Planlos in die Partizipation?


Von Redaktion am 29. März 2012

Eine internationale Studie zum Status quo des Mitmach-Journalismus

Von Thorsten Quandt

„Sie können uns helfen!“ Der Redakteur eines kleinen Special-Interest-Verlags schaut mich erwartungsfroh an. Nach einem Vortrag über ein Forschungsprojekt zu sozialen Netzwerken und Partizipationsformen im Internet hat er mich angesprochen, offenbar mit der vagen Hoffnung, dass der Uni-Experte schon wissen werde, wie man das mit der Nutzerbeteiligung im Netz so macht. Er erläutert mir, dass man im Verlag jetzt „irgendwie Nutzer einbinden“ wolle, aber nicht so recht wisse, wie man das anpacken solle. Auf meine – vermutlich akademisch anmutende – Frage, warum man denn überhaupt Nutzerpartizipation anstrebe, bekomme ich zunächst einen irritierten Blick und dann eine aufschlussreiche Antwort: Weil das die Verlagsleitung halt so wolle.

Diese kleine Episode ist kein Einzelfall: Forscht man zum Thema Nutzerpartizipation und Online-Kommunikation, wird man des Öfteren mit dieser ‚Strategie‘ des „Mitmachens beim Mitmachen“ konfrontiert. Partizipation sei jetzt wichtig, Internet sowieso, und man müsse das alles mitnehmen, um als Medienunternehmen nicht den Anschluss zu verlieren. Bei genauerer Betrachtung sind die Motive jenseits dieses Bandwagon-Effekts jedoch unklar und uneinheitlich. In vielen Verlagen besteht eine diffuse Angst, von originären Online-Angeboten abgehängt zu werden und mit dem traditionellen Offline-Geschäftsmodell nicht mehr konkurrenzfähig zu sein. Allerdings: Angst ist bekanntermaßen ein schlechter Berater.

Ängste bestehen jedoch nicht nur davor, von der Online-Welt abgekoppelt zu werden – sondern umgekehrt auch davor, sich ihr stärker anzunähern. Eine Einbindung des Nutzers, „irgendwas 2.0“, wird zwar von Verlagsleitungen und manchen redaktionellen Reformern angemahnt, doch gleichzeitig bestehen in Redaktionen reichlich Vorbehalte, was die Einbindung von Nutzern angeht.

Diese Skepsis hat auch das besagte Forschungsprojekt offengelegt: In zehn Ländern hatte ein internationales Forschungsteam um die US-amerikanische Kollegin Jane Singer (2011) mit knapp 70 Redaktionsleitern, Online-Redakteuren und Community-Betreuern ausführliche Interviews geführt, um den Status quo des „partizipativen Journalismus“ besser bestimmen zu können. Zu den untersuchen Medien gehörten u. a. USA Today, Washington Post, The Times, The Guardian, El País, Le Figaro, Le Monde, Spiegel, Focus, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, um nur einige zu nennen.

Die Ergebnisse sind weder für alle Länder noch für alle befragten Personengruppen einheitlich. Manche Befragte hielten aktiven Mitmach-Journalismus für die Zukunft, andere sahen in der webbasierten Nutzerpartizipation lediglich „alten Wein in neuen Schläuchen“, oder noch schlimmer: eine Bedrohung. Redakteure sprachen von einer „Lawine“, die einen überrollt, oder einer „siebenköpfigen Schlange“ (vgl. ebd.), wenn sie Foren-Partizipation beschrieben. Die direkte Einbindung von Nutzern als Produzenten journalistischen Inhalts wurde als noch problematischer eingeschätzt.

Diese Ängste beruhen in Teilen auch darauf, dass unter Partizipation die unterschiedlichsten Dinge subsumiert werden. Letztlich können Nutzer natürlich in allen Stufen des journalistischen Arbeitsprozesses aktiv werden: vom Informationszugang bzw. der Beobachtung über die Selektion und Filterung, das Produzieren und Editieren, die Distribution bis hin zur Interpretation (vgl. Domingo et al. 2008). In unserem Forschungsprojekt zeigte sich, dass insbesondere der Mittelteil dieses Prozesses als journalistische Kernaufgabe gesehen wird, als professionelles Hoheitsgebiet, das weitgehend vor dem Einfluss der Nutzer zu schützen sei. Die strukturelle Planung des Angebots, die Auswahl von Informationen und deren journalistische Aufarbeitung waren in den meisten Fällen den Nutzern nicht zugänglich – und das fanden die Befragten auch gut so.

Zulieferungen in Form von Augenzeugen-Berichten, Fotos vom Ort des Geschehens, aber auch die Kommentierung von Beiträgen waren hingegen die geläufigen Formen der Partizipation, die im Rahmen professioneller News-Angebote stattfanden. Freilich wurde uns gegenüber auch eingeräumt, dass man damit den Nutzer nicht auf Augenhöhe mit den Journalisten sah: Denn letztlich werden die Nutzer bei diesen Formen einerseits als Quellen der Berichterstattung angesehen, andererseits als moderne ‚Leserbrief-Schreiber‘, keinesfalls aber als echte Produzenten von Inhalt.

Diese Sichtweise kann man als rückwärtsgewandt brandmarken, insbesondere angesichts der Veränderungen in der arabischen Welt und der Rolle sozialer Netzwerke sowie Blogs bei diesen Veränderungen. Staunte nicht der westliche Journalismus, wie die internetaffine arabische Jugend durch ihr kollaboratives Publizieren eine politische Bewegung in Gang brachte, die schließlich zum Sturz ganzer Regimes führte? Und wird uns nicht fast täglich vor Augen geführt, dass Normalbürger mit Mobiltelefonen die Rolle von Korrespondenten übernommen haben, um uns Bilder direkt vom nachrichtenrelevanten Geschehen zu liefern? Keine Demonstrationen, keine Katastrophen, keine Konflikte, von denen man nicht Bilder oder Vor-Ort-Berichte bekäme.

Jedoch gilt es hier zu fragen, wie diese Bilder zum Publikum gelangen, und ob dieses Publikum selbst in großem Maße am interaktiven Produktionsprozess teilnimmt. Denn wiederholt haben Studien gezeigt, dass einerseits die Partizipationsbereitschaft der Nutzer insgesamt eher gering ist, auch im Web 2.0 (vgl. z. B. von Pape/Quandt 2010), andererseits der Informationsfluss zum Publikum immer noch in hohem Maße über klassische ‚Massenmedien‘ erfolgt, die weiterhin eine Orientierungsfunktion erfüllen (vgl. Leskovec/Backstrom/Kleinberg 2009).

Wenn man diese Ergebnisse wirklich ernst nimmt, so müsste man eigentlich eher für eine Stärkung des professionellen Journalismus als gegen diese argumentieren: Wenn die Partizipation nur von einzelnen Aktiven im Netz wahrgenommen wird, kann keine Pluralität der Inhalte und Sichtweisen erwartet werden. Und auch die Orientierung in der Informationsvielfalt kann wohl nicht bedenkenlos von einer unbestimmten ‚Masse‘ übernommen werden.

Allerdings sind dies angesichts des ungebrochenen Partizipations-Hypes eher unpopuläre Aussagen – für solche gab es auch schon in der Vergangenheit reichlich negatives Feedback, insbesondere aus der Blogosphäre selbst. Der eine oder andere Kritiker musste bereits einen so genannten ‚shitstorm‘ der Netzaktiven über sich ergehen lassen. Freilich waren auch die professionellen Journalisten mit ihrer Kritik bezüglich der partizipierenden Nutzer in der Vergangenheit nicht gerade zimperlich (und auch dies wurde uns in den Interviews des genannten Forschungsprojekts immer wieder bestätigt).

Möglicherweise sind dies beiderseits eher Kritik-Reflexe am jeweils anderen, die den eigentlichen Kern des Problems nicht treffen: Denn man kann weder die Uhr einfach zurückdrehen noch ein journalistisches ‚anything goes‘ ausrufen. Insofern besteht die Aufgabe für die Medien in Zeiten der Partizipation vor allem darin, sinnvolle Möglichkeiten der Einbeziehung von Nutzern zu finden – und zwar sinnvoll in Hinblick auf die Gründe, die Ziele und den Verlauf des journalistischen Prozesses.

Und hier setzt dann auch die eingangs genannte Frage an, die ich dem Redakteur des Special-Interest-Verlages gestellt hatte: Ist die Einbeziehung von Nutzern überhaupt angebracht, gibt es dafür einen guten Grund? Wenn man den jenseits von „Mitschwimmen im Mainstream“ nicht findet, dann sollte man vielleicht nochmal die Strategie überdenken. Partizipation um jeden Preis und ohne Plan – daran muss man nicht unbedingt partizipieren.

Literatur:

  • Domingo, D./Quandt, T./Heinonen, A./Paulussen, S./Singer, J./Vujnovic, M. (2008): Participatory journalism practices in the media and beyond: an international comparative study of initiatives in online newspapers. In: Journalism Practice, 2 (3), S. 326-342.
  • Leskovec, J./Backstrom, L./Kleinberg, J. (2009): Meme-tracking and the dynamics of the news cycle. KDD 2009, 28. Juni – 1. Juli 2009. Paris.
  • v. Pape, T./Quandt, T. (2010): Wen erreicht der Wahlkampf 2.0? Eine Repräsentativstudie zum Informationsverhalten im Bundestagswahlkampf 2009. In: Media Perspektiven, 9/2010, S. 390-398.
  • Singer, J./Hermida, A./Domingo, D./Heinonen, A./Paulussen, S./Quandt, T./Reich, Z./Vujnovic, M. (2011): Participatory journalism: Guarding open gates at online newspapers. Malden, Oxford, Chichester: Wiley-Blackwell.

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