Frank Bösch; Patrick Schmidt (Hrsg.): Medialisierte Ereignisse


Von Redaktion am 20.02.2012

Rezensiert von Imme Baumüller

Der Begriff Medialisierung und dahinter stehende Konzepte spielen in der Medien- und Kommunikations- wissenschaft eine stetig bedeutsamer werdende Rolle. Dies lässt sich neben der wachsenden Zahl unterschiedlicher Angebote der Begriffsdefinition und der Konzeptuali- sierung auch an der dem Konzept zugeschriebenen Erklärungsrelevanz erkennen. Zwar hat sich bisher keine konsentierte Definition durchgesetzt, trotzdem lässt sich feststellen, dass sich der Begriff Medialisierung auf die Erkenntnis bezieht, dass massenmediale Handlungslogiken einen zunehmenden Einfluss auf alle Bereiche der Gesellschaft haben (Marcinkowski/ Steiner 2009: 1).

Der hier besprochene Sammelband vereint Beiträge einer Tagung des DFG-Graduiertenkollegs Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, veranstaltet im Sommer 2008 in Gießen. Die Autoren, von denen einige Stipendiaten des Graduiertenkollegs sind oder waren, haben alle einen geistes- wissenschaftlichen, in der Mehrzahl geschichtswissenschaftlichen Hintergrund. Ziel des Sammelbandes und der einzelnen Beiträge ist es, zu erarbeiten, inwiefern Performanz im Rahmen von Ereignissen durch massenmediale Logiken vorstrukturiert wird, wie sich die physische Präsenz von Massenmedien auf Performanz auswirkt und wie Medien Performanz erst ermöglichen (15f.). Die Relevanz des Sammelbandes wird durch die Tatsache erklärt, dass historische Medienereignisse in den Geschichtswissenschaften bisher selten betrachtet wurden.

In dem Sammelband werden unterschiedliche historische und mediale Konstellationen (Druck, TV, Film) sowie Performanzen thematisiert. Die Performanz und Medialisierung von Behinderung im 18. Jahrhundert ist das Thema des Mitherausgebers Patrick Schmidt. Er verweist auf die Relevanz von Werbezetteln für das Verständnis von Behinderung zu dieser Zeit. Medialisierung historischer Ereignisse am Beispiel der Ballonfahrt beschreibt Susann Traber. Sie unterteilt Ereignisse in Phasen der medialen Präkonstruktion der Performanz, der Performanz selbst und der medialen Postkonstruktion. Traber beruft sich auf Presseartikel, um die Bedeutung von Printmedien als Lieferanten eines Interpretationsrahmens für das Ereignis Ballonfahrt herauszustellen.

Weitere Beiträge des Bandes beschäftigen sich mit dem Zusammenhang zwischen Massenmedien und feierlich begangenen Jubiläen wie dem 100. Geburtstag von Friedrich Schiller (Thorsten Gudewitz) oder dem Thronjubiläum von Queen Victoria (Meike Hölscher & Jan Rupp). Während Kathrin Fahlenbrach die Medialisierung von Ereignissen anhand der Proteste von 1968 beschreibt, untersuchen andere Aufsätze die Bedeutung von performativen Revolutionsgrafiken (Rolf Reichardt) sowie Demonstrationen bei Vorführungen von Kinofilmen (Kai Nowak). Überlegungen zur Relevanz des Publikums für Performanz, auf die auch Bösch (23) hinweist, finden sich in dem Beitrag von Maria Modrey. Modrey betrachtet in ihrer Arbeit die Bedeutung massenmedialer Präsenz für die Performanz im Rahmen der Olympischen Spiele. Sie thematisiert die Medialisierung dort stattfindender Handlungen, die in den Rang eines Rituals erhoben werden, wie etwa die Eröffnungszeremonie.

Der Text von René Schlott dokumentiert die Bedeutung der massenmedialen  Berichterstattung zum Tod von Papst Pius XII im Jahr 1958. Durch die Beschreibung der erforderlichen Riten nach dem Tod eines Papstes und der konkreten Berichterstattung verdeutlicht der Autor den gegenseitigen Einfluss von ritualorientierter Performanz und massenmedialer Berichterstattung. Böchs Fazit, dass die Ergebnisse der Arbeiten darauf verweisen, dass Ereignisse bereits im 18. Jahrhundert medialisiert waren und die Untersuchung medialer Performanz bei der Beschäftigung mit historischen Ereignissen deshalb sinnvoll sei (28), kann mit Einschränkungen zugestimmt werden. Mit Einschränkungen deshalb, da einige Beiträge weniger die Medialisierung von Ereignissen nach kommunikations- wissenschaftlichem Verständnis behandeln, als vielmehr die mediale oder massenmediale Darstellung von Ereignissen.

Zusammenfassend liefern die Beiträge des Sammelbandes einen höchst informativen Einblick in die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit medialem und massenmedialem Einfluss auf die Performanz historischer Ereignisse. Lässt sich die Bedeutung des Sammelbandes für die Geschichtswissenschaften an dieser Stelle und von der Rezensentin nicht beurteilen, so soll immerhin angemerkt werden, dass die Relevanz des Buchs für die Medien- und Kommunikationswissenschaft kritisch zu sehen ist. Dies liegt unter anderem daran, dass die Verwendung der Begriffe ‘Medien’ und ‘Massenmedien’ teilweise divergiert und nicht dem vorherrschenden Verständnis des Fachs entspricht. So wird der Begriff ‘Medien’ für sowohl technische Verbreitungsmittel, wie Bilder oder das Kino, als auch für massenmediale Akteure verwendet. Auch im Hinblick auf die Benutzung des Begriffs der Medialisierung lassen sich, wie oben beschrieben, fachliche Unterschiede erkennen. Des Weiteren sind grundsätzliche Unterschiede im methodischen Herangehen sowie in der Ableitung von Medienwirkungen erkennbar. Rückschlüsse basieren häufig auf Einzelfallbeschreibungen, ohne dass das empirische Vorgehen dokumentiert wird. Eignet sich das Buch somit zwar nicht für die medien- und kommunikationswissenschaftliche Lehre, kann es allerdings Wissenschaftler/Inne/n, die sich mit der Thematik beschäftigen, höchst interessante Denkanstöße geben.

Literatur:

  • Marcinkowski, F.; Steiner, A.: Was heißt Medialisierung? Autonomiebeschränkung oder Ermöglichung von Politik durch Massenmedien? National Centre of Competence in Research (NCCR). Challenges to Democracy in the 21st Century. Working Paper Nr. 29. 2009.

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Der Begriff Medialisierung und dahinter stehende Konzepte spielen in der Medien- und Kommunikationswissenschaft eine stetig bedeutsamer werdende Rolle. Dies lässt sich neben der wachsenden Zahl unterschiedlicher Angebote der Begriffsdefinition und der Konzeptualisierung auch an der dem Konzept zugeschriebenen Erklärungsrelevanz erkennen. Zwar hat sich bisher keine konsentierte Definition durchgesetzt, trotzdem lässt sich feststellen, dass sich der Begriff Medialisierung auf die Erkenntnis bezieht, dass massenmediale Handlungslogiken einen zunehmenden Einfluss auf alle Bereiche der Gesellschaft haben (Marcinkowski/ Steiner 2009: 1).

Der hier besprochene Sammelband vereint Beiträge einer Tagung des DFG-Graduiertenkollegs “Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart”, veranstaltet im Sommer 2008 in Gießen. Die Autoren, von denen einige Stipendiaten des Graduiertenkollegs sind oder waren, haben alle einen geisteswissenschaftlichen, in der Mehrzahl geschichtswissenschaftlichen Hintergrund. Ziel des Sammelbandes und der einzelnen Beiträge ist es, zu erarbeiten, inwiefern Performanz im Rahmen von Ereignissen durch massenmediale Logiken vorstrukturiert wird, wie sich die physische Präsenz von Massenmedien auf Performanz auswirkt und wie Medien Performanz erst ermöglichen (15f.). Die Relevanz des Sammelbandes wird durch die Tatsache erklärt, dass historische Medienereignisse in den Geschichtswissenschaften bisher selten betrachtet wurden.

In dem Sammelband werden unterschiedliche historische und mediale Konstellationen (Druck, TV, Film) sowie Performanzen thematisiert. Die Performanz und Medialisierung von Behinderung im 18. Jahrhundert ist das Thema des Mitherausgebers Patrick Schmidt. Er verweist auf die Relevanz von Werbezetteln für das Verständnis von Behinderung zu dieser Zeit. Medialisierung historischer Ereignisse am Beispiel der Ballonfahrt beschreibt Susann Traber. Sie unterteilt Ereignisse in Phasen der medialen Präkonstruktion der Performanz, der Performanz selbst und der medialen Postkonstruktion. Sie beruft sich auf Presseartikel, um die Bedeutung von Printmedien als Lieferanten eines Interpretationsrahmens für das Ereignis Ballonfahrt herauszustellen. Weitere Beiträge des Bandes beschäftigen sich mit dem Zusammenhang zwischen Massenmedien und feierlich begangenen Jubiläen wie dem 100. Geburtstag des Schriftstellers Friedrich Schiller (Thorsten Gudewitz) oder dem Thronjubiläum von Queen Victoria (Meike Hölscher & Jan Rupp). Während Kathrin Fahlenbrach die Medialisierung von Ereignissen anhand der Proteste von 1968 beschreibt, untersuchen andere Aufsätze die Bedeutung von performativen Revolutionsgrafiken (Rolf Reichardt) sowie Demonstrationen bei Vorführungen von Kinofilmen (Kai Nowak). Überlegungen zur Relevanz des Publikums für Performanz, auf die auch Bösch (23) hinweist, finden sich in dem Beitrag von Maria Modrey. Modrey betrachtet in ihrer Arbeit die Bedeutung massenmedialer Präsenz für die Performanz im Rahmen der Olympischen Spiele. Sie thematisiert die Medialisierung dort stattfindender Handlungen, die in den Rang eines Rituals erhoben werden, wie etwa die Eröffnungszeremonie. Der Text von René Schlott dokumentiert die Bedeutung der massenmedialen  Berichterstattung zum Tod von Papst Pius XII im Jahr 1958. Durch die Beschreibung der erforderlichen Riten nach dem Tod eines Papstes und der konkreten Berichterstattung verdeutlicht der Autor den gegenseitigen Einfluss von ritualorientierter Performanz und massenmedialer Berichterstattung. Böchs Fazit, dass die Ergebnisse der Arbeiten darauf verweisen, dass Ereignisse bereits im 18. Jahrhundert medialisiert waren und die Untersuchung medialer Performanz bei der Beschäftigung mit historischen Ereignissen deshalb sinnvoll sei (28), kann mit Einschränkungen zugestimmt werden. Mit Einschränkungen deshalb, da einige Beiträge weniger die Medialisierung von Ereignissen nach kommunikationswissenschaftlichem Verständnis behandeln, als vielmehr die mediale oder massenmediale Darstellung von Ereignissen.

Zusammenfassend liefern die Beiträge des Sammelbandes einen höchst informativen Einblick in die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit medialem und massenmedialem Einfluss auf die Performanz historischer Ereignisse. Lässt sich die Bedeutung des Sammelbandes für die Geschichtswissenschaften an dieser Stelle und von der Rezensentin nicht beurteilen, so soll immerhin angemerkt werden, dass die Relevanz des Buchs für die Medien- und Kommunikationswissenschaft kritisch zu sehen ist. Dies liegt unter anderem daran, dass die Verwendung der Begriffe ‘Medien’ und ‘Massenmedien’ teilweise divergiert und nicht dem vorherrschenden Verständnis des Fachs entspricht. So wird der Begriff ‘Medien’ für sowohl technische Verbreitungsmittel, wie Bilder oder das Kino, als auch für massenmediale Akteure verwendet. Auch im Hinblick auf die Benutzung des Begriffs der Medialisierung lassen sich, wie oben beschrieben, fachliche Unterschiede erkennen. Des Weiteren sind grundsätzliche Unterschiede im methodischen Herangehen sowie in der Ableitung von Medienwirkungen erkennbar. Rückschlüsse basieren häufig auf Einzelfallbeschreibungen, ohne dass das empirische Vorgehen dokumentiert wird. Eignet sich das Buch somit zwar nicht für die medien- und kommunikationswissenschaftliche Lehre, kann es allerdings Wissenschaftler/Inne/n, die sich mit der Thematik beschäftigen, höchst interessante Denkanstöße geben.