Michael Schramm: Der unterhaltsame Gott


Von Redaktion am 24.01.2012

Rezensiert von Ingo Reuter

In seinem nach 2008 nun in zweiter, erweiterter Auflage erschienenen Buch über Religion in populären Filmen erschließt Michael Schramm Filme wie Star Wars, Avatar, Signs, Der Herr der Ringe u.a. unter theologischem Blickwinkel. Dabei werden die Filme nach unterschiedlichen theologischen Themenfeldern geordnet auch mehrfach in den Blick genommen. Die Zugänge “Film und Religion”, “Die Suche nach der Wahrheit des Universums”, “Der Auftritt des Jesus von Nazareth”, “Der Gott des Christentums”, “Gott und die Übel der Welt”, “Gibt es ein Leben nach dem Tod?” erschließen aus je eigener hermeneutischer Zuspitzung die entsprechenden theologischen Aspekte der Filme. Schramm bringt dabei instruktiv sowohl historisch-exegetische Fragen als auch dogmatische Formulierungen der Tradition ins Spiel.

Dabei ist seine Zugangsweise eine doppelt kritische: Zum einen werden Darstellungen und Aussagen der populären Filme auf ihre Tragfähigkeit befragt. Zum anderen aber werden auch die Aussagen der christlichen Tradition auf dem Hintergrund der popkulturellen Zeugnisse in den Blick genommen. Schramm geht eben nicht schlicht davon aus, dass die theologische Tradition stets ins Recht gesetzt werden müsse. Vielmehr sieht er jedes Erkennen, auch das theologische, einem Wandel und Fortschritt unterworfen, der stets ein Neudenken und Umdenken erforderlich machen kann: “Man muss mit der Möglichkeit eines Fortschritts in der Theologie ernst machen. Und das bedeutet […] Alles steht fortwährend auf dem Prüfstand, denn nichts ist definitiv gewiss. Jederzeit besteht die Möglichkeit, dass man erkennt: ‘Ich habe mich – oder: wir haben uns – (vermutlich) geirrt’. Kein Bestand biblischer oder dogmatischer Sätze ist dieser Möglichkeit von vornherein entzogen” (13).

So legt er einerseits die falschen Aussagen über das Thomasevangelium im Film Stigmata offen und kritisiert die Vorstellung, dass Kirche ohne Institutionalisierung zu denken sei, wie es der Film nahelegt, als “idealisierte Illusion” (105). Andererseits findet er in den Matrix-Filmen Anstöße für ein Erlösungsdenken, das in seiner “Transparenz” (119) für die wechselseitige Durchdringung von Himmel und Erde durch die Macht der Liebe theologisch positiver zu bewerten sei als eine am Negativen, an der Sünde ansetzende Satisfaktionstheorie, wie sie Anselm von Canterbury entwickelt.

In der Tatsache, dass er auch am Beispiel Matrix scharf zwischen einem politischen und einem religiösen Erlöser unterscheidet (114), zeigt sich ein Grundinteresse Schramms, zwischen Filmen zu unterscheiden, deren Thematik explizit religiös sei und solchen, die lediglich implizite Religion aufwiesen. Auch wenn man diese Unterscheidung sicherlich vornehmen kann, so scheint doch eine scharfe Trennung kaum möglich, wenn man nicht das Religiöse lediglich auf einen bestimmten Themenkatalog reduzieren will, dessen Festlegung am Ende ja doch auf subjektiven Kriterien bzw. auf einem eng definierten Religionsverständnis beruhen muss, das Schramm zwar voraussetzt, aber doch nicht recht klar darlegen kann.

Wenn Schramm schreibt, er “neige sehr zu der Vermutung, dass unter dem Logo ‘implizite’ Religion in Kinofilme Religiöses hineingeheimnisst wird, wo gar keine Religion ist” (11), dann stellt sich erkenntnistheoretisch und hermeneutisch doch die Frage, ob der Prozess der Interpretation nicht immer schon unter einem bestimmten Blickwinkel stattfindet, der die Wahrnehmung lenkt, und solches nicht auch legitim ist. Der Vorwurf, die “vermeintliche religiöse Botschaft” sei “nichts anderes als eine Projektion der ‘grünen’ Brille der Theologie” (59) geht angesichts der konstitutiven Bedingtheit von Sinn im Wechselspiel von Rezipiertem und Rezipient m. E. ins Leere. Natürlich gibt es Grenzen der Interpretation. Aber so klar, wie Schramm das möchte, lassen sich diese sicherlich nicht bestimmen. Es gibt keine religiösen oder nicht religiösen Filme, die man klar trennen könnte. Es gibt nur unter theologischem und religiösem Blickwinkel mehr oder weniger ertragreich zu betrachtende Filme.

Trotz der grundlegenden Differenzen im hermeneutischen Grundverständnis muss man Schramms Buch in seinen konkreten Auslegungen von Filmen als wirklich instruktiv bezeichnen. Für Gemeindepraxis und schulischen (Religions-) Unterricht ergeben sich hier vielfältige Perspektiven.

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