“Verkäufer” oder kritische Berichterstatter?


Von Redaktion Journalistik Journal am 29. September 2011

Anmerkungen zum TV-Sportjournalismus

Von Michael Steinbrecher

Schon vor beinahe zwei Jahrzehnten wurde im ZDF eine Dokumentation mit dem Titel „Die Ware Sport – der wahre Sport?“ (Autor: Falko Fröhner) ausgestrahlt. Viele der damals diskutierten Fragen und Standpunkte sind heute aktueller denn je.

Sind Sportjournalisten kritische Berichterstatter oder vor allem Verkäufer ihrer „Ware“? Wie unabhängig sind sie? Sind sie mit Sportlern zu sehr „auf Du und Du“? Entspricht das alte (Vor-)Urteil der Wirklichkeit, dass Sportjournalisten schlecht getarnte Fans sind, die am liebsten selbst eine Sportkarriere gestartet hätten? Wer die Fragen beantworten will, muss vor allem eins tun: Genau hinsehen.

Richtig ist, dass TV-Sportjournalisten zum Bestandteil des Vermarktungsgeschäfts rund um den Sport geworden sind. In welcher Hinsicht? Betrachten wir folgende drei Ebenen (wobei sich die Diskussion durchaus noch erweitern ließe): die Formatierung der einzelnen Sendungen, die institutionelle Vernetzung mit ökonomischen Interessen und nicht zuletzt das Verhältnis der Journalisten zu Sportlern und Sportfunktionären.

Wie sehr wird der Journalist schon durch die Formatierung der Sendungen zum Verkäufer? Wer TV-Sportformate analysiert, wird schnell feststellen, dass die Programmverantwortlichen vieles tun, um Zuschauer an die Sendung zu binden, sie zu „halten“. Zu Beginn beinahe jedes Sportformats werden in Clipform die Höhepunkte des Programms vorgestellt. In der Regel auf Musik geschnitten, von einem professionellen Trailer-Sprecher im Stile kurzer Werbebotschaften vertont oder vom Moderator selbst live gesprochen. Die Ware wird möglichst attraktiv präsentiert. Schließlich hat sie in den meisten Fällen auch viel gekostet.

Sind Sport-Redakteure also Verkäufer im Sinne einer auf Zuschauermaximierung angelegten Sendeplanung?

Die Antwort: Ja, und zwar tendenziell mehr als in anderen journalis­tischen Genres. Selbst in vielen Nachrichtensendungen und -magazinen werden die „Programmhöhepunkte“ vorangestellt und stichwortartig angekündigt. Andererseits sind Sponsorenunterbrechungen und Werbespots dort bisher undenkbar.

Wollen wir uns mit diesen Rahmenbedingungen des TV-Journalismus auseinandersetzen, so kann ein Miteinander von Wissenschaft und Praxis sehr hilfreich sein – und es gibt noch viele Forschungslücken. Wie haben sich die Sport- und andere Genreformate grundsätzlich verändert? Welche unterhaltenden oder „Verkaufs“-Elemente sind hinzugekommen? Mit welchen Konsequenzen? Wie reagieren Zuschauer auf die Programmelemente? Und zwar nicht nur bezogen auf ihr Ein- und Umschaltverhalten, sondern auch bezogen auf ihre inhaltlichen und dramaturgischen Interessen? Eine solche Diskussion könnte sowohl redaktionelle als auch wissenschaftliche Bewertungsmaßstäbe schaffen, die die Beurteilung des TV-Sportjournalismus befruchten. Immer verbunden mit der Fragestellung: Berichtet der Sportjournalismus ausreichend intensiv über Hintergründe?

Wer sich intensiv mit den Strukturen des Sportjournalismus beschäftigt, stößt schnell auf weitere, über die Sendungsformatierung hinausgehende Fragen. Der Umgang von Journalisten und TV-Sendern mit Doping-Skandalen wie bei der Tour de France hat berechtigte Fragen aufgeworfen. In welchem Netzwerk von Interessen bewegt sich der Sportjournalist? Sind TV-Sender mit der Welt des Sports und den damit verbundenen ökonomischen Interessen eine zu große Allianz eingegangen?

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: An der Bedeutung von Sponsoren kann ein Journalist nicht vorbeisehen. Das gilt für den Alltag (z. B. Bandenwerbung in Stadien), aber insbesondere auch für sportliche Großereignisse. Im IBC (International Broadcasting Center), der Arbeitsstätte aller internationalen Journalisten während der Olympischen Spiele, kann beispielsweise nur mit Kreditkarten der mit dem IOC verbundenen Sponsoren bezahlt werden. Aber es ist nicht nur die direkt sichtbare ökonomische Präsenz.

Wer profitiert am Erfolg eines Sportlers? Es sind Sponsoren, die einen Goldmedaillenerfolg besser vermarkten können. Es sind Verbände einzelner Sportarten, deren Unterstützung von Medaillenerfolgen abhängt. Es sind Trainer und Betreuer, deren Erfolge an den Ergebnissen gemessen werden, die ihre Sportler erringen. Es sind Politiker, die sich die Erfolge nationaler Athleten gerne ans Revers heften. Schließlich sind es auch die Medienanstalten. Erfolge nationaler Athleten sorgen für hohe Einschaltquoten. Diese wiederum sind wichtig für Werbekunden, aber auch für die Monats- und Jahresbilanzen der sich im Konkurrenzkampf befindlichen Sender. Sportjournalisten bewegen sich in einem Netzwerk der Interessen. Mit welchen Konsequenzen?

Kommen wir beispielhaft zum direkten Verhältnis zwischen Sportjournalisten und Sportlern oder Sportfunktionären. Ist man zu sehr „auf Du und Du“? Wie nah, wie distanziert muss das Verhältnis zwischen Journalist und Sportler sein?

Zu diesen Fragen gibt es kontroverse Positionen, selbst innerhalb einzelner Redaktionen. ZDF-Chefreporter Wolf-Dieter Poschmann vertritt beispielsweise die Position, eine Nähe zum Sportler sei förderlich, um als Journalist an Informationen zu gelangen. Diese Nähe zu den Athleten sei nicht gleichzusetzen mit fehlender journalistischer Distanz. Eberhard Figgemeier, ehemaliger ZDF-Live-Kommentator und Programmchef bei Olympischen Spielen, vertritt hingegen die Position, dass eine Nähe zwischen Journalist und Sportler keinesfalls entstehen dürfe, da sie den Sportjournalisten in der Beurteilung von Sachverhalten subjektiv beeinflussen könnte. Die gleiche Diskussion gibt es auch in anderen Genres: Darf ein Polit-Journalist mit einem Politiker befreundet sein, mit ihm in einer Maschine fliegen etc.? Auch hier bietet es sich an, redaktionell und in der wissenschaftlichen Betrachtung weiter an journalistischen Maßstäben zu arbeiten.

Diese Maßstäbe sollten wiederum auf alle sportjournalistischen Tätigkeiten angelegt werden. So ist es für manche Sportformate wichtig, den Zuschauern attraktive und aktuelle Gäste präsentieren zu können. Gleichzeitig sollten Sportler oder Sportfunktionäre ihre Zusagen nicht an inhaltliche Bedingungen knüpfen dürfen. Hier wird journalistische Unabhängigkeit konkret. Besteht Einigkeit darüber, dass allein die Redaktion und der Moderator entscheiden, welche Themenkomplexe für das Gespräch in Betracht kommen? Es muss selbstverständlich bleiben, dass Fragen nie mit den Gästen vor der Sendung abgestimmt werden. Dass bei Versuchen von Gästen, ihr Kommen von der Ausklammerung journalistisch relevanter Themen abhängig zu machen, von einer Einladung abgesehen wird. Hier sollten Redaktionen und Moderatoren auch im Sinne des Zuschauers sehr klar und eindeutig sein. Der Reiz, einen „großen Namen“ verkaufen zu können, darf nie auf Kosten journalistischer Unabhängigkeit gehen.

Aber selbst, wenn Redaktionen in ihren Prämissen konsequent sind, wird ihnen durch veränderte Rahmenbedingungen die Aufgabe der kritischen Berichterstattung erschwert.

Ein Beispiel: Bei Fußball-Großereignissen wird der Raum für eigenständige journalistische Berichterstattung enger. Natürlich müssen TV-Sender einräumen: Es gibt beinahe täglich Pressekonferenzen und die übertragenden Sender haben in der Regel die Möglichkeit, nach Absprache mit dem DFB zusätzlich Einzelinterviews zu führen. Und doch hat sich schleichend eine den Journalismus gefährdende Praxis etabliert.

Immer häufiger wird vom DFB produziertes Bildmaterial angeboten, das den Sendern in der Regel kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Was ist daran so verwerflich? Muss jeder Sender mit eigener Kamera Nationalspieler bei Freizeitaktivitäten wie Bogenschießen oder Tischtennisspielen drehen? Ist das nicht ein entgegenkommender Service des DFB, der Sendern wie Nationalspielern viel Stress erspart?

Nein. Zumindest wenn wir einen Schritt weiter denken. Was passiert, wenn es teamintern zu Auseinandersetzungen kommt? Wenn der Trainer zur Disposition steht? Wenn ein Spieler nach Hause geschickt wurde? Die Vergangenheit hat gezeigt, dass auch in brisanten Fällen auf den „Service“ zurückgegriffen und den Journalisten ein von der Öffentlichkeitsabteilung des DFB geführtes Interview „zur Verfügung“ gestellt wird. Das bedeutet im Klartext: Eigenes Nachfragen, insistierendes Konfrontieren mit unbequemen Fakten ist nicht (mehr) möglich. Die Praxis, Bilder und Statements selbst zu produzieren, wird nicht nur bei der Nationalmannschaft, sondern auch in der Liga und bei zahlreichen weiteren Sportveranstaltungen forciert. Parallelen zur Wirtschafts- und politischen Berichterstattung sind auch hier offensichtlich. Dort wurden die Praktiken, die nun auf den Sport übertragen werden sollen, teilweise entwickelt und etabliert.

Diese Strategie ist eine auf den ersten Blick harmlos erscheinende, auf den zweiten Blick aber umso gravierendere Gefahr für den unabhängigen Journalismus. Wenn irgendwann die direkten Recherchezugänge gekappt sind und Journalisten nur noch die Möglichkeit bleibt, bereits gefilterte Informationen zu präsentieren, dann wäre der Berichterstatter zum reinen Verkäufer degradiert. So weit darf es, unabhängig davon, für welches Medium ein Journalist arbeitet, nicht kommen.

Foto: imago/Kosecki