Kunstraub, Museen und die Bedeutung von Löffeln

Schmuckkünstlerin Christine Bruggmann und Kunsthistoriker Prof. Dr. Hans Ulrich Reck bei den Kölner Mediengesprächen am 17. Mai 2017

Kunstraub, Museen und die Bedeutung von Löffeln

Sie sind ganz verschieden: Einer von ihnen hat eine Kelle aus Horn, ein anderer einen langen Holzstiel, ein dritter ist so klein und filigran, dass man ihn eher für ein Schmuckstück als für ein Esswerkzeug halten könnte. Die Rede ist von den Löffeln, die zusammengenommen Christine Bruggmanns Hommage an Afrika bilden und die die Künstlerin zur Betrachtung für unser Publikum ausgestellt hat. Nach der Begrüßung durch den Verleger Herbert von Halem und einer kurzen Einführung in das Thema des Abends durch Prof. Dr. Hans Ulrich Reck erläuterte Frau Bruggmann, was sie zu ihrem Werk inspiriert hat.

Der Kontinent Afrika, so Bruggmann, ist uns bedauerlich oft nur in Katastrophenmeldungen, etwa über eine Dürre in Somalia, präsent. Dabei wird allzu oft vergessen, dass Afrika auch eine überaus reiche Quelle der Inspiration gerade für die europäische Kunst ist. Durch die von ihr individuell gestalteten Löffel möchte Bruggmann dem afrikanischen Kontinent und seinen Bewohnern in künstlerischer Hinsicht etwas zurückgeben und ihren Dank ausdrücken. Dazu sind Löffel besonders geeignet: Sie haben für viele Stämme Afrikas eine besondere, oft auch mythische Bedeutung. So verleihen etwa die hauptsächlich an der Elfenbeinküste lebenden Dan ihren Frauen einen Löffel als Ehrenzeichen und stellen ihnen zugleich hilfreiche Geister zur Seite, die ihrem Glauben nach diesen Löffeln innewohnen. Auch kann der Löffel als Symbol des Friedens interpretiert werden: Wer mit einem Löffel isst, muss dazu jegliche Bewaffnung aus der Hand legen und alle Kampfhandlungen einstellen. Anders als bei Messer und Gabel wohnt dem Löffel, der in seiner Form der hohlen Hand nachempfunden ist, auch selbst kein Gewaltpotenzial inne.Die von Bruggmann gestalteten Löffel der Hommage an Afrika sind auch in dem kürzlich veröffentlichten Band Ritualkunst zwischen Kult und Museum. Dissonante Ästhetiken am Beispiel Afrikas von Prof. Dr. Hans Ulrich Reck, Kunsthistoriker und Rektor der Kunsthochschule für Medien Köln, abgebildet. Im Anschluss an Bruggmanns Ausführungen präsentierte der Autor die zentralen Kernthesen des Buches.

Die ersten europäischen Museen entstanden im 19. Jahrhundert in Frankreich. Sie gingen aus den „Wunderkammern“ der Spätrennaissance und des Barock hervor. Zahlreiche Besitzer solcher Wunderkammern waren im Zuge der Französischen Revolution zu Tode gekommen. Was sollte mit ihren Sammlungen geschehen? Während viele Kunstwerke als Symbole des alten Regimes gesehen und zerstört wurden, setzte sich der Künstler Jaques-Louis David dafür ein, die Kunst des Ancien Régime zu bewahren, damit kommende Generationen durch sie lernen könnten, wie dekadent und verkommen das alte Regime gewesen war. Dieser Gedanke von der Bewahrung von Kunstwerken blieb jedoch nicht auf französische oder gesamteuropäische Kunst beschränkt. Einer Sehnsucht nach dem ›Wilden‹ und ›Ursprünglichen‹ folgend, wurden Artefakte aus Afrika in großer Zahl nach Europa überführt. Den zivilisatorischen Gedanken von der Bewahrung der Artefakte, der zentral für die europäischen Museen ist, sieht Hans Ulrich Reck jedoch sehr kritisch.

Abgesehen davon, dass die meisten, wenn nicht alle, ethnologischen Museumssammlungen letztlich auf Kunstraub zurückgehen (beispielsweise wurden zahlreiche Exponate des Louvre von Napoleon Bonaparte während seiner Feldzüge geraubt), hob Reck in seinem Vortrag besonders hervor, dass afrikanische Artefakte wie Masken und Statuen für die Menschen dort nicht einfach Kunstwerke, sondern religiöse, kultische Objekte sind. Durch das Überführen solcher Gegenstände in den Kontext des europäischen Museums geht deren ursprüngliche, kultische Bedeutung verloren. Museumsbesucher erleben nicht mehr das ursprüngliche Kultobjekt, sondern nehmen nur noch dessen Form ästhetisch war. Dieser Prozess ist für Reck unumkehrbar. Auch eine Herausgabe von Museumsobjekten an die Afrikaner, die sie als kultische Objekte geschaffen haben, könne ihren Status als solche nicht wiederherstellen. »Eine Rückkehr zum Heiligen«, so Reck wörtlich, »ist nicht mehr möglich.«

Im Anschluss an den Vortrag Hans Ulrich Recks erhielt das Publikum, wie immer bei den Kölner Mediengesprächen, die Möglichkeit, den Vortragenden Fragen zu stellen, Anmerkungen zum Vortrag zu machen oder bei Käse, Brot und Wein angeregt zu diskutieren und zu plaudern.

Wir bedanken uns bei Christine Bruggmann und Hans Ulrich Reck für ihre höchst informativen Ausführungen, ebenso für die Gelegenheit, die Hommage an Afrika persönlich bewundern zu dürfen!

 

Text: Julian Pitten