Das Internet frisst die Zeitung nicht

Ursachen und Wege aus der Zeitungskrise

Das Internet frisst die Zeitung nicht

An Deutschlands Frühstückstischen gehört die weit aufgeschlagene Tageszeitung nur noch selten so zum morgendlichen Ritual wie eine Tasse heißer Kaffee. Die Schuld an deren Schwinden wird vor allem dem Internetzeitalter zugeschrieben. Kein Mensch liest mehr auf Papier, und weshalb sollte man sich für Nachrichten vom Vorabend interessieren, wenn es Brandaktuelles im Netz zu finden gibt? So einfach ist es dann aber doch nicht. In seinem Buch Brauchen wir Zeitungen? beschäftigt sich der renommierte Journalismusforscher Michael Haller intensiv mit der breit diskutierten Zeitungskrise und zieht aus seinen Forschungsergebnissen vor allem eines: Schwächen und Mängel in den Verlagshäusern, jedoch nicht den Untergang der Tageszeitungen.

Ein bunt gemischtes Publikum, vor allem aber viele junge Erwachsene, die Haller in seinen Forschungen verstärkt berücksichtigte, lauschten interessiert seinem Vortrag am 15. Mai 2014 im Herbert von Halem Verlag.  Haller stellte dabei die Kernprobleme des Zeitungsgeschäfts heraus, belegte diese anhand zahlreicher Studien und nannte Gründe sowie mögliche Lösungen zur Abwehr der Zeitungskrise.

In einer Umfrage zum Nutzungsverhalten von unter 25-jährigen mit mobilen Medien zeichnet sich das Interessensgebiet der jungen Erwachsenen klar ab: Das Abrufen von Nachrichten landet auf dem 6. Platz, hinter persönlicher Kommunikation, solitären Spielen und dem Surfen im Internet. Doch hat dieses Ergebnis tatsächlich etwas mit dem Interesse am Tagesgeschehen dieser Zielgruppe zu tun oder liegt das vielmehr am Vertrauen in das mobile Medium? Eine weitere Umfrage zeigt: Die größte Glaubwürdigkeit in punkto Nachrichten wird immer noch einem anderen Medium geschenkt – der Tageszeitung. Interessant an dieser Stelle: Je höher das Bildungsniveau der Befragten, desto mehr wird auch die Tageszeitung gelesen. Immerhin habe das Lesen der Tageszeitung viele nützliche Effekte wie z. B. eine breitere Allgemeinbildung, verlangt allerdings auch eine gewisse Lesekompetenz, worin Haller eines der Schlüsselprobleme sieht.

Mit dem Internet habe der Rückgang der Zeitungsleser aber nichts zu tun, denn diese verschwinden seit 1989, so geht es aus Hallers Studien hervor. Internet haben allerdings erst seit dem Jahr 2001 die Mehrzahl der deutschen Haushalte. »Das Internet nimmt die Leser weg« ist somit laut Haller eine Ausrede der Zeitungsverleger. Die eigentliche Krisenerfahrung machen diese mit dem Verlust der Werbeträger, denn die wandern wegen der größeren Reichweite ins Internet. Tatsächliche externe Einflussfaktoren auf den Rückgang des Zeitungsgeschäfts sieht Haller im Wertewandel, einer Skepsis gegenüber Institutionen und natürlich auch in neuen Technologien. Das viel größere Problem läge aber an internen Faktoren der Zeitungsverleger. Dazu nennt Haller die zehn wichtigsten Ursachen.

Eines der Probleme sieht er im Aktualitätsverlust. Machen Redakteure um 18:30 Uhr Feierabend, kann die Zeitung am nächsten Morgen nicht besser informieren als die Tagesschau am Vorabend. Ein Beispiel könne sich an Finnland genommen werden, denn hier ist der Redaktionsschluss um 0:30 Uhr. Außerdem bemängelt Haller den Einbahnstraßenjournalismus, der meist kritikfrei und aus Sicht der Veranstalter berichtet. Die Verlage freuen sich, denn das bedeutet weniger Ärger. Auch Journalisten, die in ihrer Arbeitsweise in den 1980er Jahren stehen geblieben sind, werden angemahnt. Weiterhin argumentiert er, dass die Zeitungen ihr eigenes Publikum nicht kennen und noch immer von einem Leserbild ausgehen, welches der beschleunigten Lebensweise nicht gerecht wird. Zudem leide die Branche unter ihren starren Strukturen: Zeitungsverlage seien aufgebaut wie eine Behörde.  Außerdem würde zu wenig crossmedial gearbeitet, ebenso wie ein Mangel am Bewusstsein für eine intelligente Nutzung der verschiedenen Kanäle vorherrsche. Die Nähe zum Leser wird von den Verlagen falsch verstanden und es werde zu wenig mit Schulen zusammengearbeitet. Laut Haller sollten schon Kinder an das Zeitunglesen als Kulturtechnik herangeführt werden, da sonst die Lesekompetenz völlig abhanden gehe und der Zeitungsmarkt in eine noch tiefere Krise fallen wird. Als letzten Aspekt nennt Haller die geringe Kooperationsbereitschaft zwischen Redaktion und Verlag.

Am Ende bietet die Tageszeitung doch etwas, das bis heute selten auf einer Homepage zu finden ist: kategorisiertes Orientierungswissen im Gegensatz zur chronologischen Ordnung. Somit gewinnt die Zeitung vielleicht nicht wegen ihres Papierformats, aber wegen ihrer Struktur, mit der sie Informationen vermittelt. Kombiniert man diese mit den Möglichkeiten neuer Technologien, kann die Tageszeitung durchaus eine Zukunft haben.