Videojournalisten: Genauso gut, aber nicht besser bezahlt


Von Redaktion am 29.03.2012

Eine aktuelle Studie präsentiert die Ergebnisse der bislang größten Befragung von Videojournalisten in Deutschland

Von Guido Vogt

Videojournalisten (VJs) gelten entweder als rund um die Uhr verfügbare, kostengünstige Fließband-Produzenten, die – mit einfachsten Mitteln ausgestattet – schnell gestrickte Nachrichten fabrizieren. Oder sie werden beschrieben als innovative Einzelautoren, die unbelastet vom hinderlichen Team individuell, eigenständig und experimentell Filmprojekte realisieren. Die Studie „Videojournalismus: Funktionalität – Geschichte – Empirie“ scheint beide Positionen in Frage zu stellen.

Der typische Videojournalist arbeitet beim Privatfernsehen, ist fest angestellt und verdient weniger als 3.000 Euro brutto im Monat. Thematisch deckt er vor allem die Bereiche Unterhaltung/Lifestyle, Nachrichten/Aktuelles sowie Vermischtes ab. Dabei realisiert er überwiegend Personen bezogene Kurzbeiträge und ist für Programme mit regionaler Reichweite tätig. Das ist das Ergebnis der mit 104 Teilnehmern bislang größten Befragung von Videojournalisten in Deutschland.

Videojournalisten sehen sich, analog zu den meisten Journalisten in Deutschland, am häufigsten in der Rolle des neutralen Informationsvermittlers. Mit ca. 50 Wochenstunden ist das Arbeitspensum von VJs in etwa so hoch wie bei den deutschen Journalisten allgemein. Wie Fernsehjournalisten sind Videojournalisten überwiegend männlich (62%) und gut ausgebildet – meist mit Hochschulabschluss und Volontariat. Unterschiedlich ist nur das Alter: VJs sind mehrheitlich 30 bis 34 Jahre alt, TV-Journalisten meist 36 bis 45 Jahre.

„Die Arbeit eines guten VJs lässt sich heute kaum mehr von der Arbeit eines guten EB-Kameramanns unterscheiden“, behauptet der frühere Sat.1-Chefredakteur Nik Niethammer, der ebenfalls im Rahmen der Studie befragt wurde. Und der RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel ergänzt: „Alle Abgänger der RTL-Journalistenschule können im Prinzip die Kamera in die Hand nehmen“. Auch er selbst habe schon Angela Merkel im Flugzeug begleitet und eigenhändig gedreht.

Eine Einzellfall-Analyse bei der Deutschen Welle (DW), die ebenfalls im Rahmen der hier vorgestellten Studie durchgeführt wurde, scheint, zumindest für diesen Sender, die Qualität von VJ-Beiträgen zu bestätigen. Geprüft wurde, inwiefern technische Defizite wie Wackeln, Fehlbelichtungen, Unschärfen oder Tonprobleme in VJ-Beiträgen der Deutschen Welle auftraten. In den 112 im Rahmen der Studie untersuchten Filmen konnten praktisch keine technischen Fehler gefunden werden. Einzig im Interview traten in Einzelfällen Schwächen wie schlechte Ausleuchtung, angeschnittene Hälse, schweifende Blicke u. ä. auf. Die inhaltliche Detailanalyse von VJ-Beiträgen im Vergleich zu thematisch ähnlich gelagerten Teambeiträgen der Deutschen Welle förderte keine nennenswerten Unterschiede zutage. Eine besondere Nähe und Emotionalität der VJ-Beiträge konnte aber auch nicht ausgemacht werden. Die Formatierung des Programms als seriöser Nachrichtensender überlagert in dieser Hinsicht offenbar die Produktionsweise.

Betrachtet man die Kameraarbeit der DW-Beiträge im Detail, zeigt sich, dass Videojournalisten im Vergleich zu Teams weniger komplexe Schwenks und Zooms bzw. kombinierte Bewegungen drehen. Das hat vermutlich sowohl mit dem Handling der kleineren Kameras als auch mit der fehlenden Routine der Videojournalisten bei der Deutschen Welle zu tun: Diese stammen fast ausschließlich (zu 90%) aus der Redaktion. Außerdem realisieren sie meist (zu 68%) höchstens einen VJ-Beitrag im Monat. Beim Schnitt der VJ-Beiträge sind ein großzügigerer Umgang mit klassischen Schnittregeln sowie häufigere Jumpcuts zu beob­achten. Offenbar wird von den Videojournalisten bei der Deutschen Welle weniger ,auf Anschluss‘ gedreht bzw. Zwischenschnitte oder Inszenierungen werden eher vermieden.

Dem Zuschauer scheinen solche Unterschiede allerdings auch kaum aufzufallen: Ein im Rahmen der Studie durchgeführtes Screening, bei dem zwei Gruppen von Laienzuschauern (und einer Vergleichsgruppe von Journalisten) Beiträge von Videojournalisten vorgeführt wurden, zeigte: VJ-Beiträge waren für die Laien-Testgruppe überhaupt nicht von Teambeiträgen zu unterscheiden – für die TV-Profis schon. Diskutiert wurde zudem, sowohl bei den Laien als auch den Profis, weniger über die Kameraarbeit oder den Schnitt als vielmehr über Inhalte. Der frühere Sat.1-Chefredakteur Nik Niethammer meint: „Der Zuschauer nimmt ein unscharfes Bild gerne in Kauf, wenn die Geschichte stimmt. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich je ein Zuschauer bei uns beklagt hat, weil ein Protagonist im Gegenlicht stand.“

Es scheint keinen Themenbereich zu geben, der für Videojournalisten von vornherein tabu ist. VJs werden allerdings, wie von einigen Experten vermutet, offenbar bevorzugt im Bereich Unterhaltung eingesetzt. Überraschend ist allerdings, dass der Bereich Nachrichten/Aktuelles – trotz der immer wieder vermuteten Überforderung – fast gleichauf an zweiter Stelle zu finden ist. Auch der Bereich Vermischtes, unter den z. B. Verkehrsunfälle, Brände oder Unglücke zu rechnen sind, wird offenbar häufig mit VJs abgedeckt.

Die Vorstellung, dass das Fernsehen, wie der amerikanische TV-Consultant Michael Rosenblum vermutet, durch eigenproduzierte Videos vielfältiger und demokratischer würde, lässt sich kaum untermauern. Laut der für die Studie befragten Senderchefs und Chefredakteure wird nur extrem selten so genannter User Generated Content ins Programm genommen – und wenn, dann wird er in der Reaktion überarbeitet. Der Chefredakteur von n-tv Volker Wasmuth verweist auch auf den möglicherweise zweifelhaften Wahrheitsgehalt solcher Videos – und auf den Aufwand, um sie zu verifizieren. Wasmuth betont: „Nachrichten sind Vertrauenssache. Die Bilder müssen schon von Journalisten, wirklichen Profis gemacht werden.“

In Lokalsendern wie Center.tv, Hamburg 1 oder münchen.tv finden Zuschauervideos zwar Sendeplätze, „obwohl das Thema ‚selbst Videos machen‘ nicht in den Maßen von Publikum angenommen wird, wie wir uns das wünschen“, wie Jörg van Hooven, der Chefredakteur von münchen.tv, beobachtet. Kritiker halten Zuschauervideos ohnehin nur für billige Programmfüller, wenn die Sender „dann auch noch von Demokratisierung reden, muss ich schmunzeln“, kommentiert Andreas Klöcker, Referent der Geschäftsführung beim Sender Rhein Neckar Fernsehen.

Insgesamt werden Beiträge von Videojournalisten mittlerweile weder von Gewerkschafts-Vertretern noch von der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK) als Gefahr für die Qualität des Journalismus angesehen. Allerdings, so Hannes Karnick von der AG DOK, müssten „Arbeitsbedingungen und Bezahlung gesichert werden“. Gerade hier liegt das Problem: Fast 70% der für die Studie befragten Videojournalisten zeigen sich durch das Multitasking teilweise überlastet. Knapp die Hälfte gibt an, keine Mehreinnahmen durch die Tätigkeit als Videojournalist zu erzielen. Wille Bartz von der Gewerkschaft ver.di sagt: „Höhere Honorare für Videojournalisten beobachte ich nicht“. Stattdessen befürchtet er, dass die Arbeit von VJs künftig sogar unterhalb der von Redakteuren angesiedelt wird, denn „der Videojournalist ist ja auch Techniker“ – und Techniker würden am Ende immer schlechter bezahlt.

Literatur:

  • Vogt, Guido (2012): Videojournalismus: Funktionalität – Geschichte – Empirie. Neu-Isenburg: MMD-Verlag.

Foto: Guido Vogt