Produkte der Krise


Von Redaktion Journalistik Journal am 29.03.2011

Warum die Auseinandersetzung mit der Publizistik des Exils höchst aktuell ist – eine Verteidigungsrede

Von Gaby Falböck

Die Exilforschung hat ihr konjunkturelles Hoch längst überschritten. Repliziert man heute auf die Frage nach den wissenschaftlichen Arbeitsgebieten mit dem Hinweis auf den Journalismus des Exils, erntet man entweder Desinteresse oder Unverständnis: Die Felder sind längst bestellt, die biografischen Studien und Monografien zu den prominenten Emigranten und deren Werk geschrieben, die Nachlässe scheinen gehoben, die Zahl der lebenden Zeitzeugen schwindet. Also: Cui bono Exilforschung?

Exilforschung braucht es deshalb, weil sie Antworten auf gesellschaftliche Fragen der Gegenwart zu geben vermag. Dieses Forschungsfeld ist aktueller denn je, denn die gesellschaftliche Debatte über Zuwanderer, Chancen der Integration bzw. Gefahren der Segregation und Exklusion stellt ein politisch hoch brisantes und folglich auch medial höchst präsentes Thema dar. So geriet die kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Problem Migration von einem eher peripheren zu einem sehr zentralen Gegenstand. Aus der anfänglichen Beschäftigung mit der medialen Darstellung von Gastarbeitern, Ausländern und schließlich Migranten ist die Frage nach der Mediennutzung und nicht zuletzt der medialen Repräsentation der Migranten geworden. Unter dem Prisma der Identitätskonstruktion betrachtet, entstehen Ansätze, die das Bild vom Entwurf des Selbst, basierend auf nationale Herkünfte bzw. lokale Lebenswelten, angesichts der transnationalen Vernetzung der Diaspora durch Online-Netzwerke in Zweifel ziehen. Theoretische Ansätze zur medialen Integration loten einen gangbaren Weg aus, um die Kommunikation zwischen Mehr- und Minderheit zu koppeln. Kurzum: So vielfältig die Perspektiven zum Thema Medien und Migration auch sind, so sehr eint die Studien das Merkmal der starken Verhaftung in der Gegenwart. Gleichwohl bei der Suche nach Erklärmodellen gerne Anleihen aus dem angloamerikanischen Raum genommen werden, fällt auf die Historie respektive die eigene(n) Migrationsgeschichte(n) bestenfalls ein Streiflicht. Vom Blickpunkt der Migrationsforscher aus wird die Möglichkeit einer Kopplung der Bereiche historische Exil- und aktuelle Migrationsforschung nur in Ausnahmefällen gedacht.

Die Ursachen dafür mögen wohl auch in den unterschiedlichen Positionen wurzeln, von denen aus die wissenschaftlichen Beobachter agieren: In der Migrationsforschung befasst sich eine Mehrheit mit den im Land lebenden Minderheiten, geht die Blickrichtung vom Zentrum an die Peripherie. Im Falle der Exilforschung dreht sich die Perspektive um 180 Grad: Nun sind es die aus der eigenen Heimat Vertriebenen und damit die Minderheiten innerhalb einer großen Aufnahmegesellschaft, die um ihre Position in der Ökonomie der Aufmerksamkeit ringen. Während in erstgenannter Richtung also ein durchaus hegemonialer Blick zu orten ist, liegt der Fokus in der Gegenperspektive auf einer Gruppe, die ihre Ansprüche an der Bedeutungsproduktion im Migrationsdiskurs artikuliert, jedoch weit weniger Akzeptanz findet. Ein Umstand, der sich auch in der wissenschaftlichen Resonanz wiederfindet. Es wundert daher nicht, dass von Seiten der Exilforschung der Ruf nach einem Brückenschlag zur Migrationsforschung bereits laut wurde (vgl. Borst 1999; Akashe-Böhme 1999), der jedoch meist ungehört blieb.

Die Exilforschung hat sich längst von ihrer ehemals theoriefernen Position entfernt. Die Auseinandersetzung mit den publizistischen Produkten der Migrationsbewegungen der Vergangenheit erfolgt nicht selten ausgestattet mit dem kognitiven Raster der Identitätstheorien. Dieses erfordert gleichermaßen eine kritische Bewertung der Archivalien wie auch der gedruckten, veröffentlichten Quellen. Mit Depkat sind Autobiografien von Migranten Ausdruck eines Kontinuitätsbedürfnisses angesichts eines erfahrenen Kontinuitätsbruchs (vgl. Depkat 2005) und folglich auch auf dieser Folie zu lesen. Ebenso erfahren Exilzeitschriften, verstanden als mediale Plattformen zur Konstruktion des Selbst (vgl. Falböck 2009), eine neue, andere Bedeutung: Sie sind Abbild und Zeugnis eines Alteritätsdiskurses. Es ist der Blick einer Minderheit auf die Mehrheit, eine Ausverhandlung und Bestimmung des Wir vor dem Hintergrund und in scharfer Abgrenzung zu den Anderen. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, geben sie damit Aufschluss über die Variabilität und Position der Anderen. Denn die Anderen sind keineswegs immer dieselben, sie können ihre Eigenschaften verändern – Exilzeitschriften dokumentieren diesen Prozess. Als Negativ desselben Bildes betrachtet, geben sie gleichsam Aufschluss über das Selbstbild der Zuwanderer. Wie beschreiben, erzählen und erklären sie sich selbst? Aus welchen Themen generieren sie ihre Geschichten und damit ihre Geschichte?

In den aktuellen Debatten geht die Angst vor migrantischen Parallelgesellschaften umher. Durch konsequente Berichterstattung reaktionärer wie Boulevardmedien wurde das Bild der abgeschotteten, in den geis­tigen Reservoirs ihrer Herkunftskultur verhaftet bleibenden Zuwanderer geprägt und tradiert. Die Annäherung an die „Fremden“ gestaltet sich schwierig, da die Begegnungen oft durch medial vermittelte Bilder prädeterminiert und folglich von wechselseitiger Irritation gekennzeichnet sind. Auch aus wissenschaftlicher Perspektive schwebt die Frage nach den Zugängen zum Feld abseits folkloristischer Inszenierungen und gastgewerblicher Begegnungen im Raum. Neben den sprachlichen Hindernissen sind es oft institutionelle und strukturelle, die eine Kontaktaufnahme so schwierig machen. Eine Anleihe bei der Exilforschung und eine Betrachtung der medialen Repräsentationen der Zuwanderer als Fenster, das einen kaleidoskopartigen Blick in die Lebenswelten der Migranten ermöglicht, könnten neue Chancen eröffnen.

Dabei gilt es zunächst terminologische Hürden zu nehmen: Denn während die publizistischen Produkte der Zuwanderer in der historischen Perspektive als „Exilzeitschriften“ benannt werden, firmieren sie im aktuellen Diskurs unter dem Begriff „Ethnomedien“. Die Merkmale, Ziele und Rahmenbedingungen sind nur bedingt vergleichbar. Exilzeitschriften entstanden unter schwierigen finanziellen Voraussetzungen, waren oft das Resultat unbezahlter Arbeit von Redakteuren, die das professionelle Handwerk des Journalismus nicht erlernt hatten und diese Tätigkeit auch nach ihrer Zeit im Exil nie wieder ausübten. Diese Zeitschriften richteten sich vor allem an ein Publikum von Zuwanderern, entwarfen Pläne und gaben Hoffnung für die Zukunft, riefen Erinnerungen an die Vergangenheit wach, informierten über die alte Heimat und lieferten Anknüpfungspunkte zur Orientierung in der neuen Welt. Sie waren Plattformen mit dem Ziel, einem gemeinsamen, von Zerrissenheit bestimmten Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen und durch die Artikulation dieser emotionalen Gemengelage zur Stabilisierung des Selbst beizutragen.

Angesichts der Heterogenität jener Medien, die heute unter dem Begriff „Ethnomedien“ subsumiert werden (vgl. Weber-Menges 2006), bedarf es für Analogieschlüsse auf die Gegenwart einer sehr präzisen Auswahl. Gegenstand der Auseinandersetzung sollten daher allein Medien sein, die von Migranten für Migranten im jeweiligen Migrationsland produziert wurden. Gemeint sind damit jene genuinen Ethnomedien, die Weber-Menges in ihren Ausführungen zur Entwicklung dieser Plattformen für die türkische Community in Deutschland als Medien beschreibt und die seit den 1990er Jahren meist von Jugendlichen der zweiten und dritten Generation selbst produziert werden. Intention dieser via Druck, Radio oder Internet veröffentlichten Produkte ist es, dem Einfluss der Medien des Herkunftslandes ihrer Elterngeneration zu entgehen und dem eigenen Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen.

Von dieser Disposition ausgehend repräsentieren Exilzeitschriften ebenso wie Ethnomedien mediale Produkte, deren Wert sich weder an ihrem wirtschaftlichen Output noch an ihrem hohen Verbreitungsgrad bemisst. Ihre tatsächliche Bedeutung liegt in ihrer identitätsstiftenden und -stabilisierenden, nachgerade therapeutischen Funktion: Sie sind das Produkt entstanden in einer Krise und gleichsam Medium zur Überwindung und Bewältigung dieser. Für die historische Forschung lässt sich konstatieren, dass eine kurze Erscheindauer als weiteres wesentliches Kennzeichen von Exilzeitschriften benannt werden kann. Mit Kriegsende und der damit einhergehenden lebensbestimmenden Entscheidung pro oder kontra Remigration verloren die meisten Exilzeitschriften ihre immanente Bedeutung und wurden eingestellt.

Ausgehend von den Erkenntnissen der historischen Perspektive lässt sich für die aktuelle Migrationsforschung ein Katalog an Aufgaben und Fragen formulieren:

  • Zunächst sollte mit der Dokumentation der Ethnomedien begonnen werden, denn ohne die Archivierung – egal ob im Print-, Online- oder Rundfunkformat – geht der Forschung jede Grundlage verloren.
  • In Analogie zu den Befunden der historischen Exilforschung können genuine Ethnomedien einen Blick in eine der Aufnahmegesellschaft meist verschlossene Welt der Migranten bieten. Eine inhaltliche Auseinandersetzung unter dem Prisma der Alteritätsdiskurse könnte deshalb Aufschluss über Selbst- und Fremdbilder der jeweiligen Gruppe wie deren möglichen Wandel geben.
  • Zur Vervollständigung dieses Bildes ist eine Auseinandersetzung mit der Gegenperspektive, also mit den zeitgleich stattfindenden Debatten der Mehrheitsgesellschaft über die jeweilige Minderheit erhellend.
  • Medien mit lokalem bzw. regionalem Fokus können – wie ein jüngeres historisches Beispiel verdeutlichte (vgl. Pöttker/Bader 2009) – aus forschungspragmatischen Überlegungen überaus fruchtbringend sein.

Vor dem Hintergrund einer regelmäßigen, an punktuellen Ereignissen stets neu aufbrandenden Debatte über die Gefahren verfehlter Integrationsbemühungen und gescheiterter Verständigung bieten diese Abbilder eines Diskurses schließlich die Chance, aus den Resultaten und Produkten der Krise auch tatsächliche Lehren zu ziehen.

Literatur:

  • Akashe-Böhme, Farideh (1999): Biographien in der Migration. In: Claus-Dieter Krohn et al. (Hrsg.): Sprache – Identität – Kultur. Frauen im Exil. Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Band 17. München, S. 38-51.
  • Borst, Eva (1999): Identität und Exil. In: Claus-Dieter Krohn et al. (Hrsg.): Sprache – Identität – Kultur. Frauen im Exil. Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Band 17. München, S. 10-23.
  • Depkat, Volker (2005): Der biographische Ort des Exils. Strukturen narrativer Sinnbildung über eine Zäsurerfahrung in den Autobiographien der deutschen Sozialisten Wilhelm Dittmann, Albert Grzesinski, Käte Frankenthal und Toni Sender. In: Claus-Dieter Krohn et al. (Hrsg.): Autobiografie und wissenschaftliche Biografik. Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Band 23. München, S. 30-56.
  • Falböck, Gabriele (2009): Narrative des Dazwischen. Schreiben im Exil als identitätsstiftende Kommunikation in der Krise ausgeführt am Beispiel der österreichischen Exilzeitschrift „Austro American Tribune“. Dissertation Univ. Wien.
  • Pöttker, Horst/Bader, Harald (2009): Gescheiterte Integration? Polnische Migration und Presse im Ruhrgebiet vor 1914. In: Rainer Geißler/Horst Pöttker (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Band 2: Forschungsbefunde. Bielefeld, S. 15-46.
  • Weber-Menges, Sonja (2006): Die Entwicklung der Ethnomedien in Deutschland. In: Rainer Geißler/Horst Pöttker (Hrsg.): Integration durch Massenmedien – Mass Media-Integration. Bielefeld, S. 121-145.

Foto: Lumamarin/photocase.com