in dieser Studie angewandten Beobachtung von Face-to-Face-Gesprächen ist, dass sich in Online-Netzwerken und Online-Diskussionsforen Kommunikation und Wirkungen manifestieren und damit leichter zugänglich werden, so dass umfassendere Gesprächskorpora und größere Kommunikationsnetzwerke untersucht werden können. Darüber hinausgehend wurde die nonverbale Kommunikation bisher völlig außen vor gelassen. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass die Unterschiede in der Kommunikation zwischen Gesprächspartnern in politischen Alltagsgesprächen eher subtil sind, weshalb es vielversprechend sein könnte, sich nichtsprachlichen Aspekten der Kommunikation zu widmen und zu untersuchen, inwiefern sich Meinungsführerschaft in Gestik und Mimik zeigt. Das sind nur zwei von mehreren interessanten Perspektiven, die verdeutlichen, dass die Meinungsführerforschung auch rund sieben Jahrzehnte nach ihrer Begründung noch interessante Fragestellungen bereithält.