Wettkampf der Feuerwerker

Interview mit Norbert Bolz


Von Herbert von Halem am 16.09.2011

Wettkampf der Feuerwerker

Als der Philosoph Norbert Bolz in den Casting-Formaten eine Schule der sozialen Intelligenz entdeckte, gab es einen Aufschrei der Empörung. Mit Simon Pleikies und Elena Pelzer sprach er über würdeloses Menschenmaterial, inszenierte Authentizität und seine Rolle als Medien verachtender Medienexperte.

Herr Bolz, Sie schreiben populäre Sachbücher, treten bei Kongressen der Trendforscher auf, diskutieren öffentlich mit Politikern und halten Vorträge vor Managern. »Jeder kann ein Star sein!« – das ist der neue Trend, wie Sie kürzlich verkündeten. Sind Sie ein Star?

Norbert Bolz: Das ist eine Frage, die man nicht durch Selbstauskunft klären kann, sondern die der Markt beantwortet. Ein Star ist man schließlich immer nur für ein bestimmtes Publikum. Natürlich exis­tieren neben Showstars auch Star-Chirurgen oder Star-Wissenschaftler. Ob Sie es mit einem Star zu tun haben, können Sie ganz einfach am Feedback und am Erfolg ablesen. Wenn jemand in allen Fachzeitschriften als Autorität zitiert wird, ist er ganz klar ein Wissenschafts-Star.
So wie es Stars nicht nur im Showgeschäft gibt, beschränkt sich auch die Prozedur des Castings nicht nur auf die sogenannten ›Casting-Shows‹. Als medienerprobter Wissenschaftler können Sie sicherlich aus eigener Erfahrung beschreiben, wie ein Teilnehmer-Casting für eine politische Talkshow abläuft.
Im Vorfeld werden Sie in einem Briefing-Gespräch daraufhin getes­tet, welche These Sie zu einem bestimmten Thema vertreten. Wenn Sie damit in das Sende-Konzept passen und wenn Sie versichern, in der Sendung auch genau das zu sagen, was man von Ihnen erwartet, werden Sie eingeladen. Eloquenz spielt demgegenüber nur eine sekundäre Rolle bei der Vorauswahl. Diese rigiden Vorgaben gelten für das Fernsehen, das Radio ist da bedeutend freier.

Können Sie ein Beispiel für ein solches Talkshow-Casting nennen?

Nehmen wir Anne Will. Da werden Sie beispielsweise im Vorfeld knallhart gefragt: »Stehen Sie zu der These, dass Hartz-iv-Empfänger asozial sind? Ja oder nein? Wenn ja, laden wir Sie ein, wenn nein, suchen wir jemand anderen!« Und dann wird diese These, die Sie vertreten sollen, auch in der Sendung unten eingeblendet, sobald Sie ins Bild kommen: ›Hartz-iv-Empfänger sind alle asozial!‹ Von diesem Satz kommen Sie danach kaum wieder los. Sie gelten von da ab als der Träger dieser Position. Wenn Sie versuchen, sich davon zu distanzieren, erreichen Sie nur, dass sie nicht wieder in eine Talkshow eingeladen werden. Talkshows werfen viel größere moralische Probleme auf als Casting-Shows, die ja so oft Gegenstand der Kritik sind. Die Produzenten und Moderatoren der Talkshows wollen nämlich in ihrer Sendung Politik nicht nur diskutieren, sondern sie wollen selbst Politik machen – und nicht nur Quote. Da hapert es wirklich mit der Demokratie, der Moral, dem politischen Anstand.

Welche Folgen hat das für die Unabhängigkeit von Wissenschaftlern in den Medien?

Verheerende! Es führt zur Ausbildung von Gefälligkeitswissenschaftlern, die genau wissen, was sie sagen müssen, um eingeladen zu werden.

Was bedeutet der Gang in die Medien für die Karriere eines Wissenschaftlers?

In Deutschland das Ende, im Gegensatz zu Amerika, England und Frankreich. Hierzulande jedoch muss man abwägen, was man möchte: Wer eine wissenschaftliche Karriere machen will, der sollte sich tunlichst von den Massenmedien fernhalten. Aber in meinem Alter sieht es anders aus. Ich nähere mich schon dem letzten Jahrzehnt meines Arbeitslebens und weiß nicht, warum ich noch mehr Kongresse meiner Kollegen besuchen sollte. Ich habe meine Interessen in eine ganz andere Richtung verschoben: Ich möchte in die öffentliche Diskussion wichtiger Fragen eingreifen.

So, wie Sie es beispielsweise bei Anne Will getan haben?

Ja, aber die Herausforderung besteht nicht darin, mit Politikern oder Journalisten zu diskutieren, sondern einen Stil zu finden, den die normalen Zuschauer nachvollziehen können. Und das ist verdammt schwer. Aber wenn es dann passiert, dass jemand sagt: »Genau das, was ich mir schon immer gedacht habe, haben Sie ganz toll ausgedrückt«, dann ist das für mich ein riesiges Erfolgserlebnis. Allerdings habe ich das oft nur indirekt, nämlich dann, wenn Leute in öffentlichen Diskussionen an die Decke gehen. Dann merke ich immer: ›Jetzt hast du es getroffen! Das war’s!‹

Mit einer Prognose im Jahr 2003 in der Berliner Zeitung haben Sie allerdings ganz und gar nicht ins Schwarze getroffen. Damals prophezeiten Sie Casting-Shows wie Deutschland sucht den Superstar: »Der Kick wird sehr bald weg sein, das Neue an diesem Format verliert sich. Wie beim Drogenkonsum muss man die Dosis erhöhen, um den gleichen Kick noch zu bekommen.« Herr Bolz, die Sendung läuft immer noch, das Format hat sich kaum verändert.

Die Entwickler haben anscheinend einen Archetypus geschaffen: So viele Jahre unverändert an einem Format festhalten zu können, das in seiner Logik so leicht zu durchschauen ist und an Überraschungswert doch sehr schnell verliert, das ist ein interessantes Phänomen. Es deutet darauf hin, dass es da um Triebstrukturen und Bedürfnisse geht, die sehr tief in den Menschen verankert sind – und zwar aufseiten der Zuschauer genauso wie aufseiten derer, die sich da als Kandidaten zur Verfügung stellen. Voyeurismus auf der einen Seite, Exhibitionismus auf der anderen.

Wagen Sie eine neue Prognose für die Casting-Shows!

Wenn ich eine Idee hätte, wie sich Casting-Shows in Zukunft entwickeln, würde ich sicher nicht mehr Universitätsprofessor sein, sondern das Format selbst konzipieren und das entsprechende Geld für die geniale Idee einstreichen.

Ihre Antwort überrascht, schließlich widmen Sie sich seit Jahren den Casting-Phänomenen.

Mich interessiert daran nur, was sie über unsere Kultur oder über die Entwicklung unserer Gesellschaft aussagen. Dazu gehören solche fundamentalen Sachverhalte wie die Abkoppelung des Ruhms von der Leistung. Sie haben mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die sich über viele Jahrzehnte hinziehen und die sich auch nicht kurzfristig verändern werden. In welchen wechselnden Formen die Casting-Shows diese Erwartung, nämlich berühmt werden zu können, ohne etwas zu leisten, in Zukunft bedienen oder ködern, das ist dem Einfallsreichtum der Macher überlassen. Tiefgreifend Neues erwarte ich da nicht. Mich würde es wirklich überraschen, wenn einmal etwas ganz anderes passieren würde, wenn beispielsweise plötzlich ein Interesse an Komplexität erwachen würde.

Meinen Sie mit »Interesse an Komplexität« einen Gegenpol zu den Casting-Shows?

Nein, ich beziehe mich jetzt nicht auf dieses Format. Da kann ich mir so etwas wie Komplexität sowieso nicht vorstellen. Aber gesetzt den Fall, auf der Zuschauerseite würde plötzlich ein Interesse an komplexen Darstellungen erwachen, dann würde das nicht in mein Bild passen. Ich glaube allerdings kaum, dass eine solche Entwicklung je Wirklichkeit werden wird, denn im Fernsehalltag bleibt alles beim Alten. Die Namen der Shows ändern sich, aber das Prinzip ist eigentlich immer dasselbe.

»In der Einteilung von gutem und schlechtem Programm steckt der Trugschluss, Fernsehen würde eine Möglichkeit der Aufklärung und Bildung bieten«, haben Sie einmal gesagt. Warum treten Sie trotzdem in Fernsehsendungen auf, die man gemeinhin als ›Bildungs-Fernsehen‹ bezeichnen könnte?

Gute Frage! Wo ist die Selbstanwendung? Ich habe zu den Massenmedien, wenn wir jetzt mal die Eitelkeit ausnehmen, von der kein Mensch frei ist, ein ganz einfaches Verhältnis: Wenn das Fernsehen mich interviewen möchte und der Aufwand nicht groß ist, dann lasse ich mich darauf ein. Aber ich würde niemals eine weite Anreise auf mich nehmen, das ist mir schlichtweg zu anstrengend. Prinzipiell haben Sie Recht: Was mich zu meinen Medienauftritten motiviert, ist eigentlich nur Höflichkeit plus Eitelkeit, aber nicht der Gedanke, dass irgendjemand daraus etwas lernen könnte. Denn das, was man von den Massenmedien tatsächlich lernt, sitzt – wie übrigens auch in der Schule – unter der Oberfläche der pädagogischen Absichten. Dort exis­tiert eine ›versteckte Agenda‹, ein verborgener Lehrplan und dessen einziges Fach heißt ›Soziale Intelligenz‹.

Shows als Schulen der sozialen Intelligenz? Wo sehen Sie die soziale Intelligenz, wenn Dschungelcamp-Insassen in Kakerlaken baden?

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Massenmedien, vor allem das Fernsehen, zunächst einmal Verblödungsmaschinen sind. Aber durch ebendiese wird gleichzeitig die soziale Intelligenz trainiert. Die konkreten Details der Shows – in diesem Fall die Kakerlaken, die ›das Eklige‹ bilden – spielen medienwissenschaftlich gesehen keine Rolle. Interessant ist stattdessen, was es eigentlich bedeutet, dass Teilnehmer und Zuschauer sich mit ›dem Ekligen‹ abgeben sollen. Das führt auf die Ebene der sozialen Intelligenz, die wohlgemerkt mit dem Intelligenzquotienten überhaupt nichts zu tun hat.

›Soziale Intelligenz‹ bedeutet demnach, zu wissen, wie man den Anforderungen unterschiedlicher Situationen gerecht wird.

Genau. Kleine Kinder, die noch nicht in der Lage sind, den einfachsten logischen Zusammenhang zu rekonstruieren, haben oft ein hervorragendes Gespür für soziale Situationen und ihre Dynamik. Im Erwachsenenalter bedeutet dies, dass man merkt, worauf es in der Gesellschaft ankommt und entsprechende Verhaltensmuster trainiert: Wie geht man mit Frauen um? Wie mit seinem Boss? Wie verhält man sich gegenüber den eigenen Eltern? Diese Alphabetisierung des Verhaltens geschieht heute durch solche Sendungen. Natürlich in karikierter, holzschnittartiger Form, aber es sind Schemata und Muster, mit denen die Menschen operieren können.

Der einzige Lerneffekt besteht für die meisten Teilnehmer doch nur in der Erfahrung, wie es ist, gedemütigt zu werden.

Es ist falsch, zu denken, die Leute wüssten vorher nicht, was ihnen in den Shows widerfährt. Sie wissen es ganz genau, und wenn sie hinterher behaupten, psychisch vergewaltigt worden zu sein, ist das Heuchelei. Nein, was die Leute antreibt, ist die Lust daran, sich dem Scheinwerferlicht auszusetzen, sich zu exponieren – ›Exposure Culture‹ nennen das die Amerikaner. Was die Menschen in den Casting-Shows lernen, besser gesagt, was sie testen, ist, wie gut sie sich selbst in sehr, sehr kurzer Zeit auf einem Markt verkaufen können. Kann ich in drei Minuten von einer absoluten Null, die kein Mensch kennt, zum Star aufsteigen, also die Aufmerksamkeit eines Massenpublikums auf mich richten? Das dürfte eine Fähigkeit sein, die heutzutage, da auf eine Stelle Hunderte von Bewerbern kommen, immer wichtiger wird. Viele junge Leute spüren, dass es immer mehr darauf ankommt, im entscheidenden Augenblick die richtige Performance hinzulegen. Das ist es auch, was an den Prominenten und Showstars bewundert wird – das Feuerwerk des Augenblicks, das sie zünden, wenn sie auftreten.

Wollen Sie damit sagen, die Kandidaten lassen sich freiwillig demütigen?

Wenn man sich bei einem Casting anmeldet, weiß man, dass man sich mit Haut und Haaren dieser Inszenierung verkauft. Man ist nur noch Menschenmaterial. Die Menschenwürde gibt man an der Garderobe ab, wobei der Begriff ›Menschenwürde‹ bei einer Casting-Show sowieso eher fehl am Platz ist. Anders bei einer Talkshow: Dort steht die Menschenwürde sehr viel stärker auf dem Spiel als beispielsweise beim Dschungelcamp, denn die Talkshow unterstellt, das Interesse an den Meinungen der Teilnehmer oder an der Diskussion stehe im Mittelpunkt, während es in Wahrheit darum geht, Leute fertigzumachen. In den Casting-Shows aber dreht es sich von vornherein nur um inszenierte Geschichten. Man kann ja auch nicht beim Kasperletheater mitmachen und am Ende sagen: »Das Kasperle hat mich verhauen! Ich gehe vor Gericht!«

Wenn alle wissen, dass alles gespielt ist, warum bewerten die Fernsehzuschauer die Kandidaten dann nicht so, wie Theaterbesucher Schauspieler bewerten?

Die Zuschauer sind aus demselben Holz geschnitzt wie die Kandidaten; es gibt keinen Grund, ihnen Naivität zu unterstellen. Das bedeutet: Auch die Zuschauer durchschauen diese Medieninszenierungen vollkommen – allein schon deshalb, weil sie diese Formate seit vielen Jahren in unterschiedlichster Form kennengelernt haben. Aber: Seit es Theater gibt, möchte jeder Zuschauer auch ein bisschen betrogen werden, sich einbilden, er erlebe reale Gefühle. Und deshalb setzt er die eigene Skepsis, den eigenen kritischen Unglauben außer Kraft. Das ist der Selbstbetrug der Authentizität, der eine schöne Paradoxie gebiert: die inszenierte Authentizität.

In dieser inszenierten Authentizität glauben die Kandidaten auch, die Macht über das Publikum zu besitzen.

Ja, und das ist ein Irrglaube, denn die Teilnehmer haben in diesem Spiel die geringste Macht, weil sie völlig auswechselbar sind. Eine Dynamik bekommt das Format stattdessen durch die Zuschauer­erwartungen. Und natürlich haben auch die Macher durch das Konzept, das sie den Formaten geben, einen ganz wesentlichen Anteil. Big Brother beispielsweise basiert auf der brillanten Grundidee eines Sozialschauspiels unter Laborbedingungen. Ich habe schon damals, als die Sendung begann, die Kulturkritik an diesem genialen Konzept nicht nachvollziehen können. Wenn, dann müsste man die Teilnehmer und erst recht die Zuschauer kritisieren.

Noch einmal zu denjenigen Casting-Shows, in denen vorgeblich Talent ein Kriterium ist. Tatsächlich erringen dort ja auch solche Teilnehmer positive Aufmerksamkeit, die beispielsweise gar nicht richtig singen können …

Die können alle nicht singen! Auch Paul Potts kann nicht richtig singen! Trotzdem finde ich ihn grandios, vor allem in der Telekom-Werbung, wo er zu sehen ist, wie er in der Casting-Show Britain’s Got Talent die Arie Nessun Dorma vorträgt und damit alle Zuschauer zu Tränen rührt. Das gehört für mich zum Besten, was ich je an Werbung gesehen habe, und es ist zugleich die Schlüsselszene für das Verständnis dieser Casting-Formate. Sie funktionieren, weil die Zuschauer die Authentizität, die sie sich wünschen, dort hineinprojizieren. Paul Potts Hässlichkeit hat die Vermutung geweckt: ›Der ist echt!‹ Wenn jemand so hässlich ist und mich trotzdem rührt, dann ist das die reine Authentizität. Und die Vermarkter der Telekom haben genial erkannt, welches immense Potenzial in diesem zentralen Erlebnis, das die Casting-Shows evozieren, steckt.

Trotzdem meinte das Publikum anfangs, dass Paul Potts ein bislang unentdecktes Ausnahmetalent sei. Warum fühlen sich die Zuschauer dazu befähigt, solche Urteile zu fällen?

Das ist so ähnlich wie bei Fußballübertragungen, wo auch jeder glaubt, mitreden zu können. Ungeniert bewerten zu können ist ja viel reizvoller, als bei politischen Talkshows mit der eigenen Inkompetenz konfrontiert zu werden. Wer versteht schon die Riester-Rente oder den Afghanistan-Konflikt? Niemand, aber trotzdem wird ständig darüber geredet. Deshalb ist man gezwungen, irgendwie zu reagieren und macht sein Urteil dann am Erscheinungsbild oder der rhetorischen Qualität der Diskutanten fest, was natürlich mit der Sache überhaupt nichts zu tun hat. Casting-Shows dagegen befriedigen im Grunde nur das Bedürfnis des Zuschauers, selbst zu urteilen und sich dabei gut zu fühlen.

Diktiert das Publikum somit die Meinung der Juroren?

Nein, überhaupt nicht. Zunächst einmal genießt man als Zuschauer das eigene Urteil. Allerdings genießt man eben auch die Überraschung durch die anderen Urteile, die einem vorgeführt werden. Und hier kommen die Juroren ins Spiel: Was das Publikum an ihnen faszinierend findet, ist weniger der Inhalt oder die Begründung ihrer Entscheidungen, als der pure Akt der Entscheidung selbst, den die Juroren exekutieren. An diesem Dezisionismus, der keine Revision zulässt, erfreuen sich die Zuschauer ebenso wie an ihrem eigenen Urteil. Der Meister in dieser Disziplin des schnellen apodiktischen Spruchs ist natürlich Dieter Bohlen, aber auch – auf anderem Niveau – Marcel Reich-Ranicki, der einfach dekretiert: »Das ist ein großes Gedicht!« oder »Das ist Mist!« oder »Auch wenn es hunderttausend Mal verkauft worden ist, das Buch ist schrecklich!« Es gibt nur ganz wenige Momente, in welchen das Publikum tatsächlich einmal Einfluss auf die Juroren gewonnen hat. Einen solchen Ausnahmefall verkörpert Michael Hirte, der Mundharmonika-Spieler, der bei Das Supertalent gewonnen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemals in der Geschichte dieser Shows etwas Peinlicheres gab. Daran sieht man: Würde der Abstand zwischen der Jury und den Zuschauern aufgehoben, dann würde das Niveau der Shows auf den absoluten Tiefstand sinken. Aber auch für die Attraktivität der Sendungen ist es wichtig, dass die Juroren ihre ›Autonomie‹ behaupten und dass ihre Bewertungen häufig mit denen des Publikums gerade nicht übereinstimmen.

Wegen des Überraschungsmoments …

Genau. Ein Dieter Bohlen muss den Zuschauer verblüffen, auch ein bisschen schockieren, damit der überhaupt ein Verhältnis zum eigenen Urteil bekommt, das natürlich genauso willkürlich und hanebüchen ist wie das von Dieter Bohlen. Alle Urteile sind gleichermaßen absurd und deshalb auch gleichermaßen berechtigt. Das alles setzt aber auch voraus, dass es objektiv betrachtet in diesen Shows gar keine wirkliche Qualität gibt. Gäbe es sie, wären die Diskussio­nen und auch die Abstimmungen sinnlos. Die Shows funktionieren nur so lange, wie nie ein wirklich guter Sänger auftritt.

Wir hatten bereits Shows mit heroinabhängigen Stars oder Live-Darmspiegelungen im Mittelpunkt. Wie kann man dieses Niveau noch unterbieten?

Expeditionen auf dem noch unentdeckten Kontinent des schlechten Geschmacks – das sind für mich die neuen Formate. Da wir in bestimmten klassischen Bereichen des Tabubruchs – wie etwa der Sexua­lität – nichts Neues mehr zu entdecken haben, sucht man jetzt den Tabubruch eben beispielsweise im Ekligen, also man schleift die letzten Rudimente an gutem Geschmack, die sich in unserer massendemokratischen Gesellschaft noch gehalten haben. Und da haben wir erst den Anfang gesehen, denke ich. Sicherlich bietet auch die Gewalt noch ein reiches Reservoir, auch wenn es da rechtliche Einschränkungen gibt.

Neben dem Fernsehen ist auch das Internet ein beliebtes Medium der Selbstdarstellung. Glauben Sie, dass die dort ausgelebte ›Selbstdarstellungswut‹ etwas historisch Neues ist?

Das Internet hat eine echte Kulturrevolution bewirkt, weil jetzt dieser Andy-Warhol-Gedanke, jeder Mensch könne für fünfzehn Minuten Berühmtheit erlangen, Realität geworden ist. Zwar haben viele Selbstdarsteller im Internet ein Aufmerksamkeitsproblem, weil niemand sie anklickt. Aber prinzipiell haben wir es hier mit einer neuen Kultur zu tun, die dem Exhibitionismus Tür und Tor öffnet.

Liegen die Gründe für den Selbstdarstellungsdrang nicht eher an einem gesamtgesellschaftlichen Aufholbedarf?

Das ist ein schöner Gedanke: ›Partizipation‹ als das große Zauberwort. Allerdings würde das so etwas wie ein kollektives Gedächtnis voraussetzen, auf dem gewissermaßen die jahrhundertelange Last des bloßen passiven Konsumierens ruht. Ob das realistisch ist, vermag ich jetzt nicht zu beurteilen. Klar ist, dass das Sender-Empfänger-Modell der klassischen Medien zwar eine gewisse Bedeutung behält, aber an Attraktivität und an Legitimität verliert. Umgekehrt bildet das Versprechen der Partizipation die Basis der neuen Legitimität. Alle, vor allem die Politiker, aber auch Lehrer und Professoren versuchen, durch die Chance der Partizipation ihre Kunden, die Bürger, die User an sich zu binden. Da sehe ich eine sehr ernstzunehmende Zäsur.

Existiert eine Verbindung zwischen dem Selbstdarstellungsdrang im Fernsehen und im Internet?

Es gibt da überhaupt keinen Unterschied, die ›Exposure Culture‹ umfasst beides. Eine wichtige Rolle spielt auch, dass wir immer noch die Ausläufer des großen Individualisierungsprozesses erleben, der in der gesamten westlichen Welt abläuft. Individualismus ist an sich nichts Neues, aber zum ersten Mal in der Geschichte wird ein Individualismus ohne alle Kriterien kultiviert. Das bedeutet, jeder bestimmt selbst, was es heißt, ein Individuum zu sein und ›völlige Kriterienlosigkeit‹ ist natürlich synonym mit ›vollendeter Geschmacklosigkeit‹. Dieses Problem lässt sich nur über radikale Emotionalisierung lösen. Und damit wären wir wieder beim Exhibitionismus, beim durch nichts beschränkten Selbst-Ausdruck.

Was bedeuten noch Begriffe wie ›Privatsphäre‹ und ›Intimität‹ in einer Zeit des Exhibitionismus? Stehen wir möglicherweise einer Generation von jungen Usern gegenüber, die mit diesen Begriffen gar nichts mehr anfangen kann?

›Privatheit‹ ist ein sehr bürgerlicher, mir persönlich unendlich wertvoller Begriff. Aber er nimmt schon seit Langem einen nostalgischen Zug an, denn das, was früher einmal die bürgerliche Trennung von ›öffentlich‹ und ›privat‹ und damit überhaupt erst die Kons­titution von ›Privatsphäre‹ ermöglicht hat, das ist eigentlich schon seit vielen Jahrzehnten gar nicht mehr anzutreffen. Ich meine eine bestimmte Lebensform, zu der intakte familiäre Strukturen ebenso gehören wie eine selbstbewusste polemische Haltung gegenüber dem Staat und den organisierten Gruppen der Gesellschaft. Davon kann heute kaum noch die Rede sein. Intakte Familien sind längst keine Selbstverständlichkeit mehr und auch die Distanz zum Staat verliert sich zunehmend, weil immer mehr Menschen in ihrer Existenz unmittelbar von seinen Transferleistungen abhängen und sich eigentlich einen starken Staat wünschen. Deshalb würde ich bei dem Begriff ›Intimität‹ ansetzen und nicht bei ›Privatsphäre‹. Mir persönlich fällt es schwer, mir einen Menschen ohne Intimsphäre vorzustellen. Aber wozu schnurrt diese Intimsphäre zusammen, wenn sie nicht mehr gesellschaftlich getragen ist von Privatheit? Das ist eine ›Millionen-Euro-Frage‹, die ich nicht beantworten kann. Ich hoffe jedenfalls, dass es künftig so etwas wie Intimität noch geben wird.

Um Ihnen eine intime Frage zu stellen: Was würden Sie davon halten, wenn Ihre Kinder morgen bei Deutschland sucht den Superstar oder Germany’s next Topmodel mitmachen möchten?

Meine Kinder unterliegen alle noch der elterlichen Autorität. Das heißt, ich würde es schlicht verbieten. Aber ich glaube, ich kenne sie auch mittlerweile gut genug, um sagen zu können, dass sie völlig immun sind gegen derartige Dinge.

Und warum würden Sie es verbieten?

Weil das natürlich alles Wahnsinn ist! Es ist komplett wahnsinnig, sich erstens mit den Casting-Leuten abzugeben und sich zweitens vor dem Studio mit diesen Trotteln zusammen in die Schlange zu stellen! Wenn sich meine Kinder einer derartigen Jury auch nur eine Sekunde aussetzten, würde mich das persönlich als Vater sehr kränken. Das könnte ich niemals ertragen. Allein der Gedanke, dass sie beispielsweise ernsthaft erwögen, zum Fernsehen zu gehen, würde mir schon Kopfzerbrechen bereiten. Ich finde diese Medienwelt ganz schrecklich und hoffe, noch so viel Einfluss auf meine Kinder nehmen zu können, dass sie sich völlig anders orientieren werden. Die Massenmedien sind keine Welt, in der ich sie wiederfinden möchte.

Norbert Bolz, geboren 1953 in Ludwigshafen, gehört zu den prominentesten Analytikern der Medienmoderne. Er studierte in Mann­heim, Heidelberg und Berlin Philosophie, Germanistik, Anglistik und Religionswissenschaft. Bolz wurde mit einer Arbeit über die Ästhetik Adornos promoviert und habilitierte sich mit dem Thema Philosophischer Extremismus zwischen den Weltkriegen. Von 1992 bis 2002 war Bolz Professor für Kommunikationstheorie am Institut für Kunst- und Designwissenschaften der Universität-Gesamthochschule Essen mit den Arbeitsschwerpunkten Medientheorie, Kommunikationstheorie und Designwissenschaft. Seit 2002 ist er Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin. In Büchern wie Das Wissen der Religion (2008), Diskurs über die Ungleichheit. Ein Anti-Rousseau (2009) und Profit für alle. Soziale Gerechtigkeit neu denken (2009) greift Bolz, weit über die Medientheorie hinausgehend, sozial- und religionsphilosophische Themen auf. Seinem Anspruch, an der veröffentlichten Diskussion teilzuneh­men, wird Bolz als regelmäßiger Gast in Sendungen wie Das Philo­sophische Quartett, ZDF-Nachtstudio und Anne Will gerecht.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke erschienen im Herbert von Halem Verlag (2010)