Werner Telesko: Das 19. Jahrhundert. Eine Epoche und ihre Medien


Von Redaktion am 28. Januar 2012

Rezensiert von Clemens Zimmermann

Werner Teleskos Das 19. Jahrhundert. Eine Epoche und ihre Medien ist als Einführung und Epochenüberblick zu verstehen. Es enthält zahlreiche und gut ausgewählte Hinweise auf die einschlägige Forschungsliteratur und hat weniger methodisch-reflexiven als vielmehr darstellenden Charakter. Die insgesamt 46 Abbildungen sind adäquat ausgesucht und bilden mit den jeweiligen Textabschnitten einen sinnvollen Zusammenhang. Dem Haupttitel gemäß wird in der Einleitung der Epochencharakter des ‘langen’ 19. Jahrhunderts (bis 1917) begründet.

Im ersten Großkapitel “Politische und soziale Grundlagen” werden klassische Themen einer in Richtung politischer Kulturforschung tendierenden Epochendarstellung abgehandelt, nämlich Nationalismus, monarchische Staatsformen und ihre Legitimationsfiguren, “christliche Kirchen zwischen liberaler Theologie, Ultramontanismus und Privatoffenbarung” und das “Bürgertum als neue Kraft”, wobei es weniger um einen sozialgeschichtlichen Ansatz geht als um den Kult des als bürgerliche Grundideologie verstandenen Historismus.

Das zweite Großkapitel verspricht einen kommunikations- und mediengeschichtlichen Ansatz, geht aber ebenso inhaltlich vor. Es wendet sich den Darstellungsformen historistischer Kunst, dem Denkmalkult als ‘Monumentalisierung’ geschichtlicher Erinnerung, neuen Räumen der Kunstproduktion (zum Beispiel Akademien und Ateliers) sowie der “Ästhetisierung” zu, die sich, so die These, als kulturelles Strukturmerkmal des Jahrhunderts darstelle.

Im dritten großen Kapitel “Wissenskulturen” werden Wissensformen und –orte (z.B. Museen, Weltausstellungen) sowie Erscheinungs- formen der “Massenpresse” behandelt. Schließlich im kürzeren vierten Kapitel geht es um Wahrnehmung von Landschaft und generelle Veränderungen menschlicher Wahrnehmung unter dem Begriff der “Sehsucht”. Das ist insgesamt ein ambitioniertes Programm, das der Autor kenntnis- und aspektreich abhandelt und bei dem man viel Bekanntes, aber auch manches Neue erfährt. Der Verfasser hat sich über die bildende Kunst in der napoleonischen Ära habilitiert und ist ein Kunsthistoriker, der die kulturgeschicht- liche Erweiterung seines Faches vorantreibt. So ist das Buch als eine Kulturgeschichte zu verstehen, die, ohne den Blick für Details zu verlieren, sich vor allem für Strukturelemente interessiert und hierbei Wahrnehmungsweisen, kulturelle Strategien und Inhalte sowie künstlerische Produktion und Kunstdiskurs in Zusammenhang bringt. Man wird sowohl dem Thesenreichtum an manchen Stellen als auch der synthetischen Leistung insgesamt die Anerkennung nicht versagen, zumal auch innovative Themen wie die Visualität oder die systematisierte und politisierte Sammlungskultur angesprochen werden.

Dass sich dennoch ein gewisses Unbehagen einstellt, liegt an drei Umständen. Erstens: Wie schon angedeutet, ist die Darstellung allzu sehr auf Mitteleuropa zentriert. Alterität, Transfers zwischen Ländern und Kulturen kommen so gut wie nicht vor. Die Frage nach konkurrierenden ästhetischen Ordnungen und Kulturkonflikten wird bezeichnenderweise ebenso ausgespart. In diesem Buch ist die Welt noch in Ordnung, alles ist Errungenschaft.

Zweitens: Ob es hier tatsächlich gelungen ist, das 19. Jahrhundert als Epoche zu begründen, muss bezweifelt werden. Sicherlich, man kann Zäsur setzende politische Umbrüche als Kriterien akzeptieren. Man kann von den Kennzeichen der ausgeprägten Dynamiken, Ambivalenzen und Revolutionen sprechen oder ein besonderes Verhältnis von Individuum und Masse oder gar die Historienmalerei als Charakteristiken des Saeculums angeben. All das ist indes allzu standortverhaftet. Warum werden nicht Kolonialismus und Mondialisierung angesprochen? Warum nicht Technik, Naturbeherrschung und Entfaltung der Produktivkräfte? Wo bleiben Fundamentalpolitisierung, Bürokratisierung und Kriegskatastrophen? Letztlich wird das als Charakteristikum des Jahrhunderts angeführt, was auch im Hauptteil des Buches zentral behandelt wird: eine Kultur- und Wahrnehmungsgeschichte des mitteleuropäischen Bürgertums. Denn die Schräglage des gesamten Buchprojekts in Richtung Bürgerlichkeit und bürgerlicher Kultur ist unübersehbar, alternative Kulturbegriffe werden nur randständig behandelt.

Drittens: Der Untertitel verweist auf Mediengeschichte. Wenn man von einer Epoche und ihren Medien spricht, wird eine klar mediengeschichtliche Ausrichtung des Bandes angekündigt. Diese Erwartung wird aber mitnichten erfüllt. Selbst wenn man beim zugrunde gelegten Medienbegriff sehr großzügig ist, und Ausstellungen als Medien auffasst (vorrangig werden sie aber zutreffend als “Räume” bezeichnet), ist es evident, dass Mediengeschichte nur in Ansätzen stattfindet. Freilich wird auf die mediale Popularisierung elitärer Formate hingewiesen. Doch es wird, etwas irreführend, die Innovation der “Massenpresse” angeführt, ohne die Zeitungslandschaft zu würdigen. Auflagen von etwa 1.500 Exemplaren je – weitgehend bilderlosem – Zeitungstitel sind freilich wenig spektakuläre Phänomene, die wohl nicht ins Gesamtbild passten. Zwar wird auf die neuen Medien Panorama, illustriertes Familienblatt und ganz kurz noch auf Fotografie und Film verwiesen, doch fallen diese Passagen qualitativ kaum ins Gewicht.

Der Autor verlässt sich bei diesen Aspekten allzu sehr auf die Sekundärliteratur, die eigenen Gesichtspunkte sind mager, Basisprozesse wie Medialisierung und Internationalisierung des Mediensystems werden gar nicht behandelt. Medien werden, für einen kunstwissenschaftlichen Ansatz freilich verständlich, als Sehapparate angesprochen. Der Autor setzt die neuen Kommunikationstechnologien jedoch nicht in Zusammenhang mit dem Auseinandertreten von Örtlichkeit und Ferne. So wird man auch vergeblich auf eine Historisierung medienwissenschaftlicher Ansätze warten. Allerdings als kulturgeschichtliches Panorama ist das Buch lesenswert und ergiebig.

Links: