Ruinöser Wettbewerb


Von Redaktion Journalistik Journal am 29.09.2011

Zur Krise der hochschulgebundenen Journalistenausbildung

Von Frank Lobigs

Als Anfang 2011 bekannt wurde, dass das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig seine journalistische Abteilung klein zu schrumpfen plante, entzündete sich an dieser Nachricht auch eine generelle Debatte zur Krise der hochschulgebundenen Journalistenausbildung in Deutschland. Problemdiagnostisch erscheint diese Verknüpfung freilich eher als ablenkend und als allzu „unizentrisch“: Denn was wäre schon eine Halbierung der Studentenzahlen in Leipzig, gemessen an der nach wie vor ungebremsten Hyper-Fertilität der Fachhochschulen bei der Schaffung immer neuer journalistischer Studiengänge? Leipzig hin oder her: Das Angebot auf dem Markt für hochschulgebundene Journalistenausbildung hat in den letzten Jahren auf jeden Fall quantitativ erheblich zugenommen, es ist differenzierter als je zuvor, und die Konkurrenz ist enorm gewachsen. Alles im Normalfall Ingredienzen eines funktionsfähigen Wettbewerbs. Krise? – Welche Krise?, möchte man auf den ersten Blick fragen.

Bei näherem Hinschauen zeigt sich, dass es paradoxerweise gerade die starke Angebotsexpansion der letzten Jahre ist, die im Zusammenspiel mit kontraktiven Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt eine Krise heraufbeschwört. Überschüssige Kapazitäten lösen einen ruinösen Wettbewerb aus. Ruinös zwar nicht unbedingt für die Bildungsanbieter selbst; ruinös allerdings für eine wirksame Verpflichtung der Journalistenausbildung auf die in ihrem Wesen stets meritorische öffentliche Aufgabe des Journalismus, die den Kern eines jeden journalistischen Berufs­ethos bilden muss.

In einem Hochschulsystem, das in zunehmendem Maße einer dezentralen wettbewerblichen Selbststeuerung überlassen ist, kann das extensive Anschwellen von Studiengängen, die „irgendwas mit Journalismus“ anbieten, kaum überraschen. Zwar richten sich die Hochschulen im Wettbewerb nach der Nachfrage; doch leider im Wesentlichen nach jener am falschen Ende: Primär zählt die direkte Nachfrage der Ausbildungs-Konsumenten nach Studienplätzen. Die Nachfrage des Arbeitsmarkts nach den betreffenden Absolventen zählt dagegen nur in dem Maße, in welchem sie die Auswahlentscheidungen der „Kunden“ überhaupt beeinflusst.

Gemessen am Bedarf des Arbeitsmarktes war die Nachfrage der Abiturienten nach journalistischen Studiengängen nun allerdings schon immer viel zu hoch, und auch gegen die schlechten Branchen-Nachrichten der vergangenen Jahre scheinen die beruflichen Blütenträume allzu vieler junger Menschen resistent zu sein.

In den Zeiten vor der großen Studiengangsschwemme regulierte sich dieses Übernachfrage-Problem jedoch schon vor Beginn des Studiums: Jene, die keinen der begehrten – damals aber eben auch noch sinnvoll rationierten – Journalistik-Plätze erhielten, studierten dann alternativ meist eben etwas „Anständiges“ und wurden Juristen, Ärzte, Betriebswirte. Eine gute Lösung – vor allem auch für die Qualität der journalistischen Ausbildung. Denn da die damals noch nicht allzu zahlreichen Journalistik-Absolventen in jenen Zeiten noch zuverlässig gute Stellen im Journalismus fanden, konnte sich die Ausbildung in großer Ruhe auf die „reine Lehre“ konzentrieren – sprich also darauf, die Studierenden bestmöglich und auf dem aktuellen Stand der medialen Entwicklung für eine wirksame Erfüllung der öffentlichen Aufgabe des Journalismus zu präparieren.

Heute stellt sich die Lage anders dar. Im anziehenden Anbieter-Wettbewerb folgt das Studienangebot der überhöhten Nachfrage ungehemmt, und an die Stelle einer strengen Selektion und Rationierung tritt vielerorts eher die aufwändige Reklameschlacht um möglichst viele frische Journalismus-Studierende. Das ist per se schon eine bedenkliche Dynamik. Völlig prekär wird die Melange jedoch, wenn auch die aktuellen Entwicklungen auf den journalis­tischen Arbeitsmärkten mit ins Bild genommen werden.

Nicht nur, dass starke Konsolidierungstendenzen den Nachwuchsbedarf in den journalistischen Kernfeldern ohnehin einschränken. Aktuelle Journalistenstudien stellen darüber hinaus ein zunehmendes qualitatives Ausfransen des Berufsbilds an den breiten Rändern der sich immer stärker verengenden Kernbereiche des Journalismus fest: Von massiven Tendenzen der Deprofessionalisierung, Entgrenzung und Boulevardisierung ist beispielsweise in dem großen Journalisten-Report von Weischenberg, Malik und Scholl die Rede. Tendenzen, die allesamt auf Kosten der normativen Primär-Orientierung des Journalismus an seiner öffentlichen Aufgabe gehen. Die Ursachen sind medienökonomischer Natur und bereits vielfach analysiert. Erschreckend ist vor allem die Erkenntnis, dass die Finanzierbarkeit von Qualitätsjournalismus immer mehr in Gefahr gerät, weil es offenbar beim Publikum an Zahlungsbereitschaft mangelt und weil die Ergiebigkeit der Querfinanzierung über den Werbemarkt stark nachlässt.

Viele gerade der neueren Anbieter von Journalismus-Studiengängen stellt diese Konstellation vor ein Dilemma: Stellen sie die öffentliche Aufgabe des Journalismus konsequent ins Zentrum ihrer Ausbildung, geht diese für die allermeisten ihrer Studenten schlicht am Markt vorbei; passen sie sich hingegen schmiegsam an die Entprofessionalisierungs- und Entgrenzungstendenzen im Markt an, stellen sie schon in der Ausbildung berufsethische Grundpfeiler des Journalismus in Frage. Diesem Dilemma versuchen die neueren Studiengänge zumeist dadurch zu begegnen, dass sie die Journalistenausbildung offen mit völlig anderen Ausbildungsinhalten koppeln, die die Berufsaussichten verbessern sollen. Der Kompromiss, um nicht zu sagen (Halb-)Kotau, wird zum Programm, und so heißen die Hybrid-Studiengänge dann „PR und Journalismus“, „Journalism and Business Communication“, „Medienwirtschaft und Journalismus“, etc.

Die Verquickung von PR oder Medienmanagement mit Journalismus ist freilich gerade auch in der für die Berufssozialisation so maßgeblichen Ausbildungsphase verfänglich, insbesondere, wenn die Ausbildung dem Leitbild der Autonomie und der öffentlichen Aufgabe des Journalismus verpflichtet sein soll. Wer in der Journalistenausbildung mit der PR oder dem betriebswirtschaftlichen Medienmanagement flirtet, wird von diesen geheiratet, und dem Nachwuchs wird man die Herkunft ansehen.

„What are you? Are you a businessman, or are you a newsman?!“, fragt ein konsternierter Al Pacino als CBS-Journalist Lowell Bergman in dem dokumentarischen Thriller „The Insider“ seinen Abteilungsleiter, als er erkennen muss, dass dieser aus wirtschaftlichen Gründen die Ausstrahlung eines Whistleblower-Interviews über Skandale in der Tabakindustrie verhindern will. Was würden die Hybrid-Absolventen der genannten Studiengänge auf diese Gretchen-Frage antworten? – „Kommt drauf an“? „Weiß nicht“? „Halbe-halbe“?

Eine Journalistin muss immer ganz Journalistin sein. Der rigorose Maßstab ist stets die öffentliche Aufgabe, die unter Wahrung der journalistischen Sorgfaltspflicht zu erfüllen ist. Eine ideale Journalistenausbildung sollte sich deshalb ausschließlich auf die höchst anspruchsvolle Aufgabe konzentrieren, den Studierenden alles an die Hand zu geben, was ihnen dabei hilft, diesem Maßstab auch unter den schwierigen Bedingungen der neuen Medienwelt gerecht zu werden. Die hochschulgebundene Journalistenausbildung gerät in eine moralische Krise, weil sie aufgrund des Überangebots zunehmend unter den Druck gerät, dieses normative Primärziel offen oder verdeckt zu unterlaufen.

Gewiss wäre es da die beste Lösung, das Problem an der Wurzel zu packen und das Überangebot wieder herunterzufahren. Solange das Etikett „Journalismus“ für Studienanfänger jedoch ein unwiderstehliches Zauberwort bleibt, für das sie an privaten Bildungs-Etablissements sogar erkleckliche Studiengebühren zahlen, ist hiermit jedoch nicht zu rechnen. Alternativ wäre es sinnvoll, wenige ausgewählte Leuchtturm-Studiengänge zu definieren, die im Meer der vielen marktorientierten Angebote hervorstechen, weil sie sich voll und ganz auf eine normativ rigorose und praktisch exzellente Journalisten-Ausbildung konzentrieren. Angesichts der gesellschaftlich prekären Entwicklung, dass meritorische journalistische Inhalte in der neuen Medienwelt wachsende Probleme haben, überhaupt zum allgemeinen Publikum durchzudringen, sollten diese Leuchtturm-Studiengänge eine zeitgemäße multi- und crossmediale Ausbildung wirkungsvoll mit einer breiten journalistischen Innovationsforschung verbinden.

Sollten sich die finanziellen Bedingungen des Journalismus kontinuierlich weiter verschlechtern, muss die Medienpolitik darüber hinaus aber auch innovative Wege der Förderung beschreiten. Richtungsweisend erscheint diesbezüglich ein Konzept, das Marie Luise Kiefer im Frühjahr 2011 in einer vieldiskutierten Abhandlung empfohlen hat. Kiefer verlangt eine radikale Neufokussierung der staatlichen Medienfinanzierung auf die eigentliche meritorische Institution des Journalismus: Statt Medien in ihrer ganzen inhaltlichen Breite – mit Blasmusik und Rosamunde Pilcher – zu alimentieren, soll sich die Subventionierung auf förderungswürdige journalistische Redaktionen konzentrieren. Um allerdings die Staatsunabhängigkeit auch einer solchen Förderung zu gewährleisten, soll sich diese an einer unabhängigen, qualifizierten Journalisten-Ausbildung festmachen: Förderungswürdig sind dann jene Redaktionen, die Absolventen geeigneter zertifizierter Ausbildungs-Studiengänge als Redakteure beschäftigen. Wahrscheinlich jedoch ist dieser Vorschlag zu gut, als dass man beizeiten auf Schritte in diese Richtung hoffen dürfte.

Literatur:

  • Kiefer, Marie Luise: Die schwierige Finanzierung des Journalismus. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 1/2011, S. 5-22.
  • Weischenberg, Siegfried/Malik, Maja/Scholl, Armin: Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz 2006.

Foto: Korre/photocase.com