Alles neu?


Von Redaktion Journalistik Journal am 29. September 2011

Editorial

Von Tobias Eberwein

Medienkritik ist nichts Neues. Auch wenn der kritische Diskurs über Journalismus und Medien in der heutigen Erregungsgesellschaft, beflügelt durch web-basierte Themenschleudern wie Twitter oder Facebook, so lebendig ist wie nie zuvor – es gibt ihn schon lange, so lange, wie es Medien gibt.

In kaum einem Bereich wurde und wird dieser Diskurs jedoch so lautstark und emotional geführt wie im Sportjournalismus. Warum das so ist, zeigen die Beiträge zum Titelthema dieser Ausgabe des „Journalistik Journals“. „Kein anderes Ressort im Journalismus ist derart von Ökonomisierungs- und Kommerzialisierungsprozessen betroffen wie das Sportressort“, stellt Michael Schaffrath in seiner kritischen Bilanz zur bisherigen Sportkommunikatorforschung fest. Christoph Bertling beschreibt eine „schwierige Gratwanderung des Sportjournalismus“ zwischen Aufklärung und Entertainment. Weitere Analysen widmen sich spezifischen Problemen und Herausforderungen des Berichterstattungsfeldes: unter anderem dem (Vor-)Urteil, dass Sportjournalisten in Wirklichkeit schlecht getarnte Fans sind, die am liebsten selbst eine Sportkarriere gestartet hätten (Michael Steinbrecher); dem unübersehbaren „Sexualisierungsdruck“, der sich vor allem in der redaktionellen Darstellung von Sportlerinnen bemerkbar macht (Jörg-Uwe Nieland und Daniela Schaaf); und den zahlreichen Widrigkeiten, mit denen Sportjournalisten bei der Berichterstattung etwa über Korruption (Daniel Drepper) und Doping (Angelika Mikus) zu kämpfen haben.

Einfache Lösungen für diese Probleme können unsere Autoren nicht anbieten. So verweist Thomas Horky zwar auf die besonderen Chancen, die beispielsweise soziale Netzwerkmedien bei der Berichterstattung über Sport-Großereignisse mit sich bringen. Gleichzeitig stellt er jedoch fest, dass ein verstärkter Einsatz von Social Media auch mit zahlreichen Folgeproblemen verbunden ist, die den vermeintlichen Mehrwert relativieren. Ein Vademecum für den Sportjournalisten ist dieses Heft also nicht.

Wohl aber kann es helfen, viele der häufig beklagten Fehlentwicklungen der Sportberichterstattung zu verstehen, ohne sie damit entschuldigen zu wollen. So erklärt etwa Christoph Bertling, dass Sportjournalismus, historisch betrachtet, gerade nicht aus einem aufklärenden Anspruch heraus entstanden ist, sondern als Unterhaltungsprodukt: „Von Anfang an wurde Sport als Berichterstattungsobjekt genutzt, um die Massen durch populäre Inhalte anzusprechen. Zahlreiche Events, beispielsweise die Tour de France, wurden seitens der Medien als Berichterstattungsobjekt geschaffen. Entsprechend entwickelte sich nicht das gleiche Selbstverständnis wie in anderen Ressorts: Viele Sportjournalisten verstehen sich als Teil der Unterhaltungsindustrie, haben nicht dieselbe Distanz.“ Während emotional aufgeheizte Pauschal-Kritiken meist wenig Kon­struktives leisten, tragen Analysen wie diese zu einer Versachlichung der Diskussion über den Sportjournalismus bei – und können damit, hoffentlich, das Qualitätsbewusstsein bei seinen Akteuren umso nachhaltiger steigern.

Einen faktenbasierten Diskurs über den Journalismus in der Gesellschaft, einen Austausch zwischen journalistischer Praxis und Journalismusforschung – diese Ziele verfolgt das „Journalistik Journal“ nun bereits seit über 13 Jahren. Auch in dieser Hinsicht bietet das neue Heft also wenig Neues. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass der Gründungsherausgeber dieser Zeitschrift, Horst Pöttker, die Verantwortung für die Publikation mit der vorliegenden Ausgabe in andere Hände übergibt: Gemeinsam mit der bisherigen Redaktion führt ab sofort Susanne Fengler, Professorin für internationalen Journalismus am Dortmunder Institut für Journalistik und Geschäftsführerin des Erich-Brost-Instituts für internationalen Journalismus, das Konzept des „Journalistik Journals“ fort. Damit sind einige inhaltliche Innovationen verbunden:

Zum einen wird der internationalen Medienberichterstattung künftig mehr Raum gegeben. Im Heft macht sich dies durch die Einrichtung eines dauerhaften Ressorts „Journalismus international“ bemerkbar. Die Beiträge dieses Ressorts entstehen in Zusammenarbeit mit der Redaktion der deutschsprachigen Webseite des „European Journalism Observatory“, die ebenfalls am Erich-Brost-Institut angesiedelt ist und von Tina Bettels geleitet wird.

Zum anderen wird auch der erste Heftteil, ursprünglich einem kurzen Nachrichtenüberblick vorbehalten, in das Ressort „Journalismus in Deutschland“ ausgeweitet. Ziel ist es, ein breiteres Forum für Diskussionen jenseits des Schwerpunktthemas zu schaffen – und das „Journalistik Journal“ damit zu einer Fachzeitschrift für die gesamte Journalistik zu machen, nicht nur für einen kleinen Ausschnitt daraus.

Es ist somit nicht alles neu in dieser JoJo-Ausgabe. Ich hoffe aber, dass das Neue ebenso gefällt wie das Bewährte. Kritik ist natürlich trotzdem willkommen – am Sportjournalismus ebenso wie an dieser Zeitschrift.