Lisa Mai, Judith Wilhelm: Ich weiß, wann Du online warst, Schatz

Rezensiert von Thomas Christian Bächle

Die Publikation Ich weiß, wann Du online warst, Schatz untersucht dem Untertitel zufolge die Bedeutung der WhatsApp-Statusanzeigen für die Paarkommunikation in Nah- und Fernbeziehungen. Ein so eng eingegrenztes Phänomen ist für eine Monographie ungewöhnlich. Beim vorliegenden Werk handelt es sich um eine in Ko-Autorschaft entstandene Masterarbeit von Lisa Mai und Judith Wilhelm, die 2014 nach viermonatiger Bearbeitungszeit am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Mannheim eingereicht wurde (vgl. Transfer 1/2015).

Weil insbesondere pessimistische Deutungen mobiler Kommunikation eine große Bekanntheit erreichen (beispielsweise Sherry Turkles kritische Bestandsaufnahme Alone Together, 2011), stellt jede ausgewogene Betrachtung der Aneignung mobiler und digitaler Medien in sozialen Kontexten willkommene und relevante Forschungsperspektiven bereit. Dennoch hätte die vorliegende Studie vor einer Veröffentlichung unbedingt redaktionell überarbeitet werden müssen.

Die Autorinnen konzentrieren sich in ihrer Untersuchung auf kommunikative Praktiken, die durch Instant Messaging-Dienste ermöglicht werden und neben einer ständigen Erreichbarkeit über das Merkmal zusätzlicher Kontextinformationen verfügen: Dazu zählen Angaben, ob der Kommunikationspartner „gerade online“ ist, eine Nachricht bereits zugestellt oder schon gelesen wurde. Vor allem in Paarbeziehungen, die sich in der Regel durch eine hohe kommunikative Verfügbarkeit und Intensität auszeichnen, haben solche Informationen bei einer gemeinsamen Wirklichkeitsdeutung eine hohe Relevanz. Sie stellen neue Orientierungsmöglichkeiten bereit, um etwa Aufgaben oder persönliche Treffen kurzfristig zu planen. Ihre Ambiguität kann aber auch Ursache für Konflikte sein: Wenn „die Nachricht gelesen aber nicht beantwortet wurde, bleibt weiterhin unklar, was diese fehlende Rückmeldung bedeutet: Sie könnte ein bewusstes Ignorieren sein oder auch lediglich anzeigen, dass der Partner gerade keine Zeit hat, um zu antworten“ (S. 23).

Um die Frage zu klären, „welche Rolle die Statusanzeigen für die Verständigung mit dem Partner spielen und wie diese in Zusammenhang mit Bewertungen der Partnerschaft stehen“ (S. 10), haben die Verfasserinnen Interviews mit zwölf Probanden geführt. Sie sind zwischen 21 und 27 Jahre alt, leben in einer festen Beziehung und kommunizieren über den Messenger-Dienst WhatsApp (S. 32f.). Die Ergebnisse (ab S. 127) liefern im Sinne des eng gefassten Erkenntnisinteresses durchaus interessante Einblicke in die Dynamik von Paarkommunikation, die durch Instant Messaging ermöglicht wird. Sie sind jedoch weitgehend auf die Rolle der „Zuletzt-Online“-Information beschränkt. Wie sich zeigt, erfüllen die Statusanzeigen besonders für die Mikrokoordination im Alltag oder die empfundene Nähe der Beziehungspartner zueinander wichtige Funktionen: So kann etwa die Zustellung von als wichtig erachteten Nachrichten geprüft oder weiterführende Kommunikation über andere Kanäle geplant werden. Eine „Online“-Anzeige, die als gleichzeitige Anwesenheit im Chat gedeutet wird, kann zudem „zu einem angenehmen Gefühl der medial vermittelten Nähe zum Partner“ führen (S. 128).

Diese Feststellungen schließen – überschrieben mit „Diskussion“ (S. 127ff.) – die Arbeit auf acht Seiten ab, auf ein eigens ausgewiesenes Fazit wird verzichtet. Allein an dieser formalen Präsentation werden die Defizite des Textes deutlich: Er beginnt mit einer außerordentlich dünnen theoretischen Verortung, das Kapitel „Forschungsstand“ (S. 24f.) umfasst gerade einmal zwei Seiten, der „Paarbeziehung als Gegenstand der Forschung“ (S. 17f.) werden ebenfalls nur zwei Seiten gewidmet. Zwischen diesen anfänglichen Überlegungen und der kurzen Darstellung der Ergebnisse liegt die ausschweifende Beschreibung des Datenmaterials („Themen-/Feinstrukturanalyse“, Kap. 6 und 7), die in stark nacherzählenden Passagen etwa 70 Prozent (S. 41-125) des gesamten Werks für sich vereinnahmt. Insbesondere die Feinstrukturanalyse ist viel zu deskriptiv und überdies ohne erkennbaren analytischen Nutzen nicht begriffssprachlich oder nach Nutzungsmerkmalen aufbereitet, sondern nach Vornamen geordnet. Auch die übrige Gliederung ist oft zu schlaglichtartig und fragmentiert (z. B. die sehr kurzen Kapitel 6.2.2.5-6.2.2.7 zu Nähe, Emotion und Verunsicherung, S. 61-64).

Diese Strukturierung verzichtet weitgehend auf eine theoretische Rückbindung oder die für qualitative Untersuchungsdesigns charakteristische Abstraktion einer Typologie. Stattdessen lässt sich etwa unter der Kapitelüberschrift „Johanna“ nachlesen: „Johanna ist der Echtzeitstatus extrem wichtig“ (S. 75). Einsichten dieser Art werden jeweils durch den Abdruck langer Interviewpassagen belegt, in denen gar Akzentuierungen und Pausen transkribiert wurden. In einer Qualifikationsschrift mag dies seine Berechtigung haben und als Nachweis über methodisches Können gewertet werden. In einer Monographie ist dieses Vorgehen eher hinderlich, da in einer solch mikroskopischen Betrachtung kaum verwertbarer Erkenntnisgewinn liegt. Nicht minder störend für den Lesefluss ist der Wust aus einerseits gewissenhaften, zeilengenauen Verweisen auf das Datenkorpus, deren referenzierte Transkripte andererseits jedoch gar nicht abgedruckt sind. Auch verweisen die Autorinnen mehrfach auf Anhänge („Anhang A“, S. 32; „Anhang F“, S. 42; „Anhang G“, S. 69), über die das Buch ebenfalls nicht verfügt.

Das Manuskript der Masterarbeit hätte, wie eingangs bereits festgestellt, einer angemessenen Überarbeitung bedurft und aus diesem Grund aus der Sicht wissenschaftlicher Standards in der vorliegenden Form nicht veröffentlicht werden sollen. Selbstverständlich ist nicht auszuschließen, dass sich der hochgradigen Personalisierung, den nacherzählenden Interview-Passagen und dem engen Zugang zum Thema etwas abgewinnen lässt – auch wenn der Text nicht besonders leserfreundlich ist, da er insbesondere bei der Lektüre des Datenmaterials dazu auffordert, eigenständig Relevantes von Irrelevantem zu unterscheiden. Für eine Monographie sind die angebotenen Ergebnisse in Relation zum Umfang des Werks in jedem Fall zu spärlich.

Dies ist allerdings nicht so sehr den beiden Nachwuchswissenschaftlerinnen anzulasten, die hier eine Chance genutzt haben, eine Abschlussarbeit zu publizieren, sondern auch deutliches Indiz einer mangelhaften Betreuung durch den Verlag. Die von Lisa Mai und Judith Wilhelm durchgeführte Studie hätte von einer anderen Darstellungsform – einem Einzelbeitrag in einer wissenschaftlichen Zeitschrift etwa – und einer damit einhergehenden Verknappung sowie theoretischen Fokussierung und Fundierung wesentlich profitiert.

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