W. J. T. Mitchell: Cloning Terror


Von Redaktion am 2. Juli 2012

Rezensiert von Stefanie Pannier

W. J. T. Mitchell ist einer der wenigen Historiker, der die Bedeutung von Bildern bereits früh thematisierte. Als Bildtheoretiker erkannte und diskutierte er nicht nur den “pictorial turn“ (Mitchell, 1990), sondern hat durch seine Veröffentlichungen und Vorträge den gesellschaftlichen sowie den wissenschaftlichen Diskurs über Bilder und den Bildgebrauch bedeutsam geprägt. Er konzentriert sich im Wesentlichen auf die historische und gesellschaftliche Funktion von Bildern in ihrem jeweiligen Entstehungs- und Verwendungskontext – sei es die Malerei, der Bildjournalismus, die Fotografie oder der Film etc. Mitchell beschreibt und analysiert dabei die jeweiligen Entwicklungen nicht nur, sondern unterwirft sie darüber hinaus einer kritischen Reflektion.

Dies zeigt sich auch in seiner aktuellen Veröffentlichung Cloning Terror – The war of images, 9/11 to the present. Schon eingangs wird deutlich, dass es sich hierbei um ein Buch über Angst handelt – genauer gesagt, die Angst vor dem ‘cloning’ und die Angst vor dem ‘terrorism’. Mitchell unternimmt den Versuch, diese Angst zu analysieren sowie ihren Ursachen auf den Grund zu gehen. Gegenstand sind die Ereignisse und Entwicklungen sowie deren visuelle und verbale Repräsentationen im Jahrzehnt nach dem 11. September 2001 mit Fokus auf die US-amerikanische Gesellschaft und Politik (Preface).

Mitchell unterzieht die Konstrukte des ‘cloning’, des ‘terrorism’ und speziell die Metapher des ‘war on terror’ einer intensiven Reflektion und kritisiert dabei insbesondere die Bush-Regierung und ihre Sprach-, Bild- sowie Realpolitik. Hierbei wird deutlich, dass sich der Autor nicht nur auf materielle Bilder, sondern insbesondere auch auf innere Bilder/Denkbilder, Imaginationen und Sprachbilder bezieht. Ausgangspunkt seiner Analyse ist dabei die folgende Feststellung:

“Cloning and terrorism converge as forms of extremism and are merged as forms of radical evil, the former loaded with sexual and reproductive taboos, the latter with demonic, even Satanicovertones. Cloning, like terrorism, is an iconic concept, loaded with ideological and mythic connotations.” (19) Schritt für Schritt dekonstruiert der Autor diese “iconic concepts” und ihre Entstehung (Kapitel 1-4). Darüber hinaus schlägt Mitchell Konzepte vor, die zu einer Versachlichung und Neuausrichtung der Diskussion über terrorism und cloning beitragen sollen (Kapitel 3 und 4).In diesem Zusammenhang bedient er sich, mit Bezug auf Jacques Derrida (Kapitel 4), dem “biopolitical model” (44). Er beschreibt terror/terrorism als eine Autoimmunkrankheit des Organismus – der Organismus steht dabei synonym für eine soziale Gruppe, eine Gesellschaft, einen Staat oder auch die Menschheit als Gesamtes im Sinne eines “world system” (47). Aus dieser Systematik leitet Mitchell dann auch alternative Strategien zum Umgang mit dem Terrorismus ab (Kapitel 4).

Der Titel des Buches Cloning Terror suggeriert bereits einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Phänomenen. Der Autor stellt im Rahmen seiner Ausführungen eine Verbindung auf drei Ebenen fest:

  1. Simple coincidence
  2. Similarity or iconographic resemblance
  3. Convergence

Zu 1.: Cloning und terror sind die bedeutenden Themen des letzten Jahrzehnts und haben die öffentliche und politische Diskussion in den USA dominiert.

Zu 2.: Bei einer Internet-Bildrecherche zu den Begiffen ‘clone’ und ‘terrorist’ stellt Mitchell auffällige, insbesondere ästhetische, Ähnlichkeiten fest (74f). Diese Analogien bestehen für ihn nicht zufällig und liegen in den Fantasien und Ängsten zum cloning und zum terror, welche er zuvor dargelegt hat, begründet. In Bildern materialisiert, offenbaren sich ihre Gemeinsamkeiten auf der ikonographischen als auch auf der ikonologischen Ebene. “The terrorist and the clone, then, are the mutually constitutive figures of the pictorial turn in our time. That is why, as we have noted in the preceding chapters, the terrorist is often portrayed as a clone, a faceless automaton, masked and anonymous, a mindless, pathological, an suicidal life form comparable to a virus, a cancer, or a sleeper cell that ‘incubates’ inside the body of its host, turning the body’s defenses against itself in what I have been describing as a sociopolitical form of autoimmune disorder. The clone, in turn, embodies a host of ethical, religious, and aesthetic horrors: the reduction of human beings to mere instrumentalities or commodities […].” (74)

Zu 3.: Die Ursachen für die ästhetische Nähe sowie die Ängste mit denen cloning und terrorism besetzt sind, liegen für Mitchell demnach auf der kulturellen, politischen, technischen und ideologischen Ebene. Auf dieser Grundlage entwirft er schließlich das Konzept des “biopicture” (67) bzw. des “biodigital picture” (70), welches all diese Aspekte aufgreift und zusammenführt. “The images of the clone and the terrorist exemplify the new symbolic complex that I call the ‘biopicture’, a fusion of new technoscientific images and the literalization of image-fears (especially religious) that have merged in the epoch of the war in terror and the clone wars.” (67)

Mitchells Erkenntnisse basieren im Wesentlichen auf der Analyse der Bild- und Sprachpolitik der US-amerikanischen Regierung sowie der künstlerischen und kulturellen Beschäftigung mit diesen beiden Themen. Nur vereinzelt und am Rande wird der journalistische und bildjournalistische Umgang behandelt. Eine nähere Betrachtung dieser Bereiche steht somit noch aus, ebenso wie die Frage nach der Anwendbarkeit des Konzepts des biopicture für dieses Feld.

Leser, die eine Ikonografie des “war of images” erwarten, werden diese im vorliegenden Buch vergeblich suchen. Auch ausführliche Bildanalysen finden sich lediglich in einer sehr begrenzten Anzahl.

Literatur:

  • Mitchell, W.T.J. : Was ist ein Bild? In: Bohn, Volker (Hrsg.): Bildlichkeit. Internationale Beiträge zur Poetik. Berlin [Suhrkamp] 1990, S.17-68

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