Kooperation kann sich auszahlen


Von Redaktion Journalistik Journal am 29.03.2011

Auswirkungen des gemeinsamen Newsdesks auf Qualität und Vielfalt in der Mantelberichterstattung von WAZ, NRZ und WR

Von Lars Rinsdorf

Große Verlagsgruppen wie der Axel-Springer-Verlag oder die Mediengruppe DuMont Schauberg verzahnen in jüngster Zeit die bisher eigenständigen Redaktionen ihrer Zeitungstitel enger miteinander. Auch die WAZ-Gruppe hat 2009 für ihre Ruhrgebietstitel NRZ, WAZ und „Westfälische Rundschau“ (WR) einen gemeinsamen Newsdesk (Contentdesk) für die Mantelberichterstattung eingerichtet. Die Kooperation zwischen Redaktionen hat sich also längst zu einem Trend entwickelt. Damit gewinnt auch die Frage an Bedeutung, wie sich redaktionelle Kooperationen auf die Produktqualität der beteiligten Titel auswirken. Aus Sicht der Markenführung ist zudem interessant, wie gut es gelingt, die Marken­identität der beteiligten Titel zu erhalten. Schließlich stellt sich die Frage nach den Auswirkungen auf die publizistische Vielfalt.

Wir sind diesen drei Aspekten am Bespiel der NRZ, der WAZ und der WR nachgegangen. Dabei interessierte in dieser von der Hans Böckler Stiftung und der Stiftung Presse-Haus NRZ finanzierten Fallstudie nicht das Organisationsmodell im Detail, sondern die Auswirkungen der organisatorischen Veränderungen auf die Produkte, genauer gesagt die Mantelteile der drei beteiligten Tageszeitungen. Denn an den Konsequenzen im Produkt muss sich eine organisatorische Veränderung aus Kundensicht letztlich rechtfertigen. Damit rückt die Leistung jedes einzelnen der drei kooperierenden Blätter in den Mittelpunkt. Gleichwohl behielten wir in der Studie auch das Gesamtangebot der drei Titel im Blick, um Aussagen über Markenprofile und Vielfaltsbeiträge treffen zu können.

Qualität und Vielfalt der Mantelberichterstattung vor und nach der Einführung eines zentralen Newsdesks wurden in einer Inhaltsanalyse untersucht. Wir verglichen jeweils das erste Buch. Insgesamt gingen 3.725 Beiträge aus dem September 2008 und November 2009 in die Analyse ein. Da wir jeweils zwei zusammenhängende Wochen auswerteten, konnten wir die Berichterstattung über Schwerpunktthemen nachzeichnen.

Die Inhaltsanalyse hatte ein quantitativ-qualitatives Mischdesign: In einer quantitativen Stufe analysierten wir Qualität und Vielfalt der redaktionellen Berichterstattung mit Hilfe weniger Schlüsselindikatoren, um grundsätzliche Veränderungen im publizistischen Output auf einer breiten empirischen Basis dokumentieren zu können. Bei der Analyse legten wir die von Rager (1994) begründeten Analysedimensionen Aktualität, Richtigkeit, Relevanz und Vermittlung zugrunde. In einer qualitativen Stufe untersuchten wir leitfragengestützt alle Themen, die im Untersuchungszeitraum alle drei Titel aufgriffen, um so insbesondere die Vielfaltsbeiträge der einzelnen Titel abzuschätzen.

Wie wirkt sich nun die Einführung eines gemeinsamen Newsdesks auf die Qualität der Mantelberichterstattung aus? Diese Frage muss je nach Qualitätsdimension unterschiedlich beantwortet werden: Während sich bei Grundanforderungen wie Richtigkeit und Aktualität in beiden Untersuchungswellen kaum Unterschiede ergeben, haben sich die Relevanz der Beiträge und die Vermittlungsqualität partiell gesteigert.

Die Relevanz haben wir dabei aus Sicht der Leser analysiert: Werden Bezüge zum Alltag dargestellt oder werden die Konsequenzen von überregionalen Themen auf die Region geschildert? Die Befunde sind hier durchwachsen. Alltagsbezüge haben in beiden Wellen Seltenheitswert: Nicht einmal jeder zehnte Beitrag weist zum Beispiel auf die Folgen einer politischen oder wirtschaftlichen Entwicklung auf die Lebenswelt der Nutzer hin. Dagegen brechen die drei Titel nach der Einführung des Newsdesks häufiger als vorher nationale Themen in die Region herunter.

Auch die Vermittlungsqualität hat sich gesteigert. Hier haben wir die Textverständlichkeit entlang der Dimensionen Einfachheit, Kürze und Gliederung untersucht. Dabei konzentrierten wir uns auf den Anteil defizitärer Artikel. Aus dieser Perspektive zeigt sich, dass die Texte in der zweiten Untersuchungswelle einfacher und kürzer geworden sind. So konnte etwa die WAZ den Anteil defizitärer Texte in der Dimension Kürze von 25 auf sieben Prozent reduzieren. Darüber hinaus erfüllen die Artikel nach der Einführung eines gemeinsamen Newsdesks eher die spezifischen Qualitätskriterien unterschiedlicher Darstellungsformen, zum Beispiel die Frageformulierung bei einem Interview. Dagegen ist der Anteil aufwändigerer Darstellungsformen wie Reportagen, Interviews oder Features insgesamt stabil geblieben.

Tendenziell scheint sich also die Umstellung hinsichtlich der Produktqualität auszuzahlen. Der Preis dafür könnte ein Verlust an Unterscheidbarkeit sein, aber diesen Preis haben die untersuchten Titel bisher nur in geringem Umfang zahlen müssen: Sie setzen, so zeigt unsere qualitative Analyse, auch in der zweiten Untersuchungswelle im Herbst 2009 thematische Schwerpunkte. Profilbildend ist allerdings in erster Linie die Kommentierung, wobei die Anteile titel-exklusiver Kommentare in der ersten Untersuchungswelle noch deutlich höher lagen. Dennoch beschäftigten sich in der zweiten Untersuchungswelle je nach Titel zwischen 30 und 50 Prozent aller Kommentare mit Themen, die keiner der anderen Titel aufgreift.

Artikelübernahmen sind auch ein wesentlicher Grund dafür, dass die Berichterstattung in der gesamten Gruppe seit der Einführung des Newsdesks weniger vielfältig ist. Wenn man nur jeweils den einzelnen Titel betrachtet, macht sich dies zunächst allerdings nicht bemerkbar: Hier ist die durchschnittliche Anzahl der Akteure, Positionen und Argumente in beiden Untersuchungswellen weitgehend stabil. Wer also nur die NRZ, die WAZ oder die „Rundschau“ liest, bekommt kein weniger differenziertes Bild als vor der Einführung des Newsdesks.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich dagegen in der vergleichenden qualitativen Analyse der Schwerpunktthemen, die die Berichterstattung in den Untersuchungszeiträumen prägten. Hier lässt sich auf vielen Ebenen zeigen, dass die drei Blätter weniger titel-exklusive Informationen liefern. Besonders stark ist dieser Effekt in der Regionalberichterstattung im Mantel. Hier greifen die Redaktionen seit der Reorganisation seltener Themen auf, die in den anderen beiden Titeln fehlen. Zwar gab es schon in der 2008er-Welle eine starke Kongruenz bei landespolitischen Spitzenthemen, aber diese wurden durchaus unterschiedlich gewichtet und in eigenen Texten aufbereitet. In der 2009er-Stichprobe stießen wir dagegen auf deutlich mehr Überschneidungen.

Auch in der Berichterstattung über bundespolitische Themen scheint sich die Perspektive einzuengen. In der stärker agenturgetriebenen Berichterstattung über Wirtschafts- und Auslandsthemen sind die Vielfaltsverluste von der ersten zur zweiten Untersuchungswelle dagegen moderater. Zudem zeigt sich, dass bei innenpolitischen Themen nach wie vor Spielräume für eine eigenständige Aufbereitung bestehen.

Insgesamt werden die Spielräume, die das neue Organisationsmodell prinzipiell bietet, von den Titeln selten ausgeschöpft, und zwar gerade auf der regionalen Ebene, die für den Wettbewerbserfolg besonders entscheidend ist. Dies ist auch insofern bemerkenswert, als dass die WAZ-Gruppe explizit anstrebt, dass die Titelredaktionen das Material aus dem Newsdesk titelspezifisch weiter aufbereiten. Zwar gibt es durchaus positive Ansätze: So brechen die drei Titel häufiger als vorher nationale Themen in die Region herunter. Aber gleichzeitig bleiben Alltagsbezüge dünn gesät. Ebenso werden Themen stilistisch nicht vielfältiger dargestellt. Genau dies wäre aber erforderlich, um die Titel als Qualitätsmedien zu positionieren.

Dennoch liefern die Befunde unserer Studie keine Hinweise darauf, dass verstärkte Kooperationen zwischen einzelnen Titeln deren publizistische Leistungsfähigkeit per se schwächen müssen. Vielmehr deuten sich auch die Potenziale an, die solche Organisationsmodelle bieten. Wenn sich dennoch Defizite zeigen, muss sehr genau geprüft werden, ob diese den Modellkonstruktionen anzulasten sind oder einer inkonsequenten Umsetzung. Unsere Untersuchung zeigt aber schon jetzt, dass die weitgehend einhellige Verurteilung der organisatorischen Veränderungen bei der WAZ durch die Medienkritik zumindest voreilig war. Gleichwohl lässt sich fragen, ob sich der beträchtliche Umfang der Reorganisation aus publizistischer Sicht ausgezahlt hat.

Literatur:

  • Rager, Günther (1994): Dimensionen der Qualität. Weg aus den allseitig offenen Richterskalen? In: Günter Bentele/Kurt R. Hesse (Hrsg.): Publizistik in der Gesellschaft. Festschrift für Manfred Rühl. Konstanz, S. 189-210.
  • Rinsdorf, Lars (2011): Kooperation: Fluch oder Segen? Auswirkungen eines gemeinsamen Newsdesk auf Qualität und Vielfalt der Berichterstattung. In: Jens Wolling/Andreas Will/Christina Schumann (Hrsg.): Medieninnovationen. Wie Medienentwicklungen die Kommunikation in der Gesellschaft verändern. Konstanz. (im Druck)

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