Udo Göttlich; Winfried Gebhardt; Clemens Albrecht (Hrsg.): Populäre Kultur als repräsentative Kultur


Von Redaktion am 15. Juni 2012

Rezensiert von Louis Bosshart

Wenn kulturelle Artefakte im Geruche stehen, alltagsnahe und mehrheitsfähig, also konsumierbar, sowie in der Lage zu sein, dem Publikum Vergnügen zu bereiten, dann läuten bei Kunstpuristen sämtliche Alarmglocken. Und wenn sich seriöse Wissenschaft dieser Phänomene annimmt, dann wird dies in der Tat zu einer Herausforderung. Dass diese aber angenommen wird, bezeugt der Umstand, dass das hier zu besprechende Buch acht Jahre nach der Erstausgabe in einer zweiten, durchgesehenen, erweiterten und aktualisierten Auflage erscheint. Man müsste eigentlich den Untertitel abändern in Richtung Bereicherung einer durch Sterilität bedrohten Medien- und Kommunikationswissenschaft mit Pop-Art als repräsentativer Kultur. Unterhaltung wird als legitimes Motiv der Mediennutzung anerkannt.

Der Begriff ‘Masse’ wird nicht automatisch mit Minderwertigkeit konnotiert. Alltäglichkeit hat die Potenz, volkstümliche Kultur zu werden. Nach Maßgabe der Publikation von Göttlich, Gebhardt und Albrecht erstreckt sich dies über ein sehr weites Feld: Politik des Vergnügens (C. Albrecht), Populäre Kultur, die sich durch eine unterhaltsame Zugangsweise charakterisieren lässt (H.-O. Hügel), die Entwicklung der Massenkultur zu Populärer Kultur (K. Maase), Medienevolution im 20. Jahrhundert (W. Köster), Transfer religiöser Traditionsbestände über moderne Medien (P.J.  Bräunlein), Popkultur im Kontext von Kommerzialisierung und Medialisierung (G. Klein), Maximierung des Vergnügens (R. Hitzler), McDonaldisierung der Gesellschaft (D. Kellner), Populärkultur als Vehikel zur Marketingoptimierung (F. Liebl) und zur Eventisierung (W. Gebhardt), Popmusik als Thematisierung relevanter gesellschaft- licher Themen (M.S. Kleiner), die Rolle von Kunstmuseen bei der Vermittlung repräsentativer Kunst und Bildvorstellungen (L. Hieber und S. Moebius) sowie das Verhältnis von Politik und Popkultur (J.-U. Nieland).

Die hier aufgeführten Beispiele zeugen vom breiten Horizont der Cultural Studies. Sie sind in der Tat eine kolossale Herausforderung für die Mainstream-Forschung in der Medien- und Kommunikations-wissenschaft und schließen Fach-Idiotentum aus. Populäre Kultur umfasst den Alltag in seinen vielfältigen Ausprägungen und in seiner ganzen Komplexität. Kommt dazu, dass sich diese repräsentative Kultur permanent mit verschiedenen Subkulturen vermengt. Das Aschenbrödelmotiv beispielsweise kommt weltweit in mehr als 400 Versionen vor, als Volksmärchen und als Kunstmärchen. Sergei Prokofjew hat dazu eine Ballett-Musik komponiert, Johann Strauss ebenso. Richard Rodgers und Oscar Hammerstein haben ein Musical geschrieben. Drei Opernkomponisten haben den Stoff verarbeitet: La cenerentola (Gioachino Rossini und Ermanno Wolf-Ferrari), Cendrillon (Jules Massenet).

Im Film lebt das Schicksal von Aschenbrödel weiter in My Fair Lady (aus einem ordinären Blumenmädchen wird dank der Sprache eine Herzogin), Miss Congeniality (aus einer raubeinigen FBI-Agentin wird mit Hilfe von Kleidung und Stylisten eine charmante Kandidatin für einen Schönheitswettbewerb) und Pretty Woman (aus einer hübschen Prostituierten wird dank Kleidung eine Dame, die sich in der Gesellschaft sehen lassen kann). In diesem Film stecken auch die Volksmärchen Rapunzel und Dornröschen, das Pygmalion-Motiv aus der griechischen Mythologie (ein Mann schafft sich eine Frau, die seinen Erwartungen und Träumen entspricht, er formt sie nach seinen Idealen) sowie der Bezug zur Oper La Traviata von Giuseppe Verdi.

So verzahnt sind Subkulturen einer repräsentativen Kultur, die sich aus allgemein akzeptierten Werten, Normen, Verhaltensweisen und Annahmen konstituiert. In den geflügelten Worten der Cultural Studies “a whole way of life”. George Gershwin, um ein weiteres, weit verzweigtes Beispiel zu nennen, ist im Bereich unterschied- licher Sub-Kulturen ein begnadeter Grenzgänger. Mit Porgy and Bess nähert er sich der klassischen Oper, mit dem “Piano Concert in F” dem klassischen Klavierkonzert. Die “Rhapsody in Blue” vereinigt Elemente aus dem Jazz und aus volkstümlichen Schlagern. Das alles ist Stoff, mit dem sich die Cultural Studies befassen und zwar, wie die vorliegende Publikation belegt, auch in durchaus kritischer Art und Weise.

Interdisziplinarität als eine Grundlage der Cultural Studies kommt im vorliegenden Band beispielhaft zum Tragen. Die Häretiker von einst sind in die wissenschaftliche Gemeinde integriert worden und bieten bedenkenswerte Anstöße zu weiteren Forschungsprojekten. Aus dieser Sicht ist eine zweite Auflage gerechtfertigt und hoch willkommen. Kulturalistische Ansätze haben sich in der Medien- und Kommunikationswissenschaft zum Wohl des Erkenntnisgewinns etabliert.

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