Briefe, Beiträge, Blogs: Nutzer-Partizipation im Lokaljournalismus


Von Redaktion am 29.03.2012

Wie professionelle Journalisten mit Laien-Inhalten umgehen

Von Wiebke Möhring

Nutzer-Partizipation im Journalismus beschäftigt Wissenschaft und Praxis seit einigen Jahren. Vor allem das demokratietheoretische Potenzial von Partizipation steht dabei im Mittelpunkt der Hoffnungen und Erwartungen, die verbesserte Teilhabe an öffentlichen Prozessen und das aktive Aus­üben freier Meinungsäußerung – jeder kann sich äußern und, gerade im Internet, auch Plattformen finden oder selber eröffnen, die ihm den Zugang in die Öffentlichkeit ermöglichen. Im Zusammenhang mit Nutzer-Partizipation ist aber auch das Zusammenspiel zwischen professionellem Journalismus auf der einen und Rezipienten, also den Nutzern, auf der anderen Seite von Interesse. Wie reagieren Journalisten darauf, dass plötzlich Laien aktiv teilnehmen am medialen Diskurs und an der Entstehung der öffentlichen, medial vermittelten Meinung? Und wieso wollen Bürger in die mediale Öffentlichkeit?

Für Lokaljournalisten ist Nutzerbeteiligung zunächst nichts wirklich Neues. So zeigt etwa eine Untersuchung von Schönhagen, das bereits im späten 18. und 19. Jahrhundert Leserbriefe insbesondere in Heimatzeitungen eine wichtige Rolle spielten, dass die lokale Zeitung damals ihre Leser aktiv zur Mitarbeit aufforderte und die Zeitung ihren Lesern auch als Forum ihrer eigenen Ansichten diente. Über den Stellenwert des Leserbriefs nach dem zweiten Weltkrieg und seine Stellung heute hat Mlitz promoviert, sie kann zeigen, dass Leserbriefe in allen Zeitungen eine wichtige Rolle spielen und dass insbesondere in Regionalzeitungen der Umgang mit ihnen ernst genommen wird. Lokalredaktionen haben schon immer Wert darauf gelegt, den Leser einzubinden, etwa mit Leser-Aktionen, herausgestellten Telefonnummern in den Lokalteilen oder Diskussionsveranstaltungen mit Lesern. Unterhält man sich mit Lokaljournalisten, so kriegt man zudem ein Bild davon, dass der Leserbrief bei weitem nicht das einzige Mittel ist, mit welchem sich Leser bei ihrer Redaktion melden. Das Spektrum geht von Briefen und Anrufen zu Besuchen und Einladungen, versehen mit Themenvorschlägen, Verbesserungswünschen, gut gemeinten Ratschlägen, Alltagsanekdoten und skizzierten Beiträgen – und auch mal Beschimpfungen. Heute gibt es zusätzlich E-Mails und Kontaktaufnahmen über Homepages und Soziale Netzwerke.

Und doch hat sich in den letzten zehn Jahren die Nutzer-Partizipation auch in der Lokalkommunikation verändert. Um das Potenzial von echter Nutzer-Partizipation abschätzen zu können, sollte man sich vor Augen führen, dass die Lokalberichterstattung eine ganze Reihe von Defiziten und Mängeln aufweist. Sie ist gekennzeichnet durch eine hoch personalisierte Berichterstattung, durch eine Überrepräsentation der lokalen Elite und durch Kritiklosigkeit bzw. -hemmung ihnen gegenüber (Hofberichterstattung). Sie weist einen starken Ereignisbezug auf (Terminjournalismus) und bietet zu wenig Hintergrundinformationen über kausale und finale Ereigniszusammenhänge. Lokalberichterstattung enthält zu wenig politische Information, stattdessen dominieren darstellende, referierende Inhalte (Verlautbarungsjournalismus). Vernachlässigt werden die Bereiche und Themen, die den Lokaljournalisten entweder mehr Recherchen abverlangen, die nicht den gängigen Nachrichtenfaktoren entsprechen oder nicht Sensationen beinhalten und die, die innerhalb des lokalen Raumes als zu ‚heiß‘ gelten und daher nur ungern journalistisch aufgegriffen werden. Gleichzeitig sind die Gruppen, die nicht über pressewirksame Mitteilungsmethoden verfügen, strukturell benachteiligt, ihre Anliegen bei den Lokalredaktionen einzubringen. Entsprechend spielen außerhalb von Unfällen und Unglücken kaum einzelne, namentlich genannte Bürger in der Presse eine Rolle – sie haben kaum Artikulationschancen.

Trotz dieser Mängel und Probleme ist der Lokalteil das Herzstück etwa der Tageszeitungen, kaum ein anderer Zeitungsteil wird so regelmäßig gelesen. Lokalkommunikation, auch außerhalb der Zeitung, bietet dem Rezipienten Orientierung und Teilhabe am täglichen Leben, soziale Nähe und Alltagsinformationen. Lokaler Journalismus interessiert – und ist direkt erleb- und nachvollziehbar. Dadurch ist die Arbeit des Lokaljournalisten für den Einzelnen in vielen Bereichen leichter überprüfbar, und es ist vor allem für den Einzelnen leichter festzustellen, was nicht in den Medien steht, worüber nicht oder einseitig berichtet wurde.

Auf dieser Basis haben sich in den letzten Jahren neue Kommunikatoren der Lokalkommunikation zugewandt. Gerade im lokalen Umfeld können sich Laien im Netz schreibend betätigen und können so aktiv am Entstehungsprozess der öffentlichen Meinung teilnehmen – Lokaljournalisten sehen sich durch eine Reihe neuer Kommunikatoren auf der lokalen und hyperlokalen Ebene neuen Herausforderungen gegenüber. Professionell arbeitende Lokalredaktionen verlieren ihr Informationsmonopol, da es jetzt öffentlich zugänglich alternative Informationsplattformen gibt, die von Bürgern betrieben werden. Kennzeichen des lokalen partizipativen Lokaljournalismus ist dabei, dass die dort Schreibenden dies außerhalb ihrer Berufstätigkeit tun und dass sie am Produktionsprozess lokaler Inhalte und damit an der Gestaltung der lokalen Medienöffentlichkeit mitwirken. Es kann jeder zu Wort kommen und Themen auf die Agenda bringen, die er für wichtig hält.

Die Erscheinungsformen dieser lokalen partizipativen Angebote sind vielfältig. In Anlehnung an Engesser können vier Typen unterschieden werden, nämlich individuelle Formate wie Weblogs (beispielsweise der heddesheimblog.de oder ruhrbarone.de), Bottom-Up-Kollektivformate wie Regiowikis, partizipativ-professionelle Formate, die häufig von Tageszeitungsverlagen initiiert sind (z. B. myheimat.de), und Leserreporter-Rubriken in Verlagspublikationen (z. B. Bild-Reporter).

Wenn Rezipienten partizipatorische Beiträge lesen, so sind ihre Nutzungsmotive vergleichbar mit denen für die Nutzung im professionellen Lokaljournalismus: Information über das lokale Geschehen, Orientierung, soziale Integration in das lokale Geschehen, Pflegen der eigenen lokalen Identität, lokale Interaktionen und im Internet auch der Austausch mit Gleichgesinnten. Am Beispiel von Nutzern einer professionell-partizipativen Lokalnachrichtenseite – dadurch gekennzeichnet, dass die weitaus meis­ten Beiträge von Nutzern erstellt werden, gleichzeitig jedoch eine professionelle Redaktion diese selektiert und kontrolliert – konnte gezeigt werden, dass die Nutzer sich den zugrunde liegenden Unterschieden zwischen partizipativen und professionellen Beiträgen bewusst sind und dass das eine (bisher) nicht das andere ersetzen kann. Partizipative Lokalbeiträge ergänzen das Spektrum um Themen, die sonst zu kurz kommen, und vor allem ergänzen sie durch Unterhaltsames und Leichtes. Das könnte langfristig aber auch dazu führen, dass sich die Erwartungshaltung gegenüber den traditionellen Lokalmedien verändern wird und der Wunsch entsteht, dort faktenreiche, rechercheintensive oder auch heikle Themen rezipieren zu wollen.

Wer selber aktiv ist, der möchte, ebenso wie professionelle Journalisten, unterhalten und informieren. Damit verbunden geht es um eigene Meinungen, Ideen und Ziele, um soziale Anerkennung und Impression Management. Es geht aber auch, so die Nutzer einer professionell-partizipativen lokalen Nachrichtenseite, um Spaß am Schreiben, um thematische Ergänzung, neutrales Informieren und um Aufmerksamkeit für die Schönheit und Besonderheiten der eigenen Region.

Und wie nun gehen Lokaljournalisten mit den Laien und den von ihnen produzierten Inhalten um? Aus Verlegersicht bieten partizipativ erstellte Inhalte zum einen die Möglichkeit, preiswert Beiträge in eigene Medien zu übernehmen, zum anderen die Leser-Blatt-Bindung (oder generell die Bindung an das Medium) zu stärken. Lokaljournalisten haben die Möglichkeit, eine stärkere Bindung an ihr Publikum zu erreichen und es vor allem neu kennenzulernen, sie sehen, welche Themen interessieren, welche Meinungen formuliert werden. Und sie erhalten auf einem zusätzlichen Kanal Feedback von ihren Nutzern, Feedback, welches öffentlich formuliert ist und so eine Diskussion unter den Nutzern hervorrufen kann – dies zeigt auch eine aktuelle Untersuchung von Sehl.

Lokaljournalisten können sich also aus neuen Quellen zu Geschichten anregen lassen und sich Kritik stellen – was auch zu Skepsis und abwertenden Einschätzungen führt. So zeigt eine aktuelle Befragung, dass zumindest die Beiträge einer professionell-partizipativen Nachrichtenseite im eigenen Verbreitungsgebiet von ihnen (bisher) nicht als Lokaljournalismus wahrgenommen werden, sondern in erster Linie als Beiträge minderer Qualität. Die Studie zeigt aber auch, dass diejenigen, die sich mit den Beiträgen intensiver beschäftigen, das Potenzial positiver einschätzen.

Aus publizistischer Perspektive ist Nutzer-Partizipation auf jeden Fall zu begrüßen, insbesondere im Lokalen. Ob sie eine tatsächliche Ergänzung zum herkömmlichen Lokaljournalismus bieten kann, wird immer vom Engagement der einzelnen Nutzer abhängen – und auch von der Professionalität der Lokaljournalisten im Umgang mit den neuen Möglichkeiten, die sich ihnen hier bieten.

Foto: imago/Steffen Schellhorn