Anna-Katharina Lienau: Gebete im Internet


Von Redaktion am 20.01.2012

Rezensiert von Thomas Ruster

Längst gibt es im Internet – und darauf hinzuweisen ist bereits ein Verdienst dieses Buches – Gebets-Seiten, die von vielen Menschen genutzt werden. Internet-Gebetsgemeinschaften sind entstanden, die in vielem an frühere Formen des gemeinschaftlichen Gebets erinnern und doch nach Maßgabe des verwendeten Mediums neue Gestalten des Betens hervorbringen. Insoweit das Gebet ein Grundvollzug des Glaubens und damit auch von Kirche ist, ist demgemäß von einer Art ‘Internet-Kirche’ zu reden, die sich längst gebildet hat und die nun noch hinsichtlich ihrer Form und ihres Gehaltes zu analysieren bleibt. Dieser Aufgabe, die angesichts der großen Bedeutung der internetbasierten Kommunikation zweifellos eine der am meisten zukunftsweisenden für die kirchliche Praxis ist, nimmt sich die vorliegende Arbeit an, die an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster als Dissertation bei Christian Grethlein entstanden ist.

Gebet ist eine besondere Form der Kommunikation, an der Gott, der Beter und die Mitbetenden bzw. die ins Gebet Eingeschlossenen beteiligt sind. Wie für jede Form von Kommunikation gilt für das Gebet, dass es Gemeinschaft schafft und in seinem Vollzug von den verwendeten Medien geprägt ist. Der erste Teil der Studie geht dem Zusammenhang von Kommunikation, Gemeinschaft und Medien in gründlicher und perspektivenreicher Weise nach, um damit eine Grundlage für die Untersuchung religiöser Kommunikationsformen im Internet zu gewinnen. Orientierung gibt das medienökologische Rahmenmodell von Nicola Döring (2003), das Medienwahl, Medienmerkmale und daraus entstehende Kommunikationsmöglichkeiten in ein Verhältnis setzt. Problematische Aspekte der Internetkommunikation – Anonymität, Missbrauch, Kommerzialisierung und Simulation – werden gegen ihre spezifischen Chancen abgewogen: Anonymität auch als persönlicher Schutzraum, Niederschwelligkeit, Offenheit und nahezu unbegrenzte Partizipation. Gerade von kranken oder isoliert lebenden Personen können diese Chancen genutzt werden. Dem Einwand, digitale Kommunikation sei gegenüber dem face to face-Austausch bloß defizitär, wird mit guten Gründen entgegnet.

Im Übrigen eignen sich die Internet-Gebete schon deshalb als Untersuchungsgegenstand, weil sie beobachtet werden können. Den medien- und kommunikationstheoretischen Überlegungen stellt die Verfasserin eine fundierte Theologie des Gebets zur Seite. Grundlegend ist für sie dabei die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Religionserfahrung, die in etwa dem Unterschied von vor- und nachachsenzeitlicher Religiosität im Sinne von Karl Jaspers entspricht. Beide Formen findet sie in den Internet-Gebeten vor. Dass jedenfalls medien- und kommunikationstheoretische Kompetenz so glücklich wie hier mit theologischer Kompetenz zusammenfinden, dürfte immer noch die große Ausnahme sein.

Der empirische Teil besteht in der Auswertung von Gebeten und den Reaktionen anderer Beter darauf aus zwei Internet-Seiten, die die Verfasserin zwei Wochen lang verfolgt hat, sowie in Interviews mit sechs Nutzern dieser Seiten, die ebenfalls auf digitalem Wege erfolgt sind. Die Auswertung erfolgt nach allen Regeln der Kunst und unter straffer Strukturierung der immer gut begründeten Fragen und Resultate.

Aus der Fülle der Aspekte seien nur die folgenden herausgegriffen: Das Internet fördert in besonderer Weise das persönliche Beten, anders, als dies in der Gemeinde möglich und auch üblich ist. Insofern fördert es die persönliche spirituelle Kompetenz. Beten im Internet führt oft zu habitualisiertem Verhalten, d. h. zu einer Form der Alltagsreligiosität. Für die Nutzer ist die erfahrene Gemeinschaft, die sich über die Antwortfunktion der Internet-Seiten vermittelt und oft zur Einstimmung in die Gebetsanliegen anderer führt, nicht weniger wichtig als die Gemeinschaft mit Gott. Die Internet-Beter können mit den Ambivalenzen des Mediums in der Regel gut umgehen, sie lassen sich jedenfalls durch die Erfahrungen von Missbrauch des Mediums und dem Eindringen fremder Stimmen nicht dauerhaft irritieren und finden dafür auch eine theologische Lösung.

Kirchliche Gemeinschaft und Internet-Gebetsgemeinschaft stehen nicht in Konkurrenz, sie können einander gut ergänzen. Die Teilnahme an Gebetsforen im Internet ist heute eine Form des Betenlernens, die vielfach an die Stelle von Familie und kirchlicher Gemeinde getreten ist. Aufschlussreich ist Uwe Sanders (1998) Theorie der ‚mediatisierten Kommunikation’, die die Verfasserin zur Beantwortung der Frage heranzieht, ob die Anonymität des Internet und der Wunsch nach Gemeinschaft miteinander vereinbar sind. Nach Sander gehört es zu den Merkmalen der Kommunikation in der Moderne, dass Authentizität und das Bedürfnis nach Verständnis gerade in einem Raum der Unverbindlichkeit ausgelebt werden.

Die Autorin plädiert nachdrücklich dafür, die neuen Kommunikationsbedingungen in der kirchlichen Praxis zu nutzen. Dem ist unbedingt zuzustimmen. Es handelt sich einfach darum zu erkennen, dass neue Medien auch neue Formen der Praxis hervorbringen. Was die in den Internet-Gebeten anzutreffende Spiritualität betrifft, so ist für sie typisch, dass die Form des Bittgebets (für eigene und fremde Anliegen) bei weitem überwiegt, während ein beachtlicher Anteil auch vom Klagegebet gehalten wird. So gut wie gar nicht trifft man hingegen auf das doxologische Gebet, das sonst in der Liturgie vorherrscht. Was das für die Kirche der Zukunft bedeutet, wird zu bedenken sein.

Dem Buch von Anna-Katharina Lienau ist zu wünschen, dass seine Botschaft weithin gehört wird – nicht nur von kirchlichen Praktikern, sondern auch von denen, die das Vergehen einer bestimmten Gestalt von Kirche bereits für ihr Ende halten. Dazu könnten eine bessere Aufmachung (eine größere Drucktype!) und womöglich eine Neufassung, die sich von dem Ballast des sozialwissenschaftlichen Methodengebrauchs und seiner zuweilen redundanten Analysen reinigt, dienlich sein.

Literatur:

  • Döring, Nicola: Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. Göttingen u. a., 2003
  • Sander, Uwe: Die Bindung der Unverbindlichkeit. Mediatisierte Kommunikation in modernen Gesellschaften. Frankfurt a. M., 1998

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