Zwischen Existenzangst und PR


Von Redaktion Journalistik Journal am 29. September 2011

Eine Umfrage unter den Freischreibern

Von Isabelle Buckow

In Konfliktsituationen bedarf es meist nur weniger Worte, um das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen zu bringen. In der journalis­tischen Praxis reichten vier Wörter aus, um gar einen ganzen Berufsstand in Aufruhr zu versetzen. Die vier Wörter stammen aus dem Medienkodex, den die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche im Jahr 2006 vorgelegt hat. An Stelle 5 des Kodexes heißt es: Journalisten machen keine PR. Ein Satz, der bis heute für eine aufgeheizte Stimmung unter Journalisten sorgt und für den das Netzwerk Recherche viel Kritik einstecken musste.

Bei der Diskussion um die Frage, ob Journalisten PR machen dürfen, kommt es auf Kongressen immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. Wissenschaftler streiten mit Journalisten, Journalisten mit PR-Vertretern, Journalisten mit Journalisten. Dabei stehen sich meist zwei Lager gegenüber. Auf der einen Seite die Puristen, Wissenschaftler und Journalisten, die in Journalismus und PR zwei Dinge sehen, die sich gegenseitig ausschließen. Auf der anderen Seite die Journalisten, vor allem Freie, die nebenbei auch in Werbung und PR arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Ungeheuerlich, sagen die einen. Unvermeidbar, sagen die anderen. Ein gemeinsamer Konsens in der Frage, ob Journalismus und PR nebeneinander funktionieren können, scheint bislang nicht in Sicht.

Doch wie realitätsgetreu ist diese Diskussion eigentlich? Wird die Forderung „Journalisten machen keine PR“ der beruflichen Situation überhaupt gerecht? Und vor allem: Kann von freien Journalisten, die an der Existenzgrenze leben, wirklich verlangt werden, auf Aufträge aus der PR zu verzichten?

Um Antworten auf diese und andere Fragen zu finden, lohnt sich ein Blick in die Berufspraxis der freien Journalisten in Deutschland. Zu diesem Zweck wurde im Jahr 2009 eine Online-Befragung unter den Mitgliedern von Freischreiber, dem Berufsverband freier Journalisten, durchgeführt. Der Verband sieht in einer transparenten und vom Journalismus klar abgegrenzten PR einen akzeptablen Kompromiss. Mitglieder dürfen PR machen, solange die Aufträge sauber von der journalistischen Arbeit getrennt werden.

Mit der Umfrage unter den Freischreibern wurden die Arbeitsbedingungen und die Einstellungen freier Journalisten untersucht. Vor allem aber ging es um die beschwerliche Einkommenssituation der Freien und um die Frage, inwiefern die Mitglieder der Freischreiber ihr Leben allein durch ihre journalistische Tätigkeit finanzieren können.

Die Ergebnisse der Studie „Freie Journalisten und ihre berufliche Identität“ zeichnen ein trauriges Bild: Rund 2.000 Euro brutto verdienen die freien Journalisten der Freischreiber durchschnittlich im Monat, gut jedes dritte Mitglied muss mit noch weniger Geld über die Runden kommen. Mit Blick auf diese Zahlen verwundert es nicht, dass jeder dritte Freischreiber vom Journalismus allein nicht mehr leben kann. Dass sich die Mehrheit der Befragten (87 Prozent) ein Zubrot in der PR-Branche verdient, ist dabei kaum überraschend: Die PR-Arbeit ähnelt der journalistischen Arbeitsweise und wird noch dazu deutlich besser und regelmäßiger entlohnt.

Was bleibt diesen Journalisten also, wenn sie auf die PR-Arbeit verzichten müssten? Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, aus finanzieller Notwendigkeit in den Bereichen Werbung und PR zu arbeiten, zwei Drittel der Freischreiber könnten ohne die Nebeneinnahmen aus der Öffentlichkeitsarbeit gar nicht überleben. Eine Freie schrieb hierzu, dass sie ohne die Einnahmen aus der PR auch ihre Tätigkeit als Journalistin nicht mehr ausüben könnte. Die Bezahlung der Verlage sei einfach zu schlecht.

Was bleibt also bei der Diskussion um die Frage, ob Journalisten PR machen dürfen? Nicht mehr als ein fader Beigeschmack. Ein kritischer Blick ist wichtig. Die Forderung „Journalisten machen keine PR“ ist jedoch nicht mehr als ein hehrer Anspruch, der sich zum aktuellen Zeitpunkt in der journalistischen Praxis so nicht umsetzen lässt. Solange die Freien weiter mit dieser katastrophalen Honorarsituation konfrontiert sind, solange Verlage weiter so schlecht zahlen, wird es immer auch Journalisten geben, die PR machen, machen müssen.

Literatur:

  • Isabelle Buckow: Freie Journalisten und ihre berufliche Identität. Eine Umfrage unter den Mitgliedern des Journalistenverbands Freischreiber. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011.

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