Lesermitarbeit im Korsett


Von Redaktion Journalistik Journal am 29. September 2011

Tageszeitungen binden Leser ein, doch ihr Spielraum ist begrenzt

Von Annika Sehl

Online-Kommentare, Votings oder Leserblogs auf Tageszeitungswebsites: Der Bürgerjournalismus hat es vorgemacht, aber schon längst beteiligt auch der professionelle Journalismus sein Publikum verstärkt an der Produktion von Inhalten. Eine empirische Studie analysiert nun erstmals mit einem Methodenmix aus Chefredaktionsbefragung, Inhaltsanalyse und Leitfadeninterviews mit Redaktionsleitern, wie, warum und vor allem mit welchem Ergebnis deutsche Tageszeitungen ihre Leser einbinden – online, aber auch für das Printprodukt. Sie zeigt: Tageszeitungen können über die Formate, die sie anbieten, zu einem guten Teil steuern, was sie von ihren Lesern erhalten.

Die Chefredaktionsbefragung der Tageszeitungen offen­bart, was sich die meisten Chefredaktionen von partizipativem Journalismus erhoffen: die Leser-Blatt-Bindung zu stärken, Feedback zur eigenen Berichterstattung zu erhalten und neue Zielgruppen zu erschließen. Kurz, ökonomische Motive sind ein wesentlicher Grund. Aber auch die Meinungsvielfalt erhöhen zu wollen, gaben die Befragten häufig an. Tatsächlich bietet partizipativer Journalismus Chancen für publizistische Vielfalt. Denn anders als im professionellen Journalismus ist ein Wechsel zwischen Leistungs- und Publikumsrollen nicht nur einigen wenigen Akteuren vorbehalten. Jeder Leser kann zum Kommunikator werden, jedenfalls im von der Zeitung festgelegten Umfang. Dahinter steht die Annahme, dass eine Vielzahl von Laienkommunikatoren dazu beitragen könnte, Themen abzudecken und Perspektiven einzuführen, die professionelle Journalisten vernachlässigen.

Die Inhaltsanalyse ergründete diese These für den Lokalteil von drei in einer Vorstudie ausgewählten Tageszeitungen, „Braunschweiger Zeitung“, „Rheinische Post“ und „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, an 24 per Zufallsauswahl gezogenen Erhebungstagen aus einem Jahr. Dabei wurden sowohl klassische Formate wie der Leserbrief berücksichtigt als auch Online-Formate, die in den Lokalteilen abgedruckt waren. Die Inhaltsanalyse belegt, dass die Leserbeiträge in sich durchaus vielfältig waren. Sie deckten eine Bandbreite an Formaten, Themen, Handlungsträgern, Lob und Kritik ab. Im Vergleich zur redaktionellen Berichterstattung setzten sie jedoch nur selten neue Themen, sondern waren in der Regel eine Reaktion auf vorherige Berichterstattung oder folgten einem redaktionellen Aufruf, beispielsweise seine Meinung zu einem bestimmten Thema zu sagen. Nur die „Braunschweiger Zeitung“ bildete hier eine Ausnahme, denn sie ermöglichte ihren Lesern, z. B. mit dem Format eines Lesertelefons, neue Themen einzubringen. Die anderen beiden Zeitungen setzten vor allem auf Feedbackformate. Im Gesamtsample steuerten die Leserbeiträge in der Folge auch überwiegend Meinungen und kaum neue Informationen bei.

Wollen Zeitungen mehr als nur das, sollten sie mit weiteren Möglichkeiten aus dem Bürgerjournalismus wie Crowdsourcing experimentieren. Auf der anderen Seite sichern die Redaktionen mit ihrem bisherigen Weg eine Relevanz der Themen, vorausgesetzt, dass diese bereits im professionell erstellten Beitrag gegeben war.

Sowohl die Chefredaktionsbefragung als auch die Leitfadeninterviews mit den Leitern der jeweiligen Lokalredaktionen belegen, dass die Redaktionen Leserbeiträge nach Kriterien wie Aktualität und (lokaler) Relevanz auswählen. Sie entsprechen klassischen Auswahlroutinen im Journalismus. Das unterstreicht nochmals, dass sie versuchen, die Lesermitarbeit in den Rahmen ihrer Profession zu integrieren und nach deren Regeln zu managen.

Der Spielraum für partizipativen Journalismus ist bei Tageszeitungen also – zumindest wenn dafür Platz in der gedruckten Ausgabe freigehalten werden muss – eng definiert und erkundet längst nicht alle Möglichkeiten, die im Bürgerjournalismus möglich sind. Die Themen setzen nach wie vor die professionellen Journalisten. Gleichwohl ist auch das im Sinne eines diskursiv verstandenen Journalismus eine Möglichkeit, dass Journalisten zur Diskussion bestimmter, gesellschaftlich relevanter Themen aufrufen. Dabei können sie Akteuren, Themen oder Meinungen zu Gehör verhelfen, die sonst benachteiligt oder unterrepräsentiert sind.

Foto: imago/Steinach