Joseph Garncarz: Medienwandel

Rezensiert von Florian Krauß

Medienwandel – der Titel lässt an aktuelle Medienumbrüche oder zumindest -transformationen, an Konzentrations- und Konvergenzprozesse im Zusammenhang mit “Digitalisierung“ denken. Der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler Joseph Garncarz, der als Privatdozent an der Universität Köln lehrt, fokussiert sich allerdings auf Film- und Fernsehgeschichte im 20. Jahrhundert. Mit dieser Schwerpunktsetzung geht ein recht pragmatisches Verständnis von Medien als Programmträger einher. Der Autor orientiert sich an der “dominanten Verwendung in der Alltagssprache“ (13) und hebt sich so von breiteren bzw. abstrakteren Begriffsdefinitionen ab, die seiner Ansicht nach den Gegenstand der Medienwissenschaft verwässerten.

Sein Buch gliedert sich in zwei Teile: in eine theoretische Einführung und in eine Ansammlung von zwölf film- und fernsehhistorischen Fallstudien. Zunächst beschreibt Garncarz Instrumente zur Analyse des Medienwandels. Auf die relativ enge Definition von Medien als “[t]echnische Mittel zur Verbreitung von Informationen“ (22) bzw. von codierten Bedeutungen folgen Auseinandersetzungen mit dem “Medienwandel“, der nach Garncarzs Verständnis nicht zuletzt soziale Dimensionen umfasst. “Die Medienhistoriografie interessiert sich […] nicht für Medientechnologien an sich, sondern nur, soweit sie für kommunikative, bildende oder unterhaltende Zwecke genutzt werden“ (33), stellt er fest.

Vorangetrieben wird der Medienwandel Garncarz zufolge in erster Linie durch Medienschaffende und -nutzende, deren Zusammenspiel es zu analysieren gelte. Diese Akteure spielen auch in dem Modell, das Garncarz zum Schluss des ersten Teils entwirft, eine wichtige Rolle. Er unterscheidet zwischen drei Phasen des Medienwandels: der Erfindung, aus der der Prototyp einer Medientechnologie resultiert, der Etablierung, während der sich Institutionen und Nutzungsformen herausbilden, sowie der Verbreitung und Differenzierung, in deren Zusammenhang sich Angebote als auch deren Adressaten weiter auffächern.

Die Fallstudien zum Wandel der Kino- und Fernsehkultur fokussieren sich auf den Kontext Deutschland und reichen, chronologisch angeordnet, vom Mobilen Kino der 1900er-Jahre bis zur Globalisierung der Kinokultur, die sich Garncarz zufolge von den 1970er bis zu den 2000er Jahren in Europa beobachten lässt. Mit den auf eigenen Forschungen basierenden Fallstudien tangiert der Autor teilweise wenig bekannte Aspekte der Filmgeschichte, wie zum Beispiel unterschiedliche Übersetzungspraktiken in der Filmdistribution. Gerade in den “Kernländern des Faschismus“ (12) – so arbeitet Garncarz hier exemplarisch heraus – setzte sich in den 1930ern die Synchronisation fremdsprachiger Filme durch.

An den Fallanalysen fällt neben solchen interessanten Einzelergebnissen und der originellen Themenwahl die Anschaulichkeit und die Multiperspektivität positiv auf: Nicht nur ästhetische Aspekte, sondern auch Ökonomie und Rezeption finden Beachtung. Oft gelingt es dem Verfasser zudem, bekannte Annahmen zu hinterfragen oder gar zu widerlegen, wie beispielsweise die, dass Europäer von den 1920er- bis hin zu den 1960er-Jahren primär US-Filme gesehen hätten. Erst später wurde das US-Kino in Deutschland und anderen europäischen Staaten marktbeherrschend, legt er auf Grundlage von Zuschauerzahlen dar.

Bei den Fallstudien ist es allerdings nicht immer gleichermaßen ersichtlich, inwiefern es um einen Medienwandel geht, auch weil sie vom ersten, allgemein gehaltenen Teil etwas losgelöst scheinen. Garncarzs Skepsis gegenüber einem umfassenden theoretischen Überbau – oder wie er es formuliert “Ideologien“ und “Großtheorien“ (42) – und sein damit verknüpftes Plädoyer für eine Offenheit und pragmatische Methodenwahl sind nachvollziehbar, erweisen sich hier aber auch als Problem. Den verschiedenen Kapiteln mangelt es mitunter an einer argumentativen Kohärenz. Seine Kritik an “Theoriegebäuden“ (42), die eine Sicht auf Mediengeschichte zu sehr vorstrukturierten, verkennt zudem, dass diese selten homogene, in sich geschlossene Konstrukte bilden, sondern in vielen Fällen (wie bei den von Garncarz kritisch angeführten Cultural Studies) durchaus verändert und adaptiert werden können.

Der allgemein gehaltene Titel Medienwandel passt letztlich nur bedingt zu der Entscheidung, sich auf film- und am Rande fernsehhistorische Einzelphänomene zu konzentrieren. Ein Untertitel, der auf den spezifischen Fokus verweist, hätte der Publikation durchaus gut getan. Zwangsläufig kann aufgrund der gewählten Überschrift der Eindruck entstehen, dass wichtige Aspekte, wie zum Beispiel Konvergenzprozesse, zu kurz kommen. Hinsichtlich der Kino- und Fernsehkultur und ihres Wandels lässt sich ein genauerer Blick auf die Verflechtungen von Film- und Fernsehindustrien vermissen. Generell findet das Fernsehen im Vergleich zum Film recht wenig Beachtung. Seine Historie im deutschen Rahmen wurde bei Knut Hickethier (1998) vor einigen Jahren systematischer und umfassender beschrieben.

Stellenweise bleibt Garncarz zudem zu sehr einer deutschen und westeuropäischen Perspektive verhaftet. Wenngleich er Kulturtransfere berücksichtigt, hinterfragt er die nationale Verortung von Film- und Fernsehkulturen nicht ausreichend. Einige Aussagen fallen, unter anderem aufgrund des nationalen Blickwinkels, zu pauschal oder skizzenhaft aus, beispielsweise die Behauptung, die Unterhaltungsbranche wachse in Gesellschaften umso stärker, je größer ihr Wohlstand sei (vgl. 32). Besonders produktive Filmindustrien in Indien oder Nigeria – fern der bei Garncarz fokussierten Kontexte Deutschland und Westeuropa – sprechen gegen diese Einschätzung.

Das entscheidendste Desiderat besteht allerdings darin, dass die historischen Betrachtungen kaum in Bezug zu einem aktuellen Medienwandel gesetzt werden, wenngleich Garncarz die Beschäftigung mit “vergangene[n] Zeitverläufe[n]“ anfangs noch als wichtige Grundlage beschreibt, um sich “heute besser orientieren zu können“ (34). Mangels Ausführung bleibt es aber unklar, in welchem Umfang sich aktuelle Transformationen tatsächlich primär durch einen Blick zurück erklären und erforschen lassen. Sind die bei Garncarz anzutreffende Einteilung in Einzelmedien und die klare Trennung von Produzierenden und Rezipierenden auch in der Gegenwart noch instruktiv, um die Entwicklung von Medien zu untersuchen?

Für ein genaueres Verständnis des Medienwandels seit den 2000er Jahren ist Garncarzs Publikation nur bedingt geeignet. Flüssig und verständlich geschrieben, vermag sie Lehrmaterialien zur Medien- und insbesondere Filmgeschichte aber durchaus zu bereichern. Recht konkrete und pragmatische Begriffsdefinition zu “Medien“ und “Medienwandel“ können in medienwissenschaftlichen Einführungsveranstaltungen herangezogen werden. Medienhistorisches Arbeiten, wie die Interpretation von Archivquellen, wird durch die Fallstudien greifbar. Die Beispiele ermöglichen Einblicke in spannende, größtenteils wenig beleuchtete Einzelphänomene der deutschen und europäischen Filmgeschichte und schildern exemplarisch Einzelaspekte eines vergangenen Medienwandels.

Literatur:

  • Hickethier, Knut: Geschichte des deutschen Fernsehens. Unter Mitarbeit von Peter Hoff. Stuttgart [Metzler] 1998.

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