Achtsamkeit – Grundzüge eines integralen Journalismus


Von Redaktion Journalistik Journal am 29. März 2011

Leitwerte zur Fortführung der Qualitätsdebatte auf der Ebene der Tiefenkultur

Von Claus Eurich

Über das Alltagsverständnis hinausgehend, haben Begriff und Bedeutung von „Achtsamkeit“ in den letzten Jahrzehnten eine steile Karriere erlebt. Die Verbreitung buddhistischer Philosophie/Spiritualität im Westen hat daran einen entscheidenden Anteil, aber auch die Integration von Achtsamkeitskonzepten in Medizin, Psychotherapie, Pädagogik und Führungshandeln. Eine transdisziplinär verbindliche Definition von Achtsamkeit/Mindfullness gibt es zwar nicht, doch lassen sich einige zentrale Eckwerte markieren, die über Einzelsichtweisen hinausgehend allgemeine Akzeptanz finden.

Achtsamkeit steht für eine innere Haltung und Ausrichtung des Menschen, die sich als Lebenshaltung auf alles Tun und Nicht-Tun bezieht und die Trennung zwischen beiden auflöst. Unmittelbar im Hier und Jetzt der Gedanken, Gefühle, Haltungen und Handlungen zu sein, im Augenblick zu verweilen, ohne sich in Vergangenheit oder Zukunft wegzuträumen, ist dabei die Schlüsselanforderung. Zu dieser Präsenz gehört eine bewusste, intentional aufmerksame, wache und respektierende Grundhaltung gegenüber allen Wahrnehmungen und Bewusstseinsinhalten. Ich lebe in Zeugenschaft statt Beurteilung, bewege mich in Multiperspektivität statt in den eindimensionalen Mustern meiner eingeschliffenen Sichtweisen, Routinen und Gewohnheiten. Achtsamkeit zielt auf Ganzheit und die Essenz des Seins. Sie ist integral statt parzellierend, holarchisch statt hierarchisch, gelassen statt in der Zwangsjacke von Emotionen. Sie wirkt hin auf die Synchronisation von Gefühl und Verstand und wird zur Basis jeder Selbstreflektion, die tiefer ist als eine zirkuläre und egozentrische Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung.

In der Weise der Kommunikation – mit uns selbst, mit der Um- und Mitwelt – findet Achtsamkeit als Ethos seine reinste Gestalt. Denn Leben heißt Kommunizieren. Kommunikation ist an das ganze Person-Sein gebunden. Bei ihr geht es immer um den Zusammenhang der physischen/leiblichen, psychischen und sozialen Situation und eine entsprechende Präsenz. Aus dieser Gesamtheit erst erwächst dann auch Mit-Teilung, die mehr ist als Informationstransfer, nämlich ein Miteinander-Teilen auf der Informations- und Beziehungsebene.

Das umfassende, Ausdrucks-, Inhalts- und Beziehungsaspekte integrierende Wesen der Kommunikation macht diese hochkomplex und damit störanfällig. Schließlich bringt sich jeder Mensch trotz allen Bemühens und aller Achtsamkeit auch immer mit hinein in die Begegnung – mit all seinen Wahrnehmungsspezifika, Emotionen, Verwundungen, Erwartungen, situativen Belastungen oder Hochphasen etc. Und das Gegenüber bringt sich gleichfalls mit. Kommunikation im Vorzeichen dieser Komplexität wird so zum Ringen um die gemeinsame Schnittmenge und ihre kontinuierliche Vergrößerung. Sie wird zur Arbeit an der Fläche und dem Raum, der eine möglichst große gegenseitige Resonanz ermöglicht, um dem Verfehlen einer Begegnung, der Vergegnung, vorzubeugen. Dieses Verständnis von Kommunikation setzt nicht nur die Annahme des Du, sondern vor allem auch Selbstannahme voraus. Trete ich mir und meinen Inter­essen bzw. meinen Bedürfnissen nicht mit Verständnis gegenüber, wird mir dieses in Ehrlichkeit und Tiefe auch kaum hinsichtlich des Anderen gelingen. Mich selbst und den Anderen im Prozess der Kommunikation wahrhaftig anzunehmen, das meint, zu mir und zu dem Du als Mensch Ja sagen. Eine Begegnung immer bereits vorprägende, vorgefasste Meinungen und Urteile sind tödliches Gift dafür.

Achtsamkeit und feinsinnige Bewusstheit nach „innen“ und nach „außen“ bilden die Schlüsselkoordinaten einer Schule kommunikativer Kompetenz. Nicht nur das, was wir als Wirklichkeit bezeichnen, ist gemäß den Feldenergien unseres Bewusstseins immer mehrdimensional und mehrdeutig. Multiple Wertvorstellungen und Beurteilungsmaßstäbe begegnen uns in nahezu jeder kommunikativen Situation und Begegnung. Sollen Krisen vermieden oder gelöst werden, erfordert diese Komplexität eine in der Tiefe verstehende (hermeneutische) Zuwendung zur jeweiligen Situation in Raum und Zeit und zur Vielfältigkeit und Deutungsheterogenität der (aus)gesprochenen Sprache.

In der Achtsamkeit bezüglich unserer Wirklichkeitswahrnehmungen trennen wir Beobachtung und Bewertung. Diese Trennung betrifft sowohl jede unmittelbare Wahrnehmung/Wahrnehmung erster Ordnung als auch die Wahrnehmung von uns selbst. Wir beobachten uns gleichsam in unserer Rolle als Beobachter und schaffen damit die notwendige Distanz zu dem Eigensinn, der ja auch jede unserer eigenen Beobachtungen prägt und zu verfremden vermag.

Was die achtsame interpersonale Kommunikation in ihren Grunderfordernissen auszeichnet, kann in der Folge auch auf einen Journalismus übertragen werden, der sich an dem gesellschaftlichen Ideal der Verständigung und Verständigungsorientierung ausrichtet. Für ihn ist das Konzept bzw. die Haltung der Achtsamkeit grundlegend und zwar sowohl, was die Akteure des Systems, die Journalisten betrifft wie auch die Systemorientierung selbst. Verstehen wir Journalismus als eine auf Öffentlichkeit zielende systemische Weise der Kommunikation und als das zentrale Instrument, mit dem Gesellschaft zu sich selbst in Kontakt tritt und sich selbst beobachtet, dann wird dies deutlich. Nun sind diese Gedanken gewiss nicht neu, und sie haben einen Niederschlag in diversen rechtlichen Bestimmungen, journalis­tischen Kodices und vor allem der Qualitätsdebatte gefunden. Das dort Nieder- und Festgeschriebene bildet an sich ein solides Fundament, um sich dem Ideal demokratischer Öffentlichkeit professionell und rechtsstaatlich anzunähern. Offen bleibt dabei jedoch zumeist die Frage, was das auf der tiefenkulturellen Ebene bedeutet – und zwar sowohl hinsichtlich der persönlichen Haltung der Journalisten als auch des systemischen Selbstverständnisses selbst. Das Konzept der Achtsamkeit kann hier Orientierungen bieten.

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Die folgenden Leitwerte greifen Überlegungen auf, die ihren Ursprung in den diversen Konzepten der gewaltfreien Kommunikation sowie diskurstheoretischen Ansätzen finden, führen diese weiter, ergänzen und integrieren sie.

Wahrhaftigkeit

Journalismus in seinem Grundauftrag wird getragen von der Wahrheitsliebe und der wahrhaftigen Aussage in Text, Ton und Bild. Die Forderung nach einer Wahrheit an sich mit dem sie prägenden interkulturellen und intersubjektiven Absolutheitsanspruch kann dabei selbstredend nie eingelöst werden. Eine in sozialen Kontexten stehende und in kulturellen Kontexten sozialisierte und wahrnehmende Person beob­achtet, erklärt und urteilt immer standortgebunden. Um Wahrheit als ein absolutes Gut also kann es in der Kommunikation sowie im Journalismus nicht gehen. Was möglich ist, ist das Streben nach Wahrhaftigkeit und den immerwährenden Versuch des Ringens um eine teilbare „Wahrheit“ als Verständigung.

Dieses Streben braucht das Wollen und die Kompetenz des Kommunizierenden, Formulierenden und Argumentierenden, sich die notwendigen sprachlichen und Ausdruck bezogenen Mittel anzueignen und sie kontinuierlich zu verfeinern. Reinheit, Klarheit und Logik in der Sprache bilden als Elemente der Verständlichkeit das Fundament von Wahrhaftigkeit. Sie liegen der Eindeutigkeit verwendeter Worte, Begriffe und Ausdrucksweisen zu Grunde und beugen zugleich dem Problem vor, sich selbst zu widersprechen. Zur journalistischen Kompetenz gehört in diesem Kontext, sich der Prägung der eigenen Sprache durch die biografischen, kulturellen und professionellen Bezüge, in denen ich stehe, bewusst zu werden. Die Reflektion dieser Bezüge schwächt die allseits präsente Versuchung, sich in so genannten kulturellen und/oder politischen Selbstverständlichkeiten, Selbsttäuschungen, bequemen Falschheiten und tröstlichen Illusionen einzurichten. Sie weist den Weg zu der mir möglichen Authentizität und Aufrichtigkeit. Es wird oft übersehen, dass auch bei so genannten sachlichen oder sachbezogenen Auseinandersetzungen und Klärungsprozessen es als geradezu existenziell anzusehen ist, seine doch immer präsenten Gefühle, Erwartungen, Hoffnungen und Ängste im Bewusstsein zu halten und sie ggf. zu kommunizieren, genau wie die Selbst- und Fremdbilder, die ich in mir trage. Erst die Offenheit hinsichtlich der Topographie meiner Innenwelten und ihre Transparenz – soweit dies dem journalistischen Vermittlungsauftrag dient – macht das gesprochene und wie auch immer vermittelte „Wort“ aufrichtig und wahrhaftig.

Geist des Nichtverletzens

Auf der Kehrseite der Wahrhaftigkeit liegen die Lüge und ihre Vorstufen: Hohle Phrasen, Gerüchte, Gerede um des Geredes, Worte um der Worte, Bilder um der Bilder willen. Es sind Botschaften und Informationen ohne Wurzeln. Und sie hinterlassen, wenn auch gelegentlich nicht sofort spürbar und ersichtlich, eine Wunde auf beiden Seiten, der des Rezipienten und der des Verursachers. Wahrhaftigkeit ist deshalb, trotz der Klarheitsschmerzen, die auch sie bereiten kann, der Schlüssel für jede nichtverletzende Kommunikation und jeden nichtverletzenden, deeskalierenden Journalismus. Zur Kunst dieses Journalismus gehört allerdings auch, keine neuen Wunden im Namen der Wahrhaftigkeit zu reißen. Zwischen dem vermeintlichen Erkennen der Wahrheit, der Verhinderung ihrer Beugung und der Notwendigkeit, sie tatsächlich auszusprechen, liegen erhebliche Spielräume. Wer etwa versagt hat oder gescheitert ist und dies erkannt hat, in dessen Wunde sollte journalis­tisches Handeln nicht noch zusätzlich das Salz der Publizität und der kontinuierlichen öffentlichen Ausschlachtung und Wiederholung streuen. Sei der Betroffene auch noch so prominent. Dies ist der Rücksicht auf die Würde des Betroffenen, auf sein immer mit berührtes soziales Umfeld geschuldet, aber auch der intentionalen Klarheit des journalis­tischen Akteurs selbst. Als Maßstab kann dabei dienen, inwieweit das Veröffentlichte dem journalistischen Grundauftrag nach Information, Meinungsbildung, notwendiger Kritik und Kontrolle und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Erkenntnis- und Entwicklungsfortschritt genüge tut. Notwendige Kritik schließlich kann immer als Klarheit durch Beschreibung einer Situation geäußert werden. Sie bedarf nicht unbedingt zusätzlicher Urteile.

Es gibt allerdings auch ein missverstandenes Nichtverletzen durch Kommunikation. Das Bemühen, solche Menschen, Menschengruppen, aber auch größere Kollektive wie Religionsgemeinschaften oder selbst Staaten ja nicht bewusst zu verletzen, die ständig eine erhöhte Verletzbarkeit, Überempfindlichkeit und Kränkbarkeit signalisieren, gesteht diesen eine spezifische Machtposition zu. Gleichzeitig führt es zu chronischen und oft unterschwelligen Konfliktsituationen. Die Instrumentalisierung von Schwäche und Ohnmacht ist weit verbreitet. In Partnerbeziehungen, im sozialen Miteinander und selbst auf zwischenstaatlicher Ebene bedienen sich Menschen und Gruppen der Ohnmachts- und Opferrolle, um Vorteile zu erzielen. Wer empört sich schon gegen den, der seine – oft inszenierte – Handlungsunfähigkeit zur Schau stellt und mit ihr kokettiert? Mit der Schwäche als Macht, ja Gewalt, soll erreicht werden, was anders nicht erreichbar schien. Hinter heuchlerischer Ohnmacht lauert zumeist ein verdeckter und unausgesprochener Machtanspruch. Zum Nichtverletzen in einem weiteren Sinne gehört deshalb die Thematisierung der missbrauchten „Schwäche“.

Empathie

Empathie hebt als spezifischer Wahrnehmungsakt in das Bewusstsein, was Menschen bewegt und verbindet. Sie bewegt sich vorsichtig tastend zwischen Nähe und Distanz, Fremd- und Selbstwahrnehmung, Ich- und Wir-Verständnis. Als journalistische Tugend umschreiben lässt sich diese behutsame Bewegung als Zeugenschaft, die bemüht ist, Vergleiche zu vermeiden. Als Zeuge bin ich zunächst nicht an einer sachlich, zeitlich oder auf Personen/Kollektive gerichteten Problemlösung betei­ligt. Vielmehr suche ich die Begegnung mit dem, was das journalistische „Du“ als Person, Kollektiv oder Sachzusammenhang bewegt. Für den empathischen Zugang zu einzelnen Menschen oder Kollektiven ist die Reduktion auf den Akt der Begegnung grundlegend. Sie macht die Empathie unterscheidbar von Mitleid, Sympathie oder Antipathie, verhindert, sich mit Personen oder Dingen gemein zu machen. Die fremde Befindlichkeit, die in der journalistischen Begegnung einfühlsam wahrgenommen wird, darf nicht zur eigenen des Journalisten werden, wenn er eine Situation und die Anteile anderer Menschen daran verstehen und sie in der Folge angemessen vermitteln will. Werden fremde zu eigenen Gefühlen, löst sich die für die Zeugenschaft unverzichtbare Beob­achterperspektive auf. Die Koordinaten verschieben sich hin zu Sympathie oder Antipathie. Die Tiefe des Verstehenwollens mündet allzu leicht darin, sich mit etwas zu identifizieren oder es zu verurteilen. Die Kunst der Empathie besteht jedoch darin, zu verstehen, ohne das Verstandene zu rechtfertigen oder zu entschuldigen; zu verstehen, ohne sich in Abscheu abzuwenden; zu verstehen, ohne die Unterscheidung in Opfer und Täter, wenn solche Rollen bestehen, zu nivellieren. Das einfühlende Verstehen, das wir Empathie nennen, setzt die Bereitschaft zur Ausrichtung auf das Gegenüber und es setzt Empfänglichkeit voraus. Es lebt von der intrinsischen Bereitschaft, das zunächst möglicherweise Fremde, Ungewohnte und auch Unverständliche trotzdem verstehen zu wollen. Es erfordert die Fähigkeit, zwischen Fühlen, Denken und Analysieren permanent zu wechseln, damit im Wechsel der Beziehungsfaktoren Bedeutungs- und Verhaltensmuster transparenter werden. Erschwert wird dieser hochkomplexe Verstehensprozess noch dadurch, dass die Personen oder Sachverhalte, denen wir uns verstehend zuwenden, kontextuell und geschichtlich eingebunden sind. Das zu Verstehende lebt immer zugleich in unterschiedlichsten kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Bezugssystemen und entsprechenden prägenden Mustern. Auch diese Faktoren gilt es mit zu erfassen und mit zu bedenken. Dass sie nicht selten zusätzlich in direkter Konfrontation zu denen des journalistischen Beobachters stehen, weist auf ein Folgeproblem hin. Bevor ich in der Lage bin, den Anderen oder das Andere zu verstehen, muss ich mich als journalistischer Akteur selbst erkannt und verstanden haben, um Überlagerungen, Projektionen und blinden Flecken so weit wie möglich vorzubeugen, aber auch, um die Gründe zu verstehen, wenn eigene Emotionen das Fremdverstehen blockieren. Die Reflektion der eigenen Wahrnehmungskoordinaten gehört zu diesem Vorgang des Selbstverstehens.

Empathisches journalistisches Handeln verzichtet auf die Vormachtstellung der eigenen Kategoriensysteme und daraus abgeleiteter Meinungen und Urteile. Sie wären Gift für jegliche Wahrnehmung, Selbst- und Fremdwahrnehmung und alle daraus resultierenden Folgen und Folgefolgen. Auch wenn es ein oft uneinlösbarer Anspruch scheint, die eigenen Gefühle und Bewertungen situativ außer Kraft zu setzen, so können große Schritte in diese Richtung bereits dadurch gegangen werden, dass ich sie mir bewusst mache und gleichsam wie in einem Spiegel anschaue.

Hören

Zur Verbesserung der journalistischen und der kommunikativen Kompetenz an sich gibt es unterschiedlichste Aus- und Weiterbildungsangebote, die helfen, sich in Sprache, Mimik und Gestik angemessen auszudrücken. Selten aber werden sie mit der immer zunächst erforderlichen Anforderung konfrontiert, sich im rechten Hören zu üben. Hören ist in unserer Kultur zu einem nahezu vergessenen Kulturgut geworden.

Das rechte Hören verlangt mehr als bloßes Nicht-Sprechen, als äußeres Still-Sein. Sich etwa innerlich bereits mit Reaktionen auf das zu beschäftigen, was das Gegenüber gerade sagt, sich also in der, wenn auch nicht ausgesprochenen Gegenrede zu üben, hat mit Hören in seiner Vollgestalt kaum etwas zu tun. Gesammeltes Hören beruht auf gesammeltem, tiefem Schweigen. Es schweigt das innere Mitsprechen, es schweigt das innere Argumentieren, noch während das Gegenüber spricht. Solches Schweigen sagt ja zum Anderen. Es ist Hören mit der Seele. Es gibt der Rede Sinn und ermöglicht dem Wort des Anderen das Gewicht, das ihm zusteht.

Wahrhaft zuhören, gerade auch in der Situation eines Interviews oder einer medialen Gesprächsrunde, entfaltet schöpferische Energie. Es ermöglicht den, dem ich zuhöre, und es ermöglicht mich – als Person und in meiner professionellen Rolle. In der Tiefe des Hörens entsteht der Raum, der ins Werden bringt, was ansonsten blockiert bliebe. Zuhören kann als Korrespondenzbegriff für Respekt und für die Annahme des Anderen gesehen werden. Die im Hören erweckte schöpferische Energie kann sich dann uneingeschränkt ausdehnen, wenn der Hörende lernt, loszulassen: Hoffnungen, Wünsche, Ängste, Erwartungen, Erinnerungen, Urteile, Bewertungsmuster, bloße Vermutungen und voreilige Schlüsse. Dann kommen auch die ansonsten schnell überhörten und für das journalistische Gebot der Wahrhaftigkeit so entscheidenden Nuancen in das Feld der Wahrnehmung.

In der Tiefe Hören dient der Entschleunigung der Kommunikation, und es erleichtert Präsenz, also das Sein im Hier und Jetzt, in der Unmittelbarkeit der Situation mit ihren Anforderungen. Sie schafft den Raum für die notwendige Tiefe der Wahrnehmung und wird so zur Voraussetzung für eine angemessene Reflektion. Das journalistisch umzusetzen, fordert neben dem Gesagten sicherlich zusätzlich eine funktionale Arbeitsteilung von Journalismus und Technik. Videojournalisten etwa, die mit der Kamera in der Hand und einem Teil ihrer Wahrnehmung und ihrer Gedanken bei Bildeinstellung und Tonaussteuerung sind, können dem Gegenüber, das vor Kamera und Mikrofon Auskunft gibt, weder als Person noch bezogen auf seine Aussagen auch nur annähernd gerecht werden.

Dialog statt Debatte

Stoßen Menschen in der medialen Öffentlichkeit aufeinander, um sich gemeinsam einer Frage, einem Thema zuzuwenden, kann Gemeinsamkeit selten wahrgenommen werden. Eher dominiert die Auseinandersetzung, der Versuch, dem Anderen seine Meinung aufzuzwingen oder doch zumindest mit Vorteilen aus der Debatte hervorzugehen. Die Debatte ruft nach Siegern und Verlierern, und sie stellt immer dann eine Weise des argumentativen Krieges dar, wenn Worte, Mimik und Gestik als Waffen verwendet werden. Nicht nur Stammtische, auch Bildungseinrichtungen, die so genannten Volksvertretungen und vor allem journalistische Gesprächsrunden sind beherrscht von diesem Virus, der auch vor den engsten und intimsten sozialen Räumen, wie Partnerschaft und Familie, nicht halt macht. Das oberste Ziel besteht in der Durchsetzung der eigenen argumentativen Muster und damit verbunden der eigenen Interessen.

Grundlegend anders stellt sich das wertschätzende und nichtverletzende Gespräch dar. In ihm wollen Menschen sich begegnen und nicht belehren. Sie sind bereit, sich vor- und füreinander zu öffnen, sich aufeinander einzulassen, zu hören, die Ausdrucksweisen des Gegenübers zuzulassen und bei ihrer Erschließung zu helfen. Die Begegnenden sehen sich in ihrer Unterschiedlichkeit und Andersartigkeit und gestehen sie sich gegenseitig als ursprüngliches Recht zu. Diese Grundtoleranz grenzt nicht aus, sondern respektiert und hält, soweit möglich, den Partner im Gespräch. Notwendige Auseinandersetzungen und Klärungen werden dann darunter nicht leiden.

Ambiguitätstoleranz

Wirklichkeit ist kontingent, unsicher, uneindeutig und widersprüchlich. Der Widerspruch bewegt als Motor die geistige und kulturelle Evolution. Jedes bewusste Gespräch, jeder tiefe Dialog, jede Auseinandersetzung mit politischen oder weltanschaulichen Fragen führen in die Erfahrung, dass es keine Aussage, keinen Satz gibt, der nicht sein Gegenteil schon immer in sich trüge. Wenn wir also in der Wahrhaftigkeit nach Wahrheit streben, so erfordert dies zu lernen, mit Widersprüchen nicht nur zu leben, sondern sie als Teil und aufgehoben in einer Wirklichkeit zu sehen, die größer ist als die der eigenen Weltbildkonstruktion. Anders gesagt: Das eilige Streben nach Eindeutigkeit, gerade in der journalistischen Vermittlung, führt an Vereinfachungen, Blindheiten und schablonenhaftem Denken vorbei. Ambiguitätstoleranz hält demgegenüber aus. Sie erträgt den Widerspruch, thematisiert ihn, hält ihn im Spiel. In ihr respektiert der Kommunikator, dass es, bezogen auf dieselbe Frage, Antinomien, also unvereinbare und doch jeweils in sich stimmige Wahrheiten geben kann.

Ambiguitätstoleranz heißt mehr als passives Tolerieren. Nicht voreilig Gewissheiten zu konstatieren, schließt die aktive Auseinandersetzung mit Unterschieden und Differenzen ja nicht aus. Im Gegenteil. Wahrhaftigkeit fordert dies unmissverständlich ein. Es geht um die Weise des Ringens und des Klärens; es geht um meine Bereitschaft, Standpunkte zu riskieren; es geht um die Selbstsicherheit, die sich im Loslassen findet und bestätigt; es geht um einen sich stetig erneuernden und weiterführenden Lernprozess, gerade auch mit dem Blick auf demokratische Öffentlichkeit.

Kontextualität

Grundaussage kulturwissenschaftlicher Perspektive und Erkenntnis ist die Einsicht, dass es keinen Text ohne Kontext gibt. Wie viel mehr kann dies als Axiom für journalistisches Handeln gesehen werden. Erst durch die Einbettung in den aktuellen, gesellschaftlichen und historischen Kontext werden Nachricht und Bericht zur Information, die bei den Rezipienten lebensweltlich und bewusstseinsmäßig andocken kann.

Es gibt ausgesprochene und unausgesprochene Formen von Kontextualität. Oft werden die notwendigen Beziehungen und Bezüge durch thematische Kontinuität und eine darauf bezogene Zeitnähe hinreichend gewährleistet. Achtsamer Journalismus wird sich dann um eine Wortwahl bemühen, die sowohl dem Inhalts- und Sprachaspekt des auf den Rezipienten bezogenen Verstehens gerecht wird wie auch der diachronischen Tiefenschärfe. Bei anderen Themen wird es zur Herausforderung, für den unter Aktualitätsgesichtspunkten ausgewählten Inhalt den Kontext sachlich, zeitlich und sozial erst herzustellen. Dabei spielt die Reflektion des (vermuteten) Vorwissens der Rezipienten die entscheidende Rolle, was auch die Notwendigkeit entsprechender Forschung und deren redaktioneller Rezeption und Diskussion deutlich macht.

Kontextualität und Verständlichkeit liegen auf einer Ebene. Journalistische Selbstreflektion hinsichtlich des eigenen kulturellen Hintergrunds und der eigenen Sprachcodes kommen dem genauso entgegen wie die Bereitschaft, Sprache als Prozess zu sehen und an angemessenen Sprachschöpfungen zu arbeiten. Kontextualität erschließt schließlich die Tiefe eines Sachverhalts und leistet den entscheidenden Beitrag hinsichtlich der Forderungen nach Richtigkeit und Vollständigkeit.

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Diese sieben Leitmotive für einen achtsamen Journalismus entspringen einer Lebenshaltung, die auf dem Geist des Nichtverletzens gegenüber allem Leben, der Verbundenheit mit dem Leben in seiner Vielfältigkeit an sich und einer darauf bezogenen prozessorientierten Selbstreflektion beruht. Selbstreflektion setzt dabei voraus, zu mir selbst als Beobachter in Distanz zu treten und mich in eine Metaperspektive, also Zeugenschaft zu bewegen.

Achtsamkeit dient als Verständigungsgrundlage der Gesellschaft über sich selbst und ermöglicht die Tiefenwahrnehmung gesellschaftlich-kultureller Prozesse. Sie vermag Vertrauen in Information und Diskursqualität da wieder herzustellen, wo diese der Quoten heischenden Zuspitzung und Skandalisierung und der öffentlichkeitswirksamen Inszenierung von Politik zum Opfer gefallen sind. Achtsamkeit richtet sich schließlich aus auf qualitative Tiefenschärfe und sie möchte damit einer Beschleunigung hin zu einem Zustand vorbeugen, der mit Jean Baudrillard als strukturelle Amnesie bezeichnet werden kann.

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Achtsamkeit als journalistische Grundhaltung bedarf zu ihrer Verwirklichung entsprechender Ausbildungsangebote. Ein breites gesellschaftliches und kulturelles Grundwissen, Bildung im klassischen Sinne also, ist dafür genauso Voraussetzung wie eine Schulung der Wahrnehmung und die Orientierung an einem integralen Erkenntnis- und Vernunftbegriff. Ein solches Verständnis von Erkenntnis und Vernunft basiert auf fünf Säulen:

Weltzugang durch Analyse, logisches Schließen und wissenschaftlich begründete Erkenntniszugänge: Hier sind Intersubjektivität, Nachvollziehbarkeit, Überprüfbarkeit und Verallgemeinerbarkeit zentrale Kriterien. Es ist das, worauf sich der Blick der „rationalen“ Welt normalerweise beschränkt.

Sinnlicher und erfahrungsbezogener Weltzugang: Hier spielen die reflektierten Erfahrungen, mit denen Menschen im Leben stehen, die zentrale Rolle. Diese Erfahrungen werden von den Sinnen gesteuert, und sie sind mit Gefühlen, aber auch mit Hoffnungen und Erwartungen und in der Folge Bewertungen verbunden. Um diese zu erkennen, ist die Reflektion entscheidend – als Selbstreflektion, aber auch durch Begleitung/Beratung und Supervision, die im System Journalismus noch immer ein Schattendasein fristen.

Intuition: Intuition bietet Zugang zu einem Wissen, das normalerweise vor uns verborgen ist. Verdrängtes, aufgrund notwendiger Selektion nicht Wahrgenommenes, Unbewusstes, kollektiv Unbewusstes, aber auch das, was Henri Bergson als „metaphysisch gegebene Erlebniszeit“ bezeichnet, gehören dazu – nicht zu vergessen das „Bauchgefühl“ in Klärungs- und Entscheidungssituationen. Intuition lässt sich schulen, wir können die Sinne dafür verfeinern. Und es lässt sich daran arbeiten, nicht intuitiven Täuschungen zu erliegen, die durch Projektionen etc. zustande kommen.

Weisheit: Die großen Weisheitslehren und Weisheitsschulen auf dieser Erde halten einen unerschöpflichen Schatz an Lebens- und Orientierungswissen bereit. Dieses Wissen ist von seinem Charakter her überzeitlich, was etwa in den ethischen Traditionen der Weltreligionen zum Ausdruck kommt. Weisheit stellt immer wieder die notwendige Distanz zu der Verfangenheit im Moment und der Wahrnehmungsbegrenzung in der Situation her. Sie weitet den Blick über uns hinaus und stellt uns in Beziehung mit dem Ganzen.

Kontemplation: Dies ist der Weg und die innere Haltung dazu. Zugleich errichtet der kontemplative Weltzugang einen inneren Raum der Gelassenheit. Hier entstehen Kraft, Klarheit und das Vertrauen zu umsichtigem Erkennen und Handeln. Hier findet aber auch die über den Tag hinausweisende Erkenntnis ihren Platz und ihren Raum zur Entfaltung. Kontemplation und die innere Haltung der Achtsamkeit geben den ersten vier Säulen ihre Tiefe.

Immer wieder wird in der Alltagswelt die eine oder andere Säule zur momenthaft tragenden Säule werden. Doch gerade dann ist es wichtig, die anderen im Horizont und in der Hintergrundstrahlung des Bewusstseins zu halten. Qualitätsjournalismus bedarf dieses integralen Weltzugangs – im Sinne des Selbstwertes der journalistisch Handelnden, im Sinne der Gesellschaft und der Kultur, in die Journalismus eingebettet ist, im Sinne des Ganzen.

Literatur:

  • Eurich, Claus (2008): Wege der Achtsamkeit. Über die Ethik der gewaltfreien Kommunikation. Petersberg.

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